Thomas Anders ist sehr wichtig. Der Modern Talking-Sänger ist eine Lichtgestalt. Die Mädchen knien vor den Milizionären nieder, um zum Konzert ins Stadion zu kommen. Doch die Karten sind allesamt bereits reserviert und an Veterane und Funktionäre vergeben. Und als die Mädchen es dann doch irgendwie geschafft haben, hineinzukommen, ist der Mann mit den schwarzen Locken so weit entfernt, dass noch nicht einmal seine Gesichtszüge zu erkennen sind. Das Glück dieses Augenblicks verspürt Nastja trotzdem noch lange.

Wichtig ist im Übrigen auch die Klo-Situation: Das Plumpsklo im Garten ist Spiegel der Jahreszeiten und des sozialen Status zugleich. Im Winter friert der ganze Dreck ein; im Frühling schmilzt der Haufen und breitet sich im Garten aus. Abgewischt wird mit Zeitungen. Und wenn einer aus Versehen eine Zeitungsseite benutzen will, auf der eine Parteigröße abgebildet ist, kommt die Großmutter angerannt und reißt sie ihm aus der Hand.

Das klingt derb und ein wenig nach der altbekannten, vom Hauch des Nostalgischen angewehten Ost-Komik. Aber so ist Das kalte Licht der fernen Sterne, das literarische Debüt von Anna Galkina, nicht. Es ist vor allem kein putziges Buch, im Gegenteil. Anna Galkina ist in einem Dorf in der Nähe von Moskau aufgewachsen und kam 1996 mit ihren Eltern nach Deutschland. In der Umschlagklappe des Romans finden sich in Brauntöne getauchte Fotografien von aneinandergereihten Holzhäusern hinter schiefen Lattenzäunen. Ein Bild wie aus dem 19. Jahrhundert. Das ist die Sowjetunion der 80er Jahre, in der Anna Galkinas Ich-Erzählerin Nastja aufwächst. Ein langsam auseinanderfallendes Riesenimperium, in dem die Endzeitstimmung bereits spürbar ist. Und in dem sich die Romanfiguren auf unterschiedliche Weise wie selbstverständlich eine Alltagsgrausamkeit anerzogen haben.

Die Männer verschwinden oder saufen

Galkinas Erzählerin wertet nicht, was sie sieht. Sie beobachtet scharf und detailgenau, mit einem kalten Blick, der offen ist für das unfreiwillig Skurrile. Man darf vermuten, dass Galkina sich Agota Kristofs Romantrilogie zum Vorbild genommen hat, was Tonlage und distanzierten Blick betrifft.

Der Roman beginnt mit einer Rückkehr: Zwanzig Jahre nachdem sie den Ort ihrer Kindheit – einst Erholungsstädtchen für Adelige, danach ein heruntergekommener sowjetischer Ramschladen – verlassen hat, kommt Nastja wieder am Bahnhof an, beginnt, durch die Straßen zu gehen, die Veränderungen zu registrieren. Der Erinnerungsapparat kommt auf Touren. Das kalte Licht der fernen Sterne ist ein Episodenroman, in dem sich die Einzelszenen zu einem vielschichtigen Bild zusammensetzen.

Nastja stammt aus einem Haus, in dem gelesen wird. Die Bibliothek ist die Leidenschaft der Mutter. Der Vater ist verschwunden; überhaupt sind die Männer die großen Abwesenden. Wenn sie sich nicht aus dem Staub gemacht haben, sind sie Säufer. Die wenigen Guten gilt es, festzuhalten. Nastjas Aufwachsen ist ein Großwerden in eine politische Umbruchszeit, zugleich aber in gefestigte autoritäre Strukturen hinein, in denen Gewalt der Normalfall ist und sich in alle Lebensbereiche erstreckt. Die Lehrerin schlägt im Klassenzimmer ihren Sohn blutig; im Kindergarten demütigen die Erzieherinnen ihre Schutzbefohlenen. Und später, im jugendlichen Alter, macht Nastja die Bekanntschaft von drei Mädchen, "die Schlampen" werden sie genannt. Es gibt eine brutale und abstoßende sexuelle Gewaltszene, vollzogen in der Öffentlichkeit und vor Publikum, die das gesamte Ausmaß von moralischer Verwahrlosung vor Augen führt.

Vermessung des Sehnsuchtsraums

Solche abstoßenden Schilderungen sind nicht repräsentativ für das gesamte Buch, aber sie gehören dazu, sind Teil der Welt. Kein Wunder, dass etliche Figuren Fluchtbewegungen der unterschiedlichen Art unternehmen. Eines Tages stehen da im Park zwei junge Männer, Soldaten. Einer davon ist Dima, er kommt aus der Ukraine. Dima könnte zu einem Hoffnungsstrahl werden. Aber auch er ist eingebunden in die Zwänge des politischen Systems.

Das kalte Licht der fernen Sterne ist keine Abrechnung und keine Anklage. Nastja ist ein Medium, durch das die Ereignisse hindurchfließen. Gleichzeitig aber ist sie der lebende Beweis dafür, dass es in einem ideologisch strukturierten Staat nicht den politisch unschuldigen Blick gibt. Hinter all dem, was im Roman unausgesprochen bleibt, im Schatten der Erfahrungen in all ihrer Härte, eröffnet sich ein Sehnsuchtsraum. Er wird in Galkinas gelungenem Debüt vermessen.

Anna Galkina: "Das kalte Licht der fernen Sterne". Roman. Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 2016, 218 S., 19,99 €