Es gab Zeiten, da galt der Entwurf eines idealen Gemeinwesens als Utopie, im positiven Sinne. Heute ist das anders. Das liegt, einerseits, an der missglückten Realitätsprobe der kollektiven Glücksentwürfe. Es gilt gemeinhin das Bonmot von Helmut Schmidt, dem großen Antiutopisten, der schon um 1980 brummte: "Wer Visionen hat, der sollte zum Arzt gehen."

Das wiederum passt, andererseits, dem modernen Menschen ganz gut in den Kram, weil sein Interesse am Gemeinwesen ohnehin gering ist. Der Homo oeconomicus ist schließlich Einzelgänger. Sein Heil ist die Nutzenmaximierung. Seine ideales Nirgendreich ist: das perfekte Büro.

So ist es zumindest bei Björn, dem Icherzähler aus Jonas Karlssons Roman Das Zimmer. Nachdem Björn beruflich in eine Behörde gewechselt ist, macht er eine geheimnisvolle Entdeckung: Zwischen der Toilette und dem Aufzug befindet sich eine Tür, die von seinen Kollegen offenbar gemieden wird. Sie führt in ein kleines, fensterloses Büro. "Nichts Bemerkenswertes", stellt er fest. "Aber alles in perfekter Ordnung. Klar und sauber." Er dreht um. Doch das Zimmer lässt ihn nicht mehr los. Er ist angefixt.

Offensichtlich wahnhaft

Das ist der Ausgangspunkt des Romans, der fast vollständig in der vierten Etage eines Bürogebäudes spielt. Die Behörde, die in dem Gebäude untergebracht ist, bietet eine skurrile Kulisse: Sie ist neu, groß, namenlos und ungreifbar. In ihr entstehen irgendwelche Rahmenbeschlüsse, über deren Inhalt nichts bekannt wird. Fassbarer ist hingegen der Plan des Icherzählers: Björn, anscheinend ein Homo oeconomicus aus dem Lehrbuch, will "irgendwann die Kontrolle über die Abteilung übernehmen". Daran arbeitet er mit eiserner Disziplin, beharrlicher Hybris und taktischem Verhalten. Das zeigt sich nicht nur in der Kommunikation mit seinen neuen Kollegen, sondern auch im Erzählen: Der Icherzähler modelliert die Geschichte, den Handlungsort und die Nebenfiguren in einer Art und Weise, dass man als Leser misstrauisch werden muss. Die Erzählerbrille, durch die man blickt, scheint die Wirklichkeit der narrativen Fiktion sonderbar zu verzerren.

Nun ist das Phänomen des unzuverlässigen Erzählers nichts Ungewöhnliches in der Literatur und von Edgar Allan Poe bis hin zu Samuel Beckett weitverbreitet. Doch in Das Zimmer ist diese Unzuverlässigkeit nicht nur eine mimetische Spielerei des Autors Jonas Karlsson, sondern auch eine zwangsläufige Konsequenz aus der Figurenpsyche des erzählenden Protagonisten: Björn ist offensichtlich wahnhaft.

Schnell wird nämlich klar, dass die Darstellung des Erzählers mit der Sicht seiner Kollegen keineswegs übereinstimmt. Das zeigt sich an Kleinigkeiten, vor allem aber an dem geheimnisvollen Zimmer. Während Björn dem Leser erklärt, dass er sich immer wieder dorthin zurückziehe, um sich in die Ruhe und Präzision des idealen Büros fallen zu lassen, bleibt der Raum für seine Kollegen nur eins: nicht existent.

Besondere Beschaffungskriminalität

Was Karlsson, 1971 in Södertälje bei Stockholm geboren und zuvorderst als Schauspieler bekannt, aus dieser Grundkonstellation entwickelt, liest sich, als wäre Kafka in der Postmoderne auferstanden und hätte einen schwedischen Krimi geschrieben. Das Zimmer ist kunstvoll, intensiv, grotesk und fesselnd. Und es hat, obwohl im klassischen Sinn kaum etwas passiert, eine fulminante Dramaturgie.

Bald wird Björn zur Aussprache gebeten. Seine Kollegen finden ihn unheimlich. Er wiederum spricht von Psychokrieg und systematischem Mobbing. Doch selbst sein Chef, der ihm als Einziger in der Abteilung noch wohlgesonnen ist, nimmt schließlich das Wort Wahnvorstellungen in den Mund. Er verbietet seinem Angestellten, in das (nicht existente) Zimmer zu gehen und schickt ihn zum Arzt. Björn lenkt scheinbar ein – doch er bleibt bei seiner Ver- bzw. Vision. Das Zimmer ist längst seine Droge, die ihn zu einer besonderen Form von Beschaffungskriminalität treibt: Er entwendet den Sachbericht eines Kollegen, um sich damit nach Dienstschluss in sein Zimmer zu stehlen.

Damit leitet der Icherzähler ein furioses Finale ein, das an dieser Stelle verschwiegen werden soll. Nicht, dass irgendwer darauf verzichtet, den Roman zu lesen, weil er das Ende schon kennt. Denn auch das ist im wahrsten Sinne fantastisch. Jonas Karlsson ist mit Das Zimmer ein famoser Roman über einen bizarren Visionär in der modernen Arbeitswelt geglückt.

 Jonas Karlsson: "Das Zimmer". Roman. Luchterhand, München 2016. 176 S., geb., 17,99 €