In diesem Roman der schwedischen Schriftstellerin Mare Kandre, die 2005 im Alter von 42 Jahren starb, gleicht alles labyrinthischen Verirrungen und Verbindungen: die angstvollen Gefühle und Gedanken der achtjährigen Protagonistin Aliide; die dunklen Straßen und Gänge der Stadt; die gefühlte innere Beschaffenheit ihres ihr fremden Körpers; die Gänge im Haus der Großeltern. Und mittendrin steht Aliide, die versucht, in diesem bedrohlichen, undurchschaubaren Labyrinth, als das ihr das Leben erscheint, nicht unterzugehen. Ein Mädchen, das seismografisch genau alle Stimmungen um sich herum wahrnimmt. Das an der Verschlossenheit der Erwachsenen leidet. Und das vor allem in sich selbst ein so großes Reservoir an Angst und Schmerz trägt, dass es glaubt, daran zu sterben.

Dass die Kindheit kein Paradies ist, ist keine Neuigkeit. Die Radikalität und die sprachliche Ausdruckskraft aber, mit der Mare Kandre die innere Welt eines Mädchens als Höllengang schildert, ist außergewöhnlich, einfühlsam, auch verstörend. Woher kommen all dieser Schmerz und diese Angst?

Mit Aliide, Aliide, im Original schon 1991 erschienen, ist eine hierzulande fast unbekannte Autorin zu entdecken, die in Schweden als eine der wichtigsten Vertreterinnen ihrer Generation gilt. Es ist Kandres fünftes Buch , die 1984 mit gerade mal 22 Jahren debütierte und von der schwedischen Kritik  als "Entdeckung des Jahrzehnts" gefeiert wurde. Bis zu ihrem Tod veröffentlichte sie elf Bücher und schrieb auch mehrere Theaterstücke. Seit 2006 wird der Mare-Kandre-Award verliehen.

Bereits in ihrem autobiografisch geprägten Debüt ging es um das Thema Kindheit. Und Bubins Unge (Bübins Kind), erschienen 1987, handelt von einem jungen Mädchen, das, von den Erwachsenen nicht wahrgenommen, schließlich ein kleineres Kind tötet. Das war eine Grenzüberschreitung, wie sie Kandre mehrfach in ihrem Schreiben vollzog. Doch war die Zeit offenbar nicht reif für eine solche Geschichte, und so deutete man den Mord symbolisch, etwa für den Übergang vom Mädchen zur Frau. Kandre aber hatte es konkret gemeint, wie sie in einem Interview betonte: Das Mädchen habe aus Verzweiflung getötet.

Auch Aliide ist verzweifelt. Zunächst aber gibt es auch noch gute Gefühle. Da ist zum Beispiel die Freundschaft zu K. Die ist zwar ein "richtiges Mädchen", was Aliide furchtbar findet, denn Mädchen sind steif und haben immer brav zu sein, aber wenn sie zusammen sind, kann selbst K ihr Mädchensein abstreifen. Wildheit, Mut und Entdeckerlust treiben die beiden an, lassen sie durch den Park, die Straßen ziehen, auch wenn diese düster sind. Unter dem Blick der Erzählerin, die immer sehr nahe an den Wahrnehmungen Aliides ist, ist die Welt eine schaurige.

Nach der Begegnung  mit einer heruntergekommenen Frau – eine starke, (alb)traumhaft verdichtete Szene –  ahnt das Mädchen Schlimmes, die Begegnung verfolgt Aliide, sie erinnert, "wie der vergilbte Finger ihre Hand berührte, ihr Wesen, alles, was sie ausmachte, ihr Leben und ihre Seele. Noch einmal ging der Blick der Frau geradewegs durch sie hindurch, geradewegs hinunter zu einem Punkt, der kalt und dunkel und fürchterlich war, wo ein einsames, kleines, zum Schweigen gebrachtes Kind saß und weinte, als säße es auf dem Grunde eines trockengelegten Brunnens in der Wüste".

Aliide findet sich in ihrer Furcht bestätigt, als man in der Klasse zweimal ihren Namen ruft und sie dann zu einer schulärztlichen Untersuchung führt. Was aber geschieht, kann sie nicht begreifen, in ihr löst der Arzt, den sie nur als Schatten wahrnimmt, Panik aus. Nachdem er sie überall mit seinen Händen angefasst hat, ist alles verändert. Der eigene Körper ist Aliide nun vollkommen fremd. Sie fühlt Scham, Schuld, Selbstekel.