Ein seit einigen Jahren unter Kapitalismuskritikern zirkulierendes Bonmot lautet: Es ist leichter, sich das Ende der Welt vorzustellen, als das Ende des Kapitalismus. Vom Ende her gedacht heißt das: Wenn das Unvorstellbare anklopft, ist das Vorstellbare schon im Hausflur.

Inzwischen wird der Glaube ans System immer stärker von Zweifeln untergraben. Bankenkrise, Eurokrise, Griechenland-Krise und schließlich die sogenannte Flüchtlingskrise. Gewissermaßen lässt sich hier eine Bewegung hin zum Konkreten beobachten: War der Finanzcrash im Jahr 2008 noch einigermaßen abstrakt und betraf vor allem den deutschen Normalbürger so gut wie gar nicht, tritt jetzt das Versagen des Systems in Form von Menschen auf, die an der Grenze stehen.

Für den Philosophen Armen Avanessian sind die Migrationsbewegungen vor allem anderen ein Symptom des Wirtschaftssystems: "Der Kapitalismus", sagt Avanessian, "war und ist – und wird es bis in seine letzten Züge bleiben – ein auf systematischer Ungerechtigkeit und strukturellem Rassismus aufbauendes Wirtschaftssystem, das naturgemäß zu Migrationsbewegungen der Ausgebeuteten führt." Insofern scheitere der Kapitalismus überhaupt nicht, sondern nur die Vorstellung von den gleichen Chancen aller, die der Kapitalismus befördere. In der öffentlichen Wahrnehmung aber sieht das anders aus: Bisher hat alles ganz gut funktioniert, jetzt irgendwie nicht mehr.

In der Vorstellung beginnt das Fundament zu erodieren: Die Angst, dass da etwas aus den Fugen geraten ist, verfestigt sich. Man beginnt sich vorzubereiten auf etwas, das noch ungewiss ist, ein Topos der achtziger Jahre kehrt zurück: das Survival. "In erster Linie sind es ökonomische Krisenszenarien, gekoppelt mit ökologisch düsteren Zukunftsaussichten, die die Konjunkturen des Überlebenswissens in den Achtzigerjahren antreiben und die gleichfalls hinter der Wiederkehr des Survivals im neuen Jahrtausend vermutet werden dürfen", schreibt daher Philipp Schönthaler in seinem neuen Essay Survival in den 80er Jahren. Der dünne Pelz der Zivilisation.

In seinem Buch macht sich der Autor auf die Spur der Geschichte des Survivals, seiner Hochphase während des Kalten Krieges und seiner erneuten Relevanz angesichts der krisenreichen letzten Jahre. Anhand von Ratgebern, berühmten Überlebenskünstlern (Rüdiger Nehberg und Reinhold Messner) und fiktionalen Helden (Robinson Crusoe und Rambo) analysiert er die Ursachen und die daraus entstehenden unterschiedlichen Ausprägungen der Überlebenskunst.

Entstand das Survival zunächst als Notwendigkeit der imperialen Ausbreitung des Westens, im Zuge derer sich Reisende auf die Abenteuer in der fremden Wildnis vorbereiten mussten, entwickelte es sich nach dem Zweiten Weltkrieg zur Standardausbildung im Militär. Der Grundtenor war immer: Der von der Zivilisation weich gekochte Mensch muss wieder überlebensfähig gemacht werden, falls er sich im Dschungel verläuft oder mit dem Flugzeug abstürzt.

Das unzufriedene Zivilisationsweichei

In seiner detaillierten Untersuchung stellt Schönthaler allerdings einen Bedeutungswandel des Survivals fest – anstelle des Menschen, der sich in der ihm fremd gewordenen Natur zurechtfinden muss, tritt die Vorstellung eines Systemkollapses, der dazu führt, dass die Zivilisation selbst aus den Fugen gerät und die Gefahr vor der Haustür lauert: "Im Unterschied zu den Handbüchern der Achtziger hat sich das Katastrophenszenario in diesen Ratgebern grundlegend geändert. Nicht mehr der Einzelne in der Natur steht im Zentrum, sondern der Bau einer privaten Arche Noah." Die im Schatten des Finanzchrashs neu geschriebenen Ratgeber tragen Titel wie Perfekte Krisenvorsorge. Überleben, wenn Geld wertlos wird und Geschäfte leer sind oder Was Opa und Oma noch wussten. So haben unsere Großeltern Krisenzeiten überlebt (beide 2012).

Schönthaler unterscheidet daher den flüchtigen und ortlosen Survivalisten der achtziger Jahre vom stationären und territorialen Typus heute. Während Ersterer einem Abenteurer gleicht, der mit sich selbst als Zivilisationsweichei nicht mehr zufrieden ist und die Gefahr sucht, vertritt Letzterer eine andere "Gefahren- und Sicherheitspolitik: Landnahme, Selbstversorgung, Selbstschutz". Es ist nicht mehr die Angst vor einer tatsächlich zerstörten Welt, die das Survival erneut ins kollektive Bewusstsein treibt, sondern vor dem Versagen der Gesellschaftsstrukturen und letztlich des Staates als Souverän – der Ausnahmezustand wird herbeihalluziniert, um sich wieder zum Recht zu verhelfen.