Fast alles, was einen Menschen ausmacht, hat mit seiner Vergangenheit zu tun. Aber was ist, wenn er diese Vergangenheit nicht kennt? In Catalin Dorian Florescus Roman Der Mann, der das Glück bringt tasten sich zwei Figuren an ihre Wurzeln heran. Elena erzählt die Geschichte ihrer Mutter, die 1920 im Donaudelta in Rumänien geboren wurde. Ray erzählt die Geschichte seines Großvaters, der seine Jugend an der Schwelle vom 19. zum 20. Jahrhundert in New York verbringt.

Elena hat ihre Mutter nie kennengelernt. Sie nähert sich dieser Frau erst, als es zu spät ist – nach deren Tod. Nun versucht die Tochter durch ihre Erzählung, die Unbekannte zum Leben zu erwecken. Sie beginnt mit der Geburt der Mutter in dem verwunschenen Delta. Es ist ein Ort wie aus dem Märchen, wo es Hexen und Riesen gibt und die Menschen an den Teufel glauben.

Bei Ray reicht die Frage nach der Identität zurück in die Jugend des Großvaters. Wahrscheinlich ist dieser einer von denen, die aus Europa in die USA eingewandert sind. Ob er Italiener, Ire oder Jude ist, weiß Rays Großvater nicht. Er wächst ohne Eltern als Waisenkind in New York auf, schläft im Kohlenkeller und schlägt sich durch. Als Zeitungsjunge, Bettler, Schuhputzer und irgendwann mit einer moralisch sehr fragwürdigen Tätigkeit. Eigentlich aber will er auf die Bühne: Sänger werden, Entertainer im Vaudeville oder zumindest in den Freakshows. Aber für Letzteres ist er weder buckelig noch kleinwüchsig genug. Doch er hat ein Talent, das man nicht nur für die Bühne braucht: Er ist wandlungsfähig. Je nachdem ob sein Gegenüber Ire, Italiener oder Jude ist, wird aus ihm Paddy, Pasquale oder Berl.

Suche nach den Zwillingstürmen

Ray hat dieses Talent geerbt und lebt den Traum seines Großvaters weiter. In einem kleinen Kellertheater schlüpft er als "Der Mann, der das Glück bringt" in die Rollen von alten Unterhaltungsstars. Viele Zuschauer kommen nicht. Als Ray die Details seiner Show nacherzählt, weiß man auch, warum das so ist.

Lange stehen die Geschichten von Elena und Ray, denen die Kapitel wechselweise gewidmet sind, für sich. Nur wenig deutet darauf hin, dass sich hier zwei Menschen in einem Dialog befinden. Der Leser weiß lange nicht, welche Verbindung zwischen ihnen besteht, denn der Roman wird nicht chronologisch erzählt. Erst im sechsten von acht Kapiteln reist Elena nach New York. Sie will die Asche ihrer Mutter, die es selbst nicht nach Amerika geschafft hat, dort verstreuen.

Elena beschließt, dazu auf die Aussichtsplattform des World Trade Centers zu gehen. Spätestens an diesem Punkt ahnt man, was jetzt kommt. Mehrere Tage irrt Elena auf der Suche nach den Zwillingstürmen durch die Stadt. Als sie kurz davor ist, ihr Ziel zu erreichen, passiert es. Forescu beschreibt die Bilder des 11. Septembers 2001, die man aus dem Fernsehen kennt: Feuer, Trümmer, Asche. Elena rettet sich und das Einmachglas mit den Überresten ihrer Mutter und findet dort Zuflucht, wo sie den Abend des vergangenen Tages als Zuschauerin verbracht hat: in Rays Kellertheater.

Wie ein ruhiger Fluss

Mit der Wahl dieses symbolträchtigen Datums bricht der Kitsch, der schon vor dem Zusammentreffen der beiden Figuren als Gefahr über allem schwebt, sich endgültig Bahn. Bei der Erzählung über den Großvater meint man, Charles Dickens' Oliver Twist habe sich nach New York verirrt. Immer wieder streut Florescu Gesangseinlagen des Großvaters ein. Man fühlt sich wie in einem Musical. Die Geschichte über den armen Waisenjungen ist einfach zu rührselig.

Dabei fängt der Roman vielversprechend an. Wie ein ruhiger Fluss fließt die Erzählstimme dahin, man hört ihr gerne zu. Und auch in Elenas und Rays Geschichten spielen Flüsse eine wichtige Rolle. Über den Hudson River im Westen kommen die Einwanderer aus Europa nach New York. Im Osten verlassen sie die Stadt wieder. Von dort werden die Toten des Ghettos über den East River auf den Friedhof der Hart-Insel gebracht. Es ist eine Fahrt über den Styx. Auch die Donau nimmt die Abfälle der Menschen, ihre Abflüsse, ihre Überreste im Westen Europas auf, um sie in dem rumänischen Delta abzulagern. Im Bild dieser Flüsse konzentriert sich all das, was Florescu mit seinem Roman sagen will. Es geht um Flucht und Träume, Leben und Tod und um die Suche nach der Quelle, der Identität. Motive, die auch in Florescus früheren Büchern wie Jacob beschließt zu lieben oder Zaira auftauchen.

Als Elena in New York ankommt, ist sie überwältigt von all dem Neuen. Sie möchte im Fremden das Bekannte erkennen und versucht, im Central Park einen Wald am Donauufer zu sehen. Dabei weiß sie selbst, dass das kein guter Vergleich ist. Die Hochhäuser erscheinen Elena erst wie Gräber und kurz darauf wie eine Tierherde. Obwohl diese Vergleiche von der Figur Elena ausgesprochen werden, wirken sie unbeholfen. Es ist wohl eher der Autor, der sich nicht entscheiden kann, welcher von ihnen am besten passt. Zurück in Rumänien sagt Elena: "Seit meiner Rückkehr vor zwei Jahren habe ich gelernt zu erzählen, findest du nicht?" Darüber kann man geteilter Meinung sein.

Catalin Dorian Florescu: "Der Mann, der das Glück bringt". C. H. Beck, München 2016; 327 S., 19,95 €