Für eine Schriftstellerin lässt sich ein bedrängenderes Dilemma kaum vorstellen: Wie der Profession noch nachgehen, wenn der Glaube an das Erzählen von Geschichten erloschen und auch das autobiografische Schreiben keine Option mehr ist? So schildert die 49-jährige britische Autorin Rachel Cusk ihre Situation nach dem Erscheinen ihres autobiografischen Romans Aftermath (2012), in dem sie vom Scheitern ihrer Ehe erzählte.

Obgleich die Erfahrung, dass langjährige Paarkonstellationen explodieren und die Familie zum Kriegsschauplatz mutiert, keine ungewöhnliche ist und für niemanden eine Überraschung, wollte man es so offen und mit solcher Schärfe nicht lesen. Obszön und indiskret sei sie, hieß es. Die vielfach ausgezeichnete Schriftstellerin musste vernichtende, persönlich verletzende Kommentare der Presse über sich ergehen lassen. Seither haftet ihr der Ruf der "meistgehassten Schriftstellerin Englands" an.

Das "Authentische" in Karl Ove Knausgårds Tausenden Seiten autobiografischen Erzählens hingegen wird als innovativ und meisterhaft gefeiert. Ein prägnantes aktuelles Beispiel der unterschiedlichen Wertung autobiografischer Literatur von Autorinnen und Autoren.

Auflösung der Krise

Aftermath, so Cusk in einem Interview mit dem Guardian, sei ihr "kreativer Tod" gewesen. Drei Jahre lang konnte sie nicht schreiben. Ihr neues Buch Outline, der dritte auf Deutsch erschienene Roman Cusks, lässt sich als Auflösung dieser Krise lesen. Es ist ganz erstaunlich, wie es ihr gelingt, die Fallen des klassischen autobiografischen Erzählens zu meiden und gleichzeitig ihren Fiktionen den Anschein in sich allzu schlüssig erzählter Geschichten zu nehmen.

Cusks Ich-Erzählerin ist Schriftstellerin. Sie fliegt nach Athen, um dort einen Schreibkurs zu geben. Sie führt die Lesenden durch das Geschehen, das fast ausschließlich aus Gesprächen besteht, die sie zum größten Teil in indirekter Rede wiedergibt. Die Ich-Erzählerin ist das Zentrum des Romans und zugleich die am wenigsten fassbare, sichtbare Figur. Denn während die Menschen, denen sie begegnet, ihre Lebensgeschichten erzählen, schweigt sie meist oder fragt nach – und befördert so beim Gegenüber eine Art Bekenntnisfluss.

Eindrücklich vollzieht sich das gleich zu Beginn bei der Begegnung mit ihrem Sitznachbarn im Flugzeug. Sie erfährt von seinen zwei gescheiterten Ehen. Und schon hier tritt eines der Meta-Themen des Romans in Erscheinung: die Frage und der Wunsch nach der Erzählbarkeit des eigenen Lebens.

Kampf um Deutungshoheit

Die Ich-Erzählerin ist demgegenüber skeptisch. Sie analysiert das Gehörte wie eine literarische Erzählung, fragt nach, und siehe da, ein neues Detail, das die Rolle der Beteiligten in ein anderes Licht rückt – wie kann hier eine Wahrheit behauptet werden? Sie hat den Eindruck, dass "die Wahrheit in dieser Geschichte dem unbedingten Siegeswillen des Erzählers zum Opfer gefallen ist". 

Ist es nicht oft so, dass es bei Trennungen um einen Kampf um Deutungshoheit geht? "Die Geschichte, wer wem was angetan hatte, musste erzählt, die Frage von Schuld und Strafe geklärt werden, auch wenn das keiner Seite Befriedigung brachte; im Gegenteil, es verschlimmerte die Lage noch, versprach es doch eine Lösung, die nie gefunden wurde. (...) Und schließlich, sagte ich, hätte ich erkannt, dass sich der Streit niemals schlichten ließe, nicht solange die Wahrheitsfindung im Vordergrund stand. Denn es gab keine eindeutigen Wahrheiten mehr, genau das war unser Problem. Es gab keine geteilte Weltsicht mehr, geschweige denn eine geteilte Lebenswirklichkeit."

Hier gibt sie etwas von ihrer Beziehung preis. Durch ihre sparsamen Erwiderungen oder auch nur durch ihre unausgesprochenen Gedanken – beides sind Reaktionen auf das in den Gesprächen Gehörte – werden doch Umrisse der Erzählerin sichtbar. Ihr Leben als Ehefrau mit Mann, Kindern und Eigenheim ist Vergangenheit. Eine Identität, die lange Zeit gültig war, ist verloren. Wer sie stattdessen sein könnte – darauf hat sie noch keine Antwort. Der Mut von Cusks weiblicher Figur besteht darin, diese Leere anzuerkennen und auszuhalten.