Als der 24-jährige James Holmes am 20. Juli 2012 in Aurora, Colorado, die Mitternachtsvorstellung des neuen Batman-Films The Dark Knight Rises verließ, ahnte keiner der Zuschauer, dass Holmes – "ein normaler christlicher Junge", der sich in der presbyterianischen Kirche sehr engagiert hatte – Minuten danach zurückkommen würde, mit einer orangen Perücke auf dem Kopf, als Joker, Batmans teuflisch-brutaler Erzfeind. Mit drei in örtlichen Geschäften legal erworbenen Waffen, etwa einer halbautomatischen Smith & Wesson, und einem Teil der über sechstausend Schuss Munition, die er im Internet gekauft hatte, tötete Holmes zwölf Menschen und verletzte siebzig. Völlig verwirrt wurde der Doktorand der Neurowissenschaften danach inhaftiert.

Wie süchtig, erzählt Franco "Bifo" Berardi, der 1949 geborene italienische Philosoph und Medientheoretiker, der früher in der Autonomia-Bewegung aktiv war, habe er auf die Nachricht von dem Attentat in Aurora reagiert, habe sich in jede Meldung über Holmes vertieft und beschlossen, ein Buch zu Suizid und Massenmord zu schreiben. Spätestens seit dem 11. September 2001 könne das Thema niemanden gleichgültig lassen.

Holmes soll im Alter von elf Jahren seinen ersten Selbstmordversuch begangen haben, nach der Gefangennahme folgten weitere. Von einer kurzfristigen Ex-Freundin weiß man nur, dass er Witze übers Töten gemacht habe, aber diverse Bibelprediger gaben sofort der an den öffentlichen Schulen gelehrten Evolutionstheorie und dem Verschwinden der zehn Gebote aus dem Unterricht die Schuld. "Du sollst nicht töten. Was wäre heute, wenn er in der Schule täglich mit einem solchen Gebot konfrontiert worden wäre? (…) Aber wir haben die andere Richtung eingeschlagen. Seit sechzig Jahren folgen wir nun bereits dem Weg der Linken. Und was haben wir davon? Wir haben Massenmorde in Aurora."

Breiviks Manifest

Die propagandistische Indienstnahme von Mördern durch rechtsfundamentalistische Christen ist kein Zufall. Viele Amokläufe der vergangenen Jahre haben einen antilinken, antiemanzipatorischen, paradoxerweise geradezu wertkonservativen Hintergrund. Das herausragende Beispiel ist Anders Breivik, der auf der norwegischen Insel Utøya am 22.7.2011 zweiundsiebzig Menschen tötete, darunter dreiunddreißig Jugendliche. Dreihundert Menschen wurden verletzt. Sie gehörten zur Jugendorganisation der Norwegischen Arbeiterpartei und waren, so Berardi, für Breivik die nächste Generation "Kulturmarxisten", die er in seinem theoretischen Manifest Europäische Unabhängigkeitserklärung angegriffen hatte. Der "Multikulturalismus" der Kulturmarxisten sei, "wie ihr wisst (…) die Hauptursache der gegenwärtigen Islamisierung Europas". Er plädiere für einen rechristianisierenden "Kreuzzug", zu dem jeder einzelne Europäer aufgerufen sei.

Im ersten Entsetzen wurde zumeist geleugnet, dass das "verrückte Monster" Breivik erstaunlich feinsinnige Begründungen für das schwindende Selbstbewusstsein des Westens anführte, gegen das er angehen wollte. Etwa den Dekonstruktivismus Derridas oder Edward Saids Buch Orientalismus. Beide hätten langfristig relativierende Wirkungen auf die Pflege des europäischen Erbes gehabt. Kein Wunder, dass Mario Borghezio, ein rechtsextremer Abgeordneter der italienischen Lega Nord im Europäischen Parlament, Breiviks Gedanken "gut" oder "sogar sehr gut" finden konnte, "abgesehen von der Gewalt".

Auch für Breivik gilt, was Berardi als Ausgangspunkt seines Interesses an Massenmördern bezeichnet: Selten empfinden sie sich als Täter. Breivik etwa sieht sich als Opfer der "feminisierenden" Kindheit bei einer alleinerziehenden Mutter: "Ich bin voll und ganz gegen meine superliberale, matriarchale Erziehung, da ihr jede Disziplin fehlte." Gerne wird aus markigen bis larmoyanten rechten Gedanken Nähe zum Nationalsozialismus konstruiert. Für Breivik unvorstellbar: "Wann immer ich gefragt werde, ob ich ein Nationalsozialist bin, fühle ich mich beleidigt. Wenn ich irgendeine historische Figur oder irgendein deutsches Staatsoberhaupt der Geschichte wirklich hasse, dann ist das Adolf Hitler. Wenn ich in einer Zeitmaschine in das Berlin des Jahres 1933 reisen könnte, würde ich als Erster losziehen, um ihn zu töten." Der Nationalsozialismus habe verhindert, dass sich Christen und Juden gegen die gemeinsamen Feinde, Islam und Kommunismus, verbinden konnten.

Verwirrte Männer buhlen um Anerkennung

Wichtig an Berardis neuem Buch ist, dass er die Geduld aufbringt, den Massenmördern in ihre teils verqueren Argumente zu folgen, ohne auf jeder Seite seine Abscheu kundtun zu müssen. So macht er mehr sichtbar, als die standardisierten Schockreaktionen nach den einzelnen Amokläufen. Er zeigt, was die Attentäter, mal mehr, mal weniger deutlich verbindet: Sie sind keine Nazis. Ihre Ideologie kann man eher als gewaltbereiten Neoliberalismus beschreiben. Gerne berufen sie sich, wie der 18-jährige Pekka-Eric Auvinen, der am 7. November 2007 fünfunddreißig Kilometer südlich von Helsinki neun Schüler tötete, auf Darwins "survival of the fittest" und melden: "Humanity is overrated."

Paradoxerweise gehören all diese vermeintlich starken Männer ausnahmslos zu den Verlierern des Systems, das sie verteidigen wollen. Auch sie sind Leidtragende der Neuverwilderung des Kapitalismus in den vergangenen Jahrzehnten. Statt Sicherheit oder Chancen, gibt er auch ihnen vor allem die Möglichkeit, sich ausnutzen zu lassen: "Im Bereich der Arbeit", so Berardi, "bedeutet Prekarität die Abschaffung sämtlicher Regeln, die die Beziehungen zwischen Arbeitnehmer und Kapital reglementieren." Die Zeit des Individuums verwandelt sich "in einen Strudel aus einer entpersonalisierten, fragmentarischen Substanz", die von Kapitalhaltern beliebig erworben und kombiniert werden kann. Dies sei die gesellschaftliche Grundstruktur, die zum gegenwärtigen Grundgefühl der Verunsicherung und Schwäche beitrage, zu Demütigung und Orientierungslosigkeit.

Angriff auf die westliche Lebensweise

Da hilft nur das stellvertretende Aufbäumen von Helden gegen den erkannten Feind der Gesellschaft. Von der Panik des Westens inspiriert, buhlen verwirrte Männer um ihre Anerkennung. Die große Gelegenheit schuf das islamistische Attentat vom 11. September, der spektakulärste Angriff auf die "westliche" Lebensweise.

Berardi zitiert aus Michael Serazios schönem Essay Shooting for Fame: "die Zahl der gefeierten Individuen wächst." Es muss schon das ganz große Ziel sein. Mit ihren Schüssen meinen die Amokläufer, die europäische Kultur zu retten, und damit ihre Tat nicht untergeht, gehört sie an die Öffentlichkeit. In einem vorbereitenden Video diskutierten Klebold und Harris, die Attentäter von Columbine, schon vor der Tat, welchem Regisseur sie das Drehbuch anvertrauen sollten.

Franco "Bifo" Berardi: Helden. Über Massenmord und Suizid. Aus dem Englischen von Kevin Vennemann. Matthes & Seitz 2016. 282 S., 22,90 €