Hass in Toleranz verwandeln – Seite 1

Hélène Cixous hat etwas Einschüchterndes. Die elegante Dame mit rotgefärbten Lippen antwortet bedacht, weist die Fragen zurück, die sie für uninteressant hält. "Natürlich" kenne sie Berlin nicht, "wer kann schon behaupten, Berlin zu kennen"? In einem kleinen Apartment in Prenzlauer Berg hat die französische Schriftstellerin ihre morgendliche Arbeit unterbrochen, um über ihr Verhältnis zu Deutschland zu sprechen.

Sie ist nicht zum ersten Mal zu Besuch in der Hauptstadt. Diesmal hält sie aber die Hegel-Vorlesung des Dahlem Humanities Center an der Freien Universität. Zwei Seminare, eines mit Studierenden, eines am ICI (Institute für Cultural Inquiry) sind für den folgenden Tag geplant. Wenige Wochen zuvor sind in Frankreich ihre beiden neuen Bücher erschienen: darin spielt Deutschland die Hauptrolle. Une autobiographie allemande (eine deutsche Autobiografie) protokolliert einen Briefwechsel mit der Schriftstellerin und Wahlberlinerin Cécile Wajsbrot. Gare d'Osnabrück à Jérusalem erzählt von einer Spurensuche in Osnabrück – die Stadt, in der ein Teil von Cixous' jüdischer Familie vor der Verfolgung durch den Nationalsozialismus lebte.

Die 79-Jährige gehört zu einer Generation französischer Gelehrter, die Geistes- und Sozialwissenschaften revolutioniert hat. Mit ihrer Idee des "weiblichen Schreibens" hat sie den Feminismus geprägt. Nach 1968 war sie mit Michel Foucault und Gilles Deleuze an der Gründung der Reformuniversität Vincennes beteiligt. Jacques Derrida, wie Cixous in der französischen Kolonie Algerien aufgewachsen, war ein Bewunderer und treuer Weggefährte der Schriftstellerin.

Seidenkleider, Kristallgläser

In Deutschland wurden ihre Bücher lange für sperrig gehalten. Man nahm sie zwar als Mitarbeiterin von Ariane Mnouchkine am gesellschaftskritischen Théâtre du Soleil wahr. Ihre Romane und Essays – meist beim österreichischen Kleinverlag Passagen erschienen – entzogen sich aber den hierzulande üblichen Klassifikationen oder standen unter dem Verdacht, dem Poststrukturalismus und der Psychoanalyse verhaftet zu sein. Der diesjährige Berlin-Besuch und die Veröffentlichung ihrer beiden neuen Bücher könnten aber zu einer Wiederentdeckung und neuen Würdigung von Cixous' Leben und Werk hierzulande führen.

Ihr Bekenntnis zu Deutschland ist nämlich bemerkenswert. "Ich habe Deutschland immer geliebt", schreibt sie in Une autobiographie allemande und drückt damit etwas aus, das in Frankreich innerhalb der intellektuellen, geschweige denn jüdischen Elite, selten ist. "Es ist eine politische Botschaft", bestätigt sie an diesem Frühlingsmorgen auf dem Prenzlauer Berg und weist auf die "banale Germanophobie" hin, die in Paris noch immer herrsche.

Dass sie dabei nicht die Worthülsen der Politik über die "deutsch-französische Freundschaft" meint, kann man nachlesen. "Ich bin in Algerien geboren, aber aus Deutschland geboren", schreibt Cixous an Wajsbrot. Die Mutter Eve hatte Deutschland 1930 verlassen, heiratete einen Arzt aus Oran und sprach mit der Tochter Französisch. 1938 kommt aber die "Omi" nach – und mit ihr ein Stück deutscher Alltag ins Haus. Seidenkleider, Kristallgläser gehören dazu genauso wie Max und Moritz oder chapzonnenimherts – ein Spruch, den Cixous nur später in der Schule richtig zu schreiben lernt.

Deutsche Erinnerungskultur

Bis heute gilt die Liebe der französischen Intellektuellen der deutschen Sprache und der Literatur. Sie wird seit 1951 – das Datum ihres allerersten Besuchs – von den kleinen wie von den großen Dingen der Kultur genährt: von Sahnetorte, Spargel, Schiffsfahrten auf dem Rhein, von Reisen nach Köln oder München, von Goethe, Kleist, Büchner, Kafka, Ingeborg Bachmann. Diese Liebe scheint trotz der Geschichte oder gerade wegen ihr zu bestehen: "Bei uns wurden Deutschland und Hitler nie gleichgesetzt" stellt sie klar.

Cixous' Umgang mit der Vergangenheit ist der zweite Grund, warum ihr Werk und Leben mittlerweile auch für deutsche Leser interessant sein sollte. Ihre Liebe verklärt nichts und setzt sich intensiv mit dem Holocaust auseinander. "Ich bin nicht zum Verdrängen gemacht", sagt sie. Kann man sich aber zu viel erinnern, Frau Cixous? "Warum sollte denn die Vergangenheit ein Hindernis sein?", fragt sie zurück. Sie findet die deutsche Erinnerungskultur "bewundernswert" und bedauert, dass in Frankreich die Verbrechen des Vichy-Regimes oder der Kolonialgeschichte zu lange tabuisiert worden sind. "Wir haben eine Kultur des Löschens, der Verleugnung, der Unkenntnis", meint Cixous über ihre Landsleute. Die heutigen Spannungen in der französischen Gesellschaft seien eine Folge dessen.

Benachteiligung der Frau als weltweites Phänomen

Die These, wonach Deutschland beispielhafte und Frankreich mangelhafte Aufklärungsarbeit über den Zweiten Weltkrieg geleistet habe, ist ein wenig abgedroschen. Dennoch zeigen Cixous' neue Bücher, wie Erinnerung gelingen kann – kollektiv oder innerhalb von Familien – obwohl beziehungsweise gerade weil die Generation der Opfer und Täter allmählich ausstirbt. Nie nimmt die Autorin die Pose der Moralistin ein, die besser weiß, wie Aussöhnung und Völkerverständigung aussehen sollen. In Gare d'Osnabrück beschreibt sie manche Absurditäten der Erinnerungskultur. Die Unmöglichkeit der moralischen Wiedergutmachung und der Schmerz, der damit einhergeht, werden ebenso thematisiert.

Der Leser bekommt so ein Gefühl für die Wahrheit eines Lebens, in dem die Erfahrung von Exklusion und Hass weder zum Schweigen noch zur Rache führt, sondern zu Offenheit und Toleranz. "Ich habe nie geglaubt, dass die Geschichte sich nicht wiederholen würde", sagt die Schriftstellerin. Auf die Frage, wie man die Spirale der Gewalt aufhalten kann und trotz schlimmer Demütigungen nicht den Rückzug ins Private sucht, kommt sie auf die Zeit ihres feministischen Engagements zurück: "Als ich klein war, war ich von Rassismus umgeben. Dann bin ich nach Paris gezogen, ich war 18. Es war nicht mehr die Jagd auf Araber oder Juden, wie ich sie in Algerien erlebt hatte, sondern auf Frauen. Ich dachte, was für eine verrückte Welt! Ich habe die Benachteiligung der Frau als weltweites, archaisches Phänomen wahrgenommen."

Verflogene Missverständnisse

In ihren letzten Büchern geht es zwar nicht um Weiblichkeit oder um die Frauenbewegung – und damit um einen Kampf, dessen sie nach eigenen Angaben "ein wenig überdrüssig ist", selbst wenn "er mindestens 300 Jahre dauern wird". Dennoch kann man in der Autobiographie und in Gare d'Osnabrück genug Inspiration finden, um die Gegenwart in Zeiten von Flucht, Migration und Gewalt zu analysieren. Manche Passagen über das Leid des Exils wecken Assoziationen zum heutigen Flüchtlingsdrama. Im Gespräch mit Cécile Wajsbrot erwähnt sie die neuen Grenzen, die sichtbaren wie die unsichtbaren, die nach dem Fall der Berliner Mauer hier und da errichtet worden sind. So ist Cixous' Werk keineswegs nur rückwärtsgewandt.

Schließlich sind ihre neuen Bücher exemplarisch für ihre einzigartige, poetische Prosa, für ihr Spiel mit (Fremd-)Wörtern, das ihren Spaß an Sprache ansteckend macht. Sie webt in ihren Texten Fiktionales, Autobiografisches und Essayistisches zusammen und nimmt den Leser mit in ein Dickicht von Erlebnissen, Träumen, Erinnerungen und Antizipationen.

Cixous' außergewöhnliche Deutschlandliebe, ihr Umgang mit der Vergangenheit, die Aktualität und literarische Qualität ihrer Texte sind gute Gründe, die französische Autorin tatsächlich wiederzuentdecken. Dass frühere Missverständnisse verflogen sind, ahnt Cixous selbst. "Ob meine Liebe erwidert wird, weiß ich nicht, aber ich habe das Gefühl, die Zeiten ändern sich", sagt sie lächelnd und verabschiedet sich – französisch und weniger einschüchternd – mit einem Küsschen auf die Wange. 


Hélène Cixous, Cécile Wajsbrot. Une autobiographie allemande. Christian Bourgois, 2016. 108 S.

Hélène Cixous. Gare d'Osnabrück à Jérusalem. Accompagné de sept substantifs dessinés par Pierre Alechinsky. Galilée, 2016. 184 S.