Wer auf die Liste der Autoren und Autorinnen schaute, die bei den diesjährigen Tagen der deutschen Literatur antraten, musste zur Überzeugung gelangen, dass der altehrwürdige Bachmann-Preis (das 40. Jubiläum feierte man in diesem Jahr) auf der Höhe der Zeit angekommen ist: Diversität at its best. Oder, nun ja, immerhin das Ansinnen war zu erkennen. Nicht nur das Geschlechterverhältnis war ausgeglichen. Mit Sylvie Schenk und Dieter Zwicky waren zwei Autoren älteren Jahrgangs nominiert. Noch auffälliger: So viel Internationalität war selten, wenngleich weiterhin die Voraussetzung besteht, dass die Wettbewerbstexte auf Deutsch geschrieben und vorgetragen werden müssen.

Ähnliches gilt mit Blick auf das thematische Spektrum. Nicht zu übersehen der Versuch, die aktuellen Migrationsbewegungen und -debatten in Textbewegungen umzuwandeln. Dass man damit durchaus gegen die Wand fahren kann, ist unvermeidlich.

Nun muss ein Crash nicht zwangsläufig etwas Schlechtes sein. Der Unfall, der Einbruch des Unvermuteten, der die gewöhnlichen Abläufe abrupt unterbricht, ist nicht nur ein poetisches Mittel, um eine Erzählung beginnen zu lassen. Die Störung im Betriebsablauf gibt auch einen Impuls, der das auf Normaltemperatur dahin dümpelnde Bewusstsein zunächst wachrüttelt. Unfälle genauso wie Einbrüche von unmittelbarer Gegenwart gab es beim diesjährigen Wettlesen um den Bachmann-Preis einige.

Keine meta-literarische Knallerbse

Dass ausgerechnet die von Jurorin Sandra Kegel nach Klagenfurt eingeladene österreichische Autorin Stefanie Sargnagel, die vor allem durch ihre schrillen Facebook-Posts zu einiger Berühmtheit gelangt war, zum Auftakt des dreitätigen Wettbewerbs vor Jury und Publikum treten musste, hätte man insofern für eine gelungene Inszenierung halten können – wäre die Reihenfolge nicht ausgelost worden. Sargnagels Teilnahme war schon vorab dankbar vom Feuilleton diskutiert worden: Als vermeintlich bewusste Provokation, als Störfaktor, der das Feld der Literaten ein wenig aufmischt, in dem sie sich den Erwartungen verweigert.

Tatsächlich konnte man Sargnagels Text Penne vom Kika zunächst als meta-literarische Knallerbse verstehen, als Verweigerungstext einer plötzlich gehypten Jungautorin, die ihren Ekel über die Auftragstexte, den ihr der Literaturbetrieb immerzu abverlangt, nicht mehr unterdrücken kann. "Ich glaube, es wird ein guter Tag, denn ich habe das Gefühl, ich habe mein Leben im Griff. Ich habe einen Text geschrieben, für den ich Geld bekommen werde. Wie für alle Texte, für die mir ausreichend Geld geboten wird, ist es etwas entsetzlich Sinnloses gewesen, für das ich mich bestimmt einige Zeit schämen werde, für ein Magazin, das hoffentlich nie jemand den ich respektiere je lesen wird."

Was Sargnagel dann aber macht, ist alles andere als ein auf Effekt angelegtes Zelebrieren des eigenen Überdrusses, eines postmodernen Ennui. Vielmehr spricht in ihrem Text eine junge Frau, die sich verwehrt gegen die Prinzipien permanenter Selbstoptimierung, um sich lieber in die Nischen abseits des gelungenen Lebens zurückzuziehen. In Wiener Eckkneipen, in denen sich die versehrten Existenzen allenfalls durch ein paar Promille für kurze Zeit aus ihrer Lethargie herausschwindeln können.

Depression als Antwort auf die Daueranforderung nach Kreativität

Der Gestus, den die Icherzählerin an den Tag legt, wird auf erzählerischer Ebene noch einmal vollzogen: als eine vermeintliche Verweigerung von literarischer Bedeutsamkeit. Aber Sargnagel erzeugt in ihrem noch dazu famos lustigen Text genau jene Dringlichkeit, die sie zu unterlaufen vorgibt. Der gesellschaftlichen Dauerforderung nach Kreativität wird mit Depression geantwortet. Die Erlebnisqualität der Gegenwart: intensives Grau. Dass Sargnagel für ihren Text von der Jury nicht bedacht wurde – bedauernswert und nicht nachvollziehbar. Hatte die eigenwillige Autorin doch ein wenig zu viele Störelemente für den gemeinen Geschmack im Gepäck? Denkbar. Womöglich spekulierte man auch einfach darauf, dass sie ohnehin den Publikumspreis gewinnen würde. Zum Glück hat sie das.

Dass Sargnagel einen brachialen Solipsismus vorspielt, tatsächlich aber eine durchaus melancholische und empathische Gegenwartsentzauberung liefert, fiel umso mehr auf im Vergleich zu jenen Texten, in denen eifrig Bedeutung und Tiefsinnigkeit aufgefahren wurde, an denen sie letztlich selbst zu ersticken drohten. Sascha Machts dystopischer Beitrag wäre ein Beispiel hierfür, Jan Snelas pseudobarocke, hochgerüstete Fantasie über eine Zerrieselung des Abendlandes, dessen Fantastik der Jury wenig einleuchten wollte. Von Bastian Schneiders Kurzprosastücken, denen Sandra Kegel eine allenfalls bordsteinhohe Fallhöhe attestierte, gar nicht erst zu sprechen. 

Ist makelloses Deutsch die Eintrittsbedingung für Klagenfurt?

Bedeutung unterlaufen wurde hingegen auf verschmitzte, an Robert Walser erinnernde Weise von dem 1957 geborenen Dieter Zwicky. Ein sprachlicher Taschenspielerzauberer, der dafür zu recht mit dem Kelag-Preis geehrt wurde. Und der israelische Autor Tomer Gardi schleuderte die Jury kurz aus der Kurve. Ist die Eintrittsbedingung zum Bachmann-Preis die makellose Beherrschung der deutschen Sprache? Die Frage von Jurorin Meike Feßmann wurde zwar von den Kollegen zurückgewiesen. Ganz sicher aber wäre es scheinheilig zu behaupten, dass es vollkommene Normalität wäre, dass ein Text ins Rennen geschickt wird, der nicht etwa in einer an Feridun Zaimoglus Kanaksprak angelehnten artifiziellen Variation des Deutschen verfasst ist, sondern ganz offensichtlich ebenso souverän wie charmant die sprachlichen Unzulänglichkeiten des Nicht-Muttersprachlers in Kauf nimmt. 

Der Kniff von Gardis Text bestand darin, dass er auf formaler Ebene nachvollzieht, was sein Text inhaltlich verhandelt: Das Ankommen in einem fremden Land und die Frage des Anlegens einer neuen, fremden Identität. Bei Gardi gerät dieser Akt zu einer clownesken Szenerie. Mutter und Sohn finden am Berliner Flughafen ihre Koffer nicht mehr – oder nehmen sie sogar absichtlich die Koffer von Fremden? Im Hotelzimmer begutachten sie ihre Fundstücke und legen sich Stück um Stück die fremde Kleidung an, bis sie wie Vogelscheuchen aussehen. "Strohmenschen" heißt es bei Gardi doppelsinnig. "Stroh sind wir! Stroh ich und Stroh du, Ima! Und ich öffene Fenster und wir strecken unsere Ärme weit offen, stehen da, lassen das Wind durch den Fenster reinkommen, das Wind und das Licht und die Schatten mit unsere neue Kleider da spielen, wir verscheuchen deutsche Krähen." Überraschender und zugleich einleuchtender kann man die Gefährdung der eigenen Identität in der Fremde kaum ins Bild setzen, und kraftvoller kaum die Widerständigkeit gegen die Feindseligkeit behaupten, die einem entgegenschlagen mag.

Die Brüchigkeit von Gardis Text, die kleinen sprachlichen Unfälle, die ihn durchzogen, machten seine Stärke aus. Wenn in der Jury verschiedentlich darüber diskutiert wurde, inwieweit Lesen bedeutet, zum Kollaborateur des Textes zu werden – sprich: nach Kräften an dessen Bedeutungs- und Hallraum mitzuwirken – dann erübrigte sich bei Gardi eine solche bewusste Anstrengung. Gerade weil die grammatischen Verschiebungen und Verdrehungen irritierten, setzten sie beim Zuhörer wie von selbst etwas in Gang, rissen neue Bedeutungsmöglichkeiten auf und ließen Gardis titellosen Beitrag zu einem der nachhaltigen in diesem Bachmann-Jahr werden.