ZEIT ONLINE: Juan Diego, der Held Ihres neuen Romans Straße der Wunder wächst auf einer Müllkippe in Mexiko auf. Im Laufe der Geschichte passiert er viele Grenzen: zwischen Ländern, aber auch zwischen Realität und Traum, Leben und Tod, Kindheit und Erwachsenenwelt. Was hat Sie hier am meisten interessiert?


John Irving: Was mich zu dieser Geschichte zog, war etwas, das mich oft verfolgt. Der Gedanke, dass etwas mit einem Kind passiert. Ein Kind in Gefahr, der Verlust eines Kinds. Viele meiner Figuren verlieren Menschen, die sie lieben. Zunächst war es 20 Jahre lang nur ein Drehbuch, kein Roman. Die Geschichte spielte zuerst auch nicht in Mexiko, sondern in Indien. Doch der Junge war immer ein Krüppel und seine Schwester konnte immer die Gedanken anderer Menschen und Tiere lesen.

ZEIT ONLINE: Straße der Wunder ist bereits Ihr 14. Roman. In Ihrem Memoir Die imaginäre Freundin erzählen Sie von Ihren Schulproblemen wegen Legasthenie und Ihrem Weg vom Ringer zum Schriftsteller.

Irving: Bevor ich mich dafür interessierte, Schriftsteller zu werden, interessierte ich mich für die Schauspielerei. Als Kind liebte ich das lokale Theater, in dem mein Großvater spielte und wo meine Mutter als Souffleuse arbeitete. Ich spielte selbst Theater, an der Schule und an der Universität. Aber im Alter von 15, 16, 17 las ich die Romane des 19. Jahrhunderts. Darin passierte immer etwas Schreckliches. Diese Geschichten waren viel interessanter als das Leben um mich herum. Sie enthielten nicht den langweiligen Realismus des Alltags, über den ein so großer Teil moderner Literatur gerne reflektiert. Als ich anfing, zu schreiben, versuchte ich sehr bewusst, diese Geschichten zu imitieren.

ZEIT ONLINE: Das klingt auch in Ihrem Essay über Charles Dickens an. Sein Roman Große Erwartungen, schreiben Sie, habe in Ihnen den Wunsch geweckt, selbst Schriftsteller zu werden: Sie wollten Leser bewegen, wie Dickens Sie bewegt hat.

Irving: Das ist ein Grund, warum so viele meiner Hauptfiguren Kinder sind, wenn man ihnen zum ersten Mal begegnet. Man kann einen Leser emotional eher überzeugen, wenn man ihn Mitgefühl für ein Kind oder einen Teenager entwickeln lässt. Wenn man dieser Figur als Kind etwas Schreckliches antut, wird der Leser verzeihen, dass aus ihm oder ihr ein enttäuschender Erwachsener wird. Denn die meisten von uns sind enttäuschende Erwachsene, wenn man sie mit der Vorstellung vergleicht, die wir als Kinder von uns hatten. Es gibt eine Stelle in Dickens' David Copperfield, in der David sagt, er sei enttäuscht vom echten Leben, weil es so chaotisch sei, so schlecht konstruiert. Und er fragt sich: Woher habe ich eigentlich die Vorstellung, dass das Leben gut gemacht ist, dass es da etwas gibt, das auch nur ansatzweise einem Plan ähnelt? Und Copperfield erkennt, dass er diese Vorstellung aus Kinderbüchern hat. Sogar ein gutes Kinderbuch war besser gemacht als das sogenannte wahre Leben.

ZEIT ONLINE: Was bedeutet das für die Kunst?

Irving: Die Tatsache, dass das wahre Leben beliebig ist und nicht nach einem Plan funktioniert, dass es eine Aneinanderreihung von Zufällen ist, die oft nichts miteinander zu tun haben, entbindet den Geschichtenerzähler nicht von der Verantwortung, den Bauplan für eine gute Geschichte zu entwickeln. Ein Argument in der Literaturkritik – deshalb schätze ich sie auch so wenig – besagt im Wesentlichen: Das echte Leben ist nicht logisch und deshalb habe Plot keine Bedeutung. Dies sagen vor allem Schriftsteller, die nicht wissen, wie es geht. Das Durcheinander im wahren Leben ist keine Entschuldigung für schlechte Kunst.

ZEIT ONLINE: Viele Ihrer Werke wirken mit ihrem großen Handlungsbogen wie eine Hommage an die Romane des 19. Jahrhunderts, eine Literatur, die etwas aus der Mode ist.

Irving: Sie war schon aus der Mode, als ich anfing! Irgendwie war es cool, mit der Erkenntnis aufzuwachsen, dass ich schon mit 15 altmodisch war. Die meisten meiner Freunde hassten Dickens. Und Moby Dick hielten sie für eine Art der Folter. Ich dagegen konnte es nicht abwarten, das Buch noch einmal zu lesen. Ich wollte nicht Schriftsteller sein wegen eines Langweilers wie Ernest Hemingway. Ich wollte Schriftsteller sein wegen Hardy, Dickens, Melville.

ZEIT ONLINE: Sie sind heute 74. Wenn Sie sich mit dem jungen John Irving vergleichen, was haben Sie mit dem Alter gewonnen und was verloren?

Irving: Mit dem Alter habe ich gelernt, langsamer zu sein, geduldiger. Ich habe gelernt: Je länger ich warte, bis ich alles weiß, was in einem Roman passiert und wann, desto mehr kann ich mich nur auf die Sprache konzentrieren. Du beschäftigst dich nur mit der Einstellung der Geschwindigkeit: Wann verlangsamt sich die Geschichte? Wann nimmt sie Tempo auf? Wo sollte es mehr Dialog geben oder mehr Schnitte zwischen den Szenen? Du kannst nicht nur an die Sprache denken, wenn du noch überlegst: Wann trifft Alice auf George? Und was passiert mit dem Hund?