Achtung: Dies ist ein witziges Buch. Es ist wahnsinnig witzig, auf jeder Seite. Und Tilman Rammstedt weiß ziemlich genau, dass er witzig ist. Mag sein, dass das ein Problem ist. Aber dazu gleich heute mehr. Rammstedts Roman Morgen mehr hat eine Vorgeschichte, auch die ist ganz witzig. Rammstedt ist ein Autor, der offenbar sowohl für seine Schreibhemmungen als auch für seine damit verbundene Unzuverlässigkeit bei der Abgabe von Manuskripten berüchtigt ist. Also hatte sein Verleger Jo Lendle, dem Rammstedt von DuMont zum Hanser Verlag gefolgt ist, eine Idee: Das gute, alte Format des Fortsetzungsromans wurde neu belebt.

Rammstedt schrieb von Januar bis April täglich ein Kapitel. Den Fortschritt des Buchs konnte jeder interessierte Leser per Abonnement verfolgen. Bis Mitte Mai, so die Planung, sollte dann der Roman in gedruckter Form vorliegen. Ist jetzt ein bisschen später geworden. Konnte man, siehe oben, beinahe erwarten. Das Anarchische ist einem derartigen Plan eingepflanzt: Wenn ein Schriftsteller selbst keinen genauen Plan hat, wie es mit seinem Text weitergehen soll, aber zum Schreiben gezwungen ist, besteht die Möglichkeit des furiosen Scheiterns im Wildwuchs.

Morgen mehr ist in diesem Sinn kein gescheiterter Roman, leider. Im Gegenteil: Es ist ein kreuzbraves Buch. An äußerer Handlung geschieht ungeheuer viel. Wir schreiben das Jahr 1972. Da ist ein Ich-Erzähler, der, wie er selbst behauptet, noch nicht geboren ist. Da ist sein Vater, der mit einem Betonklotz am Bein am Frankfurter Mainufer steht und demnächst sein Leben lassen dürfte, wenn nicht noch etwas Unerwartetes geschieht. Da ist die Mutter, die sich gerade einen melancholischen Paris-Trip leistet und sich bemüht, die ellenlange und recht verschrobene To-do-Liste ihrer verstorbenen Schwester zu erfüllen. Da sind ein Möchtegern-Gangster und drei echte Ganoven mit ihrem Verbrecherboss im Hintergrund. Und da ist schließlich ein kluger Junge, der das Geschehen nicht nur zu protokollieren, sondern auch fortzuschreiben scheint. Der Junge mit dem schriftstellerischen Masterplan.

Stand-Up-Literatur

Papierfiguren sind sie allesamt, einem Autor ausgeliefert, der sie auf die Reise schickt. Es gibt Mordversuche, Verfolgungsjagden mit Unfällen, mehrere Liebesgeschichten, ein verwirrtes Schaf und schließlich einen Showdown auf dem Eiffelturm. Das Ziel des Ich-Erzählers muss schließlich sein, Vater und Mutter noch rechtzeitig zu seiner eigenen Zeugung zusammenzubringen. Dass das Gelingen dieses Plans in Zweifel gezogen wird, ist eine augenzwinkernde Anspielung auf die Frage, inwieweit ein Schriftsteller tatsächlich souverän über seinen Stoff und sein Personal verfügen kann.

Es passiert also eine Menge. Warum aber ist Morgen mehr trotz alldem bereits nach kurzer Zeit leider ein so monotones Buch? Der Grund dafür liegt im irritierenden Auseinanderklaffen von Inhalt (rasant) und Form (stocksteif). Der Text steht still in der Selbstreferentialität und Selbstgenügsamkeit seines Autors. Rammstedt schreibt immer auf die nächstliegende Pointe, auf den schnellen Witz, auf die brillante Formulierung zu. Nur ein Beispiel, als Punkt Nr. 19 auf der Liste der Schwester: "Mit einem schwermütigen Franzosen schlafen." Flugs tritt Jean-Baptiste auf den Plan. Dann heißt es: "Meine Mutter war schön, verloren und auf der Durchreise, eine für ihn bestechende Kombination, und er selbst fundamental gelangweilt, er hatte ein paar Wochen zuvor sogar begonnen, Münzen zu sammeln, nach zweien aber die Lust verloren und außerdem gerade Kleingeld für Zigaretten gebraucht." Das ist hübsch formuliert, aber ebenso redundant wie der gesamte Vorgang auch.

Mehr aber will Rammstedt offenbar nicht, obwohl dieser als auch die vorangegangenen Romane beweisen, dass er mehr kann, als der wendige und originelle Stand-up-Literat zu sein, als der er sich präsentiert. Wenn man allerdings erst einmal merkt, dass man auf jeder Seite irgendwie überrascht werden soll, ist das keine Überraschung mehr. Den kleinen Knalleffekt, den Rammstedt auf jeder Seite sucht und findet, beherrscht er aus der Hüfte. Wenn sich dann der Dunst dieses bunten Tischfeuerwerks verzogen hat, wäre es vielleicht an der Zeit, aus der Spielecke der Literatur herauszukommen.

 Tilman Rammstedt: Morgen mehr. Carl Hanser Verlag, München 2016, 230 S., 20,- €