"Am 19. Februar 1929 wurde ich verhaftet. In diesem Tag und dieser Stunde sehe ich den Beginn meines gesellschaftlichen Lebens – die erste wahre Prüfung unter harten Bedingungen." Diese ersten Sätze aus Wischera. Antiroman von Warlam Schalamow mögen zunächst harmlos klingen, aber sie markieren den Beginn eines unvorstellbaren Lebens und Leidens in den sowjetischen Arbeitslagern. Wegen "Trotzkismus" verurteilt, wurde der Sohn eines Priesters und einer Lehrerin das erste Mal von 1929 bis 1932 in einem Lager am Fluss Wischera, im westlichen Vorland des Norduralgebirges, interniert. 1937 erneut verhaftet, war er bis 1951 in der Region Kolyma in Sibirien inhaftiert, danach lebte er dort in der Verbannung. Erst 1956 konnte Schalamow nach Moskau zurückkehren, wo er 1982 starb.

Die Sammlung von Skizzen und Erzählungen in Wischera. Antiroman hat Schalamow um 1970 zusammengestellt. Während der erste Text von der Zeit nach der Verhaftung im Moskauer Untersuchungsgefängnis Burtyga handelt, berichtet der abschließende Text, den seine letzte Liebe und Nachlassverwalterin Irina Sirotinskaja hinzugefügt hat, über seine zweite Inhaftierung im Januar 1937 in eben diesem Gefängnis. Dazwischen geht es in den Berichten und Erzählungen um die verschiedenen Stationen an der Wischera. Viele der Texte sind weniger literarisch durchgearbeitet als Schalamows vierbändiges Hauptwerk, die Erzählungen aus Kolyma; dafür aber beleuchten sie die Geschichte und Funktion des stalinistischen Zwangsarbeitssystems intensiver. Zudem schildert Schalamow Begegnungen mit zentralen Figuren des Gulag.

Immer wieder betont er die Bedeutung der "Umerziehung" für die Zwangsarbeitslager. Das menschenverachtend als "Umschmiedung" bezeichnete Konzept wurde Anfang der 1930er Jahre mit einem perfiden System von Belohnung und Bestrafung eingeführt. War die Arbeitsleistung eines Häftlings zu niedrig, wurde ihm für den nächsten Tag die sowieso schon karge Nahrungsmittelration gekürzt. Erhöht wurde die Ration, wenn die Leistung über der Norm lag. Außerdem wurde eine Art "Arbeitszeitkonto" eingeführt, das eine frühzeitige Entlassung bei Übererfüllung der Normarbeitsleistung in Aussicht stellte. Bei positiver Bewertung konnte jeder Häftling innerhalb der Lagerhierarchie aufsteigen. Die, die einst Opfer gewesen waren, verwandelten sich so im nächsten Moment in Täter. Insbesondere die kriminellen Gefangenen, so Schalamow, hatten die "Umschmiedung" schnell durchschaut. Mit Erpressungen brachten sie die Aufseher dazu, die Arbeitsleitung anderer für das eigene Konto gutschreiben zu lassen – andere, die schwächer waren und dann oft an Hunger starben.

Bruch mit Solschenizyn

Zu Lebzeiten Schalamows konnte Wischera. Antiroman nicht erscheinen. Im Westen wurden aus seinem Werk nur einige Erzählungen aus Kolyma veröffentlicht. In der Sowjetunion sind fünf unter der Zensur entstandene Gedichtbände von ihm verlegt worden. Deswegen blieb er auch im Gegensatz zu Alexander Solschenizyn bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion weitgehend unbekannt. Nach der spektakulären Veröffentlichung von Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch in der Zeitschrift Nowy Mir im Jahr 1962 wurde Solschenizyn weltweit zu dem Gulag-Autor und erhielt 1974 den Literaturnobelpreis. Schalamow dagegen war nur in Dissidentenkreisen bekannt.

Schalamow und Solschenizyn sind eine Zeit lang befreundet gewesen. Doch der Kontakt endete unter anderem, weil die beiden Autoren unterschiedlicher Auffassung darüber waren, wie über den Gulag erzählt werden konnte. In Wischera. Antiroman kann Schalamows ästhetische Ansicht bereits am Untertitel abgelesen werden. In dem poetologischen Text Über Prosa hat er seine radikale Ablehnung der Romanform noch einmal verdeutlicht: "Menschen, die durch Revolutionen, Kriege und Konzentrationslager gegangen sind, lässt der Roman gleichgültig." Stattdessen sah er im autobiografischen Schreiben die Zukunft der Literatur. Alexander Solschenizyn jedoch schrieb Romane, und zwar in der Tradition des 19. Jahrhunderts. Umgekehrt gefielen Solschenizyn die Texte Schalamows nicht: "Es stimmt", schrieb er 1986, "dass mich die Erzählungen Schalamows literarisch nicht zufriedenstellen. Mir fehlten in allen Charaktere, Personen mit Vergangenheit und mit einem besonderen Blick auf das Leben."

Institutionen einer Gewaltökonomie

Genau das aber wurde den Menschen im Lager genommen: ihre Vergangenheit, ihre Geschichte, all das, worauf ihr Charakter beruht. "Schicksallosigkeit" hat das Imre Kertész sowohl für die deutschen Konzentrationslager als auch den Gulag genannt. In den Erzählungen aus Kolyma gibt es einen Text, der diese Schicksallosigkeit in einem kurzen Dialog verdeutlicht. Ein Häftling hatte sich bei der Arbeit aus Versehen in den Finger geschnitten und blutet heftig. "'Schlechte Gerinnung', sagte Glebow gleichmütig. 'Bist du Arzt?', fragte Bagrezow und lutschte an seinem Finger. Glebow schwieg. Die Zeit, als er Arzt war, schien sehr fern. Und hat es so eine Zeit überhaupt gegeben? Allzu oft erschien ihm diese Welt hinter den Bergen, hinter den Meeren als Traum, als Erfindung. Real waren die Minute, die Stunde, der Tag vom Wecken bis zum Zapfenstreich – weiter dachte er nicht und hatte er nicht die Kraft zu denken. Wie alle anderen auch."

Die Analysen des Lagersystems und die Erinnerungen an zentrale Figuren des stalinistischen Zwangsarbeitssystems machen Wischera. Antiroman für die Aufarbeitung dieses dunklen Kapitels der Menschheitsgeschichte wichtig. Für Schalamow waren die Zwangsarbeitslager integraler Bestandteil der stalinistischen Sowjetunion, fest eingebundene Institutionen, die weit in die sowjetische Gesellschaft hineinreichten. Um die Großprojekte der ersten Fünfjahrespläne umzusetzen, litten und starben in der Gewaltökonomie der Lager Millionen von Menschen. Die Aufklärung über diese Geschichte ist heute, wo es in Russland eine Tendenz zur Verklärung des Stalinismus gibt, nötiger denn je.

Warlam Schalamow: "Wischera. Antiroman". Aus dem Russischen von Gabriele Leupold. Matthes & Seitz Berlin, Berlin 2016. 270 Seiten, 22,90 €