Auch wenn man nicht darüber lamentieren muss, ob dieser oder jener Autor zu wenig gelesen wird, da es sich ja doch schwerlich ändern lässt: Christopher Ecker ist so jemand, dem man deutlich mehr Leser wünscht. Schließlich spielt er als einer der ganz wenigen deutschen Gegenwartsautoren mit dem gesamten Potential von Fiktion, was durchaus Ausflüge abseits des standardisierten Erzählregisters naturalistischer Couleur sein können. So handelte etwa sein letzter Roman, Die letzte Kränkung, von einem amnesiegeplagten Erzähler, in dessen Hotelzimmer ein sonderbar belebter Schlitz im Boden einen Ausgang aus der Realität offeriert. Derartige Risse in der Wirklichkeit und Extensionen des Raum-Zeit-Kontinuums gehören zu den Volten, die Eckers Prosa reihenweise schlägt.

Sein neuster Streich, Der Bahnhof von Plön, bildet da keine Ausnahme, sondern lässt im Gegenteil die erzählte Wirklichkeit immer stärker hinter die fantastischen Elemente zurücktreten. Einmal mehr bekommen wir es mit einem vergesslichen, unzuverlässigen Erzähler zu tun, einem versoffenen Wrack namens Phineas. Phineas ist nicht der, der er zu sein scheint, er weiß das allerdings selbst am allerwenigsten. Im Auftrag seiner "Organisation" schleppt er einen Haufen Leichen durch ein leerstehendes New Yorker Hotel, Leichen, "die aussahen und sich anfühlten, als hätte sie ein geistig behinderter Gott geträumt."

Was zunächst mit allen Ingredienzen einer Pulp Novel – Schmutz, Gewalt, Mackertum – aufwartet, bekommt überraschend einen eigentümlichen Dreh, als Phineas in die Subway 6 nach Downtown steigt. Von dort wechselt er nämlich in die 5 Richtung Gare d’Austerlitz, also von NY nach Paris innerhalb eines Augenschlages – der Erzähler kann also durch den Raum "springen", wie es im Roman heißt. 

Game of Thrones in Norddeutschland

Diese übernatürliche Fähigkeit, die man zunächst fast überliest, ist ein wichtiger Schlüssel in der Entwirrung dieser kompliziert ausgebreiteten Selbstfindungsstory. Zeitlich nach den in New Yorker angesiedelten Passagen arbeitet Phineas (wie auch der Autor) als Philosophielehrer an einem Kieler Gymnasium, offensichtlich als Tarnung. Allerdings scheint er aus der Gegend zu kommen: Immer wieder sucht er auf der Halbinsel Dänischer Wohld, zwischen Eckernförder Bucht und Kieler Förde gelegen, Dolmen und Großsteingräber auf, die in Verbindung mit zahlreichen Kindheitserinnerungen an brennende Burgen und Ritterrüstungen stehen.

Es mag sich in der Nacherzählung blöd anhören, wirkt innerhalb der erzählten Welt jedoch konsistent und so gar nicht wie Fantasy: Phineas kommt aus einer alten Zivilisation, die – Schicksal aller geheimnisvollen und schönen Welten – durch äußere Feinde vor der Auslöschung steht. Oder gestanden hat, zum Zeitpunkt von Phineas Flucht in unsere Starbucks-und-McDonalds-Wirklichkeit. Diese ganze verstiegene Problematik muss der Erzähler natürlich zunächst aus dem dichten Nebel lösen, den zu viel billiger Fusel in seinem Hirn hinterlassen hat. Nachdem er seiner selbst endlich wieder gewahr geworden ist, setzt sich der Kampf Gut gegen Böse natürlich auch in der Wirklichkeit fort, bevor Phineas sich anschickt, in die alte Welt zurückzukehren. Zugegeben, das klingt reichlich bescheuert, wie eine krude Mélange aus Matrix und Game of Thrones. Aber klingen Nacherzählungen von Matrix oder GoT-Folgen nicht auch immer nach verschwurbeltem Unfug?

Was den Roman trotz dieser verfahrenen Handlung zusammenhält, ist neben seiner Rätselhaftigkeit sicherlich Eckers ganz eigene Sprache. Sanft, ganz selten mit markigen Obertönen schreitet sie würdevoll voran. Hypotaktisch, versteht sich. Eckers schwelgerische Lust am Satzbau ist kaum zu übersehen. Überdies verfügt er über einen beeindruckenden Wortschatz, der jede Detailschilderung zum Erlebnis macht, ohne dabei mit intellektueller Potenz zu protzen. Trotz allem erreicht er mit diesem Roman nicht das Niveau, welches er mit den beiden Vorgängerromanen Fahlmann und Die letzte Kränkung vorgelegt hat. Dafür hat er einfach gute 50 Seiten Überlänge und ist an den entscheidenden Punkten der Handlungsführung dann doch zu vage gehalten. Doch ist Der Bahnhof von Plön ein erneut mutiges Stück Literatur von Christopher Ecker, der sein Publikum mit Sicherheit noch finden wird.

Christopher Ecker: Der Bahnhof von Plön. Mitteldeutscher Verlag, Halle/Saale 2016; 400 S., 22,95 €