Hermann Kant war schon lange ein, auch international, anerkannter Autor. Nur in seinem Reisepass stand zehn Jahre nach dem ersten großen Roman Die Aula als Beruf noch Elektriker. Der Handwerker hatte Achtung vor dem Handwerk. Im Jahr 1962 publizierte er den Erzählband Ein bisschen Südsee, kaum ein Jahr nach dem Mauerbau ein paradoxes Spiel, das ihn, Jahre vor Rolf Dieter Brinkmann als Meister der kurzen Form, der Ironie in der Tradition amerikanischer Erzähler zeigte. Die Titelerzählung Ein bisschen Südsee spielt auf dem norddeutschen Land. Sein Held gönnt sich "ein bisschen extra": Edelzwerghühner, exotische Kaninchen, eine Perserkatze mit Angst vor Mäusen und ein Aquarium mit exotischen Fischen. Die Nachbarn steigen ihm aufs Dach, bis er die Exoten nach Hamburg bringt und mit der struppigen Promenadenmischung eines scharfen Hundes zurückkehrt.

1965 erscheint der Roman Die Aula. Sein Erzähler, der Journalist Robert Iswall, gelernter Elektriker, soll an der Arbeiter- und Bauernfakultät Greifswald die Abschlussrede auf die Epoche der ABF halten, eine Eloge auf eine Bildungspolitik, die der kriegsversehrten Jugend, den Davongekommenen etwas anbot, was im Westen noch Jahrzehnte lang bürgerliches Privileg bleiben sollte. Die Bildungspolitik der frühen DDR ließe sich – ganz postheroisch – aus guten Gründen wieder reaktivieren, um den kriegsversehrten Flüchtlingen von heute und deutschen prekarisierten Dauerarbeitslosen auf die Sprünge zu helfen: Bildung für alle.

Im Kontrast zum Aufbruchsgefühl im Osten wirkt bei Kant die Bundesrepublik wie eine Fremde, erscheinen die Figuren des Romans wie ein groteskes Panoptikum in Nachfolge von Döblins Alexanderplatz. Marcel Reich-Ranicki schrieb damals: "Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit, und neues Leben blüht aus den Ruinen. Herrlich ist die Arbeiter- und Bauernmacht, wenn auch nicht frei von Schuld und Fehle, denn aller Anfang ist schwer." Er resümierte: "Dieser Hermann Kant aus Ostberlin kann sich sehen lassen. Er ist zu vielem fähig. Er weiß Bescheid, er kennt sich im literarischen Gewerbe genau aus, er versteht sein Handwerk. Ein intelligenter, ein schlauer Bursche, ein vielseitiger, ein wendiger Journalist, ein professioneller und temperamentvoller Polemiker, ein lustiger Bruder vom traurigen Feuilleton des Neuen Deutschland, eines der flinksten Pferdchen aus dem Elitestall der SED-Presse."

Haltung als Unterhaltung

Im Jahr 1972 erschien, nach einem Vorabdruck in der Zeitschrift Forum, mit dreijähriger Verzögerung der Roman Das Impressum. Der erste Satz liefert die Exposition: "Ich will aber nicht Minister werden!" Kants Held David Groth hat Karriere gemacht: vom Laufjungen zum Chefredakteur einer Illustrierten. Auch dieser Roman schildert mit Witz und Sprachgefühl DDR-Zeitgeschichte. Haltungsliteratur als Unterhaltungsangebot. Zu den Kuriositäten der Publikationsgeschichte gehört, dass man dem Autor Antisemitismus und Philosemitismus und zudem Pornografie vorwarf.

Kants Meisterwerk war der 1977 erschienene Roman Der Aufenthalt. Darin verarbeitet er die vierjährige Kriegsgefangenschaft als junger Soldat in Polen. Ihm gelingt es, die Schablonen von Opfern und Tätern zu unterlaufen. Sein Protagonist Mark Niebuhr, etwas versponnen, steht unter Verdacht, bei einer SS-Razzia in Lublin ein polnisches Mädchen ermordet zu haben. Zudem verwechselt man ihn mit einem KZ-Aufseher. So sitzt er in dem Gefängnis im Warschauer Ghetto an der Aufgabe, wieder und wieder seine Biografie zu schreiben. Niebuhr lernt, die Deutschen und sich selber mit den Augen ihrer Opfer zu sehen.

Fritz J. Raddatz schrieb damals in der ZEIT: "Seine Bewacher führen den jungen Gefangenen durch eine Wüste von Steinmehl, und zerbröselnden Trümmern. Das war einmal ein Teil von Warschau. Diesen Teil nannte man 'das Ghetto': 'Wie der Aufstand war, hat man geschossen und gesprengt, und wie der Aufstand fertig war, hat man gesprengt und mit Flammenwerfern die Löcher ausgesäubert. Hundert Prozent, ihr habt wieder gemacht einen Weltrekord.' Es sind nur zweiundzwanzig Seiten – aber für diese zweiundzwanzig Seiten muß man Hermann Kant danken. Sie suchen ihresgleichen in der deutschen Gegenwartsliteratur. Nicht etwa, weil sie einem den Atem verschlagen; nein – Kant ist hier zu einer literarischen Intensität gelangt."

Auch in dem Roman Okarina (2002) erzählt Kant von dem Wandel des jungen deutschen Wehrmachtssoldaten Mark Niebuhr zum Antifaschisten. Im Herbst 1947 trinkt Niebuhr mit Stalin im Kreml Tee, Stalin spielt für ihn auf einer Tonflöte, der Okarina, und ernennt ihn zu seinem Statthalter. Der Roman zeigt ein Panorama der deutschen Nachkriegsgeschichte bis in die Gegenwart. Einerseits ein Meisterwerk, andererseits der Versuch einer Rechtfertigung.