Eine Poesie des "Fuck you"

Erinnert sich noch irgendjemand an Marion Gallert? Die damals ziemlich skandalöse Blondine mit den Sternchen auf den Nippeln, die über 20 Jahre lang für den Schöneberger Laden "Big Sexyland" warb? Nein?

Das könnte daran liegen, dass nackte Frauenkörper im öffentlichen Raum, die Werbung für so ziemlich alles von Joghurt über Mietwagen bis Hundefutter machen, inzwischen so normal geworden sind, dass wir sie nicht mal mehr wahrnehmen – geschweige denn als sexualisierte Körper.

Ist doch toll, könnte man jetzt argumentieren. Wenn uns nackte Brüste an jeder Bushaltestelle weder stören noch besonders antörnen, heißt das doch, dass die sexuelle Befreiung im Zuge der 68er-Revolution nicht umsonst gewesen ist!

Queerfeministischer Ansatz

Eben nicht, behauptet die Journalistin und langjährige taz-Kolumnistin Margarete Stokowski. Befreit sind wir höchstens "untenrum". Und das reicht noch lange nicht aus. Untenrum frei ist auch der polemische Titel ihres gerade erschienenen Sachbuchs, dessen zentrale These lautet: "Wir können untenrum nicht frei sein, wenn wir obenrum nicht frei sind." Sprich: Es geht sowohl um die "kleinen, schmutzigen Dinge", über die man nicht spricht, als auch um die großen Machtfragen, über die man auch nicht spricht – und darum, wie Untenrum und Überbau zusammenhängen.

Das klingt nach einem ordentlichen Rundumschlag (ist es auch); ein Manifest jedoch sei Untenrum frei nicht, betont die Autorin gleich im Vorwort. Vielleicht will sie sich damit auch ein wenig von ihrer britischen Kollegin Laurie Penny absetzen, die ihr in so vielem ähnelt: Gleicher Jahrgang (1986), ähnliche journalistische Vorerfahrung, ähnliche Themenkreise, dezidiert queerfeministischer Ansatz. Selbst der angenehm zugängliche Tonfall, hinter dem sich ein enormes Wissen versteckt, vereint die beiden Autorinnen: Mal locker-flapsig, mal kühl-analytisch, fundiert sowohl mit feministischer Literatur von Simone de Beauvoir bis Naomi Wolf als auch mit eigenen Erfahrungswerten, die nicht immer leicht zu verdauen sind.

Doch bevor’s ans Eingemachte geht, liefert Stokowski diverse scharfsichtige Beobachtungen aus dem Alltagsleben, die im Kleinen belegen, warum es mit der "sexuellen Befreiung" und der Geschlechter-Gerechtigkeit so weit noch nicht her ist. "Die Autovermietung, die zu Werbezwecken einen jungen Mann lasziv an einer Kühlerhaube knabbern lässt, muss erst noch gegründet werden", ist so ein typischer Stokowski-Satz, der die Zusammenhänge zwischen Kapitalismus und Sexismus pointiert entlarvt. "Wir sind nicht umgeben von Sex, sondern von einem diffusen Versprechen von Sex", ein anderer. Wer sich im Spielzeugladen gezwungen sieht, zwischen Panzer und Glitzer zu entscheiden (da "geschlechtsneutrales" Spielzeug im Jahr 2016 so gut wie ausgestorben scheint), wird nicht behaupten können, die Emanzipation sei da angekommen, wo sie mal hinwollte.

Essstörungen

Es geht um Sprache, um das Schweigen, und um das, wofür uns die Worte fehlen. Warum käme niemand auf die Idee, einen erfolgreichen Mann als "Karrieremann" oder "Powermann" zu bezeichnen? Wieso versuchen so viele Männer mit dicpics eine Chat-Konversation zu beginnen, aber nur extrem wenige Frauen mit einem Bild ihrer Vulva? Was im ersten Moment nach willkürlich zusammengewürfelten Anekdoten klingt, fügt Stokowski so klug wie nachvollziehbar ins Gesamtbild eines Herrschaftszusammenhangs, der nicht nur Frauen unterdrückt, sondern sämtliche Geschlechter. Nur lose, aber effektiv hangelt sich die Autorin an der Chronologie ihrer eigenen Biografie entlang: Mit vier stürzt sie vom Fahrrad und verletzt sich "untenrum". Da sie keine Worte hat für dieses "Untenrum" schweigt sie lieber. Zwölf Jahre später wird sie vom Leiter ihrer Schach-AG vergewaltigt – und schweigt. Nicht einmal vor sich selbst stuft sie das Erlebte als Vergewaltigung ein. Stattdessen hüllt sie sich in diffuse Scham- und Schuldgefühle, hungert und ritzt sich, um ein Gefühl von Kontrolle über den eigenen Körper wiederzuerlangen.

Spätestens an dieser Stelle sollte klar geworden sein, dass Untenrum frei – trotz der vielen Passagen im kolumnenhaften Plauderton – eine krasse, bisweilen verstörende Lektüre ist. Kann es Zufall sein, dass sowohl Penny als auch Stokowski von Essstörungen, sexualisierter Gewalt und selbstverletzendem Verhalten berichten? Oder sieht so auch heute noch die Normalbiografie einer jungen Frau aus?

Ungerechtigkeiten nicht mehr weglächeln

Mühsam arbeitet sich Stokowski aus der Sprachlosigkeit heraus. Sie studiert Philosophie und Sozialwissenschaften und besucht Feminismus-Lesekreise, doch setzt sie dieses Wissen nicht voraus. Vielmehr lässt sie ihre Leser_innen teilhaben an ihren Erkenntnisprozessen und ermöglicht es so jedem und jeder, auch ohne jegliche Vorbildung in Genderstudies, ihr zu folgen.

Im Kindergarten wird die kleine Margarete mit ihrem Mireille-Mathieu-Topfschnitt oft für einen Jungen gehalten. Daraufhin beginnt sie mit einer Piepsstimme zu reden, die klingt, "wie ein Hamster, um den man langsam die Faust schließt", in der Hoffnung, damit dem Ideal einer Disneyprinzessin näherzukommen. Et voilà – das erste bewusst inszenierte "doing gender". Ganz ohne Judith Butler zu bemühen.

Unterdrückungsmechanismen

Anstatt abstrakt über Schönheitsnormen zu reden, erzählt Stokowski davon, wie sie sich als Teenie die Zähne mit Backpulver bleicht, Eiklar, Milch und Grüntee ins Gesicht pinselt oder Teebeutel auf die Augen legt. Einfach, weil die Beauty-Tipps in einschlägigen Mädchen- und Frauenzeitschriften keinen Zweifel daran lassen: Der weibliche Körper hat Defizite, aber wenn du unsere Ratschläge befolgst und dir sehr viel Mühe gibst, lassen sie sich beheben. Stokowski ihrerseits lässt keinen Zweifel an den Unterdrückungsmechanismen, die hier am Werk sind. Denn: Welche junge Frau hat noch Zeit, die Welt zu regieren, wenn sie ständig damit beschäftigt ist, der nächsten Thigh-Gap-Challenge hinterherzujagen?

Nach so viel wohldurchdachter, mit Verve hingerotzter Analyse des unschönen Status quo stellt sich natürlich irgendwann die Frage, was man denn nun gegen die Zustände tun kann, die abgeschafft gehören. Stokowski plädiert für eine "Poesie des ,Fuck you‘", die dabei helfen soll, nicht permanent  ins "eigentlich" zu rutschen und Ungerechtigkeiten nicht mehr schweigend wegzulächeln.

Fragezeichen malen

Das Problem ist allerdings, wo überhaupt die Handlungsmöglichkeiten liegen, wenn doch die Herrschaft so tief in allen Bildern, die uns umgeben, in der Sprache, die wir benutzen, ja selbst in unseren Körpern steckt. "Es ist mühsam, sie da rauszupulen", bringt Stokowski mit bestechender Einfachheit Adorno auf den Punkt. Rasiere ich mir die Achselhaare, weil ich das selbst schön finde, oder weil irgendwelche Frauenzeitschriften Achselhaare zu "Beautysünden" erklärt haben? Sind T-Shirts mit dem Aufdruck "Zicke" sexistisch? Oder vielmehr eine ironische Wiederaneignungspraxis? Spätestens seit der dritten Welle der Frauenbewegung – inklusive Riot Grrrl- und Girlie-Movement – ist es für Frauen ok geworden, sich auch mal spielerisch zum Sexobjekt zu machen. Stokowski hat die Grauzonen und Gefahren dieser Widersprüche stets im Blick. "Es ist kompliziert geworden, und es gibt kein Zurück." Kommt damit klar, fordert die Autorin.

Wer Laurie Pennys Unsagbare Dinge gelesen hat, wird vielleicht nichts allzu Neues auf diesen prallgefüllten 256 Seiten finden. Nichtsdestotrotz ist Untenrum frei für den deutschsprachigen Raum ein unendlich wichtiges Buch. Bisweilen hat man beim Lesen das Gefühl, es würden sich neue Synapsen im Gehirn ausbilden, die einen veränderten Blick auf die Welt eröffnen – gerade weil die Lektüre keine einfachen Antworten, keine dogmatischen Aussagen bietet. Stattdessen hilft sie ungemein dabei, die kleinen und großen Ungerechtigkeiten im Alltag zu benennen, Zusammenhänge zu erkennen, die vormals diffus erschienen. Und vor allen Dingen: Gegebenes nicht länger als gegeben hinzunehmen. Denn "genau darin besteht manchmal Philosophie: hinter Sätze, die in Stein gemeißelt sind, ein Fragezeichen zu malen."

Margarete Stokowski: "Untenrum frei". Rowohlt, Reinbek. 256 Seiten, 19,95 Euro.