Tod als Rettung vor dem Tod – Seite 1

Trigger-Warnung: Dieser Text kann Weltschmerz auslösen. Denn der Untergang kommt garantiert. Irgendwann geht das Licht aus. Am Ende will das Leben uns immer ans Leben. Irgendwann ist auch der Körper am Ende, der Mittelpunkt unserer Welt.

Gerade für Männer ist das schwer. Sie haben ja gelernt, dass sie am Hebel sitzen, dass sie sich einbilden dürfen, alles unter Kontrolle zu haben. Doch mit dem Tod naht der ultimative Kontrollverlust. Deshalb erklären besonders Männer so gern, dass alles zu Ende ist, wenn sie ahnen, dass es in absehbarer Zeit mit ihnen selbst zu Ende gehen wird: Wenn meine Welt untergeht, wird zur Strafe auch eure Welt untergehen, lautet ihre schaurige Drohung. Man denkt dann immer ein bisschen an Hitlers letzte Tage im Führerbunker. Das deutsche Volk hatte ihn verlassen, nun sollte es eben mit ihm untergehen. Es hatte nichts Besseres verdient.

Das Altern, dieses schleichende Organversagen, ist große Männeroper. Großes Theater. Großer Romanstoff. Und Michel Houellebecq ist seit vielen Jahren die erste Adresse für Potenzprobleme und Kastrationsängste, für durchpornografisiertes Liebessehnen, zunehmend angereichert mit Angst vor dem Islam. Aus schaurigem Schmutz und Muff was Schönes zaubern, aus Schnaps und Hass und Lebensangst, das ist seine ganz große Kunst. 

Düstere Anspielungen

Am Montagabend wurde Michel Houellebecq in Berlin der Preis der Frank-Schirrmacher-Stiftung verliehen. Seine Preisrede handelt führerbunkermäßig vom nahenden, unausweichlichen Tod, von dem Europas und in düsteren Anspielungen auch von dem des Autors selbst. Sie spielt also auf der Klaviatur der letzten Worte, spielt mit lustvollen Untergangsfantasien und enthält aberwitzige Sentenzen wie: "Ohne die Prostitution, die der Ehe als Korrektiv dient, wird die Ehe untergehen und mit ihr die Familie und die gesamte Gesellschaft."

Die Kunst, auch die Romankunst, kann das Monströse in uns selbst, das abgrundtief Hässliche in Schönheit verwandeln, in eine schöne Raserei. Sie kann es in die Sphäre des Ästhetischen versetzen, in der wir unseren Frieden mit unserer eigenen Hässlichkeit machen können. Sie kann das Asoziale sozialisieren.

Mehr Schlagzeilen

Der Schriftsteller kennt keine Moral. Die Behauptung der Unmoral ist seine Moral. An der Läuterung, die sein Werk bewirken kann, wirkt er nicht aktiv mit, das macht sein Werk ganz ohne ihn, und wenn er Pech hat, frisst das Asoziale ihn bei lebendigem Leibe auf.

Aber wenn er die Welt seines Werks mit der wirklichen Welt verwechselt und sich selbst mit einem Moralisten, wird es eher schwierig. Natürlich ist die Versuchung groß. Öffentlichkeit ist eine harte Droge. Großschriftsteller sind immer auch Großkurtisanen der Aufmerksamkeitsökonomie – gibt es mit noch scheidigerem Wimpernschlag, mit noch schärferem Skandal-Twerking nicht vielleicht noch etwas mehr davon? Mehr Interviews, mehr Schlagzeilen?

Muff als Gesetz

Den wachsenden Einfluss des Islam in Frankreich belegte Houellebecq in seiner Dankesrede enttäuscht mit den Worten: "Tatsache ist, (…) dass die jungen Mädchen heute, verglichen mit meiner Jugend, sehr viel weniger aufregend gekleidet sind." Der größte Horror unserer Zeit sei neben dem Islam (im Ernst jetzt!) "die Rückkehr des Matriarchats", und zwar "in Staatsform", und "der erste Feind, den unsere westliche Gesellschaft versucht auszurotten, ist das männliche Zeitalter, ist die Männlichkeit selbst".

Egal aus welcher Zeit und welcher Welt solche Sätze herausgefallen sind, das Wichtigste bleibt: Es ist alles vorbei. Alles geht unter. Die Linksreaktionären und ihre politische Korrektheit sind schuld. Es geht Houllebecq jetzt darum, sich in eine bestimmte Ahnenreihe politisch unkorrekter Denker einzuschreiben. ("Sie waren freie Männer.") Es geht ihm vor allem darum, sich einem nur noch schwer erträglichen, wirren, nekrophilen Muff vom Endzeit-Clash "spiritueller Mächte" zu ergeben und uns allen diesen Muff als Gesetz anzuempfehlen, als letzte Rettung: den Tod als Rettung vor dem Tod.

Reaktionärer Swingerclub

Der Kern von Houellebecqs großer altmännergeiler Weltdeutung aber lautet: Europa steht vor dem Selbstmord, und zwar wegen höherer Geburtenrate der Muselmanen. Muselmanen vögeln einfach mehr und geben ihren Frauen keine Pille, und Vögeln ohne Verhüten ist die Männermacht, die Kulturkriege entscheidet. Unser Preisträger wirft hier sozusagen mit großer Geste das blutige Handtuch der Kameliendame.

Untergang! Unterwerfung! Auf in die große reaktionäre Geisterbahn – das ist der Rhythmus, bei dem man mit muss. Das ist das Vermuffteste, was an freiwilliger intellektueller Korruption derzeit zu haben ist, im Chor mit Sarrazin, Safranski, Monika Maron, dem ganzen reaktionären Swingerclub, zu dem man nur Zutritt hat, wenn man sich bis aufs Ressentiment nackt auszieht.

Unmenschlich das Endgültige denken, das muss jetzt einfach mal sein. Und sich zum Opfer der linken "Kulturbeamten" stilisieren lassen, wie Houellebecq von seiner Laudatorin Necla Kelek, das muss man sich in den späten Jahren einfach mal gönnen. Bautzen jubelt. Dresden zündelt.

Das ist der Kick

Schade ist es bei diesem absehbar finsteren Absturz bei der Verleihung des Schirrmacher-Preises auch um Schirrmacher selbst. Der Namenspatron des Preises war gerade nicht für Vermufftheit bekannt, sondern eher für offenes und flirrendes Denken.

Doch wenn die Frank-Schirrmacher-Stiftung sich heute einen Preisträger und -redner wie Houellebecq ins Haus holt und ihm einen Preis verleiht, der nach einem Großrecken der politischen Meinungsführerschaft benannt ist, sagt sie damit leider ganz deutlich: Dies ist der Schmutz, in dem ich jetzt auf der politischen Bühne spielen will. Diesem Schmutz gebe ich jetzt einen Lautsprecher. Dies ist der Schmutz, mit dem ihr alle jetzt spielen sollt. Das ist der Kick, der mich noch scharf macht.

Dabei sind Potenzprobleme doch kein Weltuntergang, liebe Männerkinder! Potenzprobleme sind ab einem gewissen Alter ganz normal. Sie sind ein guter Romanstoff, aber doch kein Grund, Moscheen anzuzünden.

Ach wirklich, wie traurig das alles ist.