ZEIT ONLINE: Herr Vogel, eben auf dem Weg zur Messe saßen zwei ältere Damen vor mir in der Bahn. Sagt die eine: "Es ist ja schon wieder diese Buchmesse. Das bringt mich aber ja auch nicht dazu, ein Buch zu kaufen." Die andere stimmt zu.

Oliver Vogel: Den beiden Damen würde ich empfehlen, einfach mal in eine Buchhandlung zu gehen. Da gibt es Buchhändlerinnen und Buchhändler, die sie beraten und auf sie persönlich passende Bücher empfehlen.

 ZEIT ONLINE: Aber in einem haben die beiden Damen natürlich in gewisser Weise recht, wenn auch vielleicht unfreiwillig: Diese Messe ist irrsinnig unübersichtlich. Vor lauter Masse, vor lauter Menschen und Büchern sieht man kaum etwas. Oder erkennen Sie etwas?

Vogel: Na ja, es ist sicher nicht ganz einfach. Die Buchmesse ist ein schön unübersichtliches Ereignis, dass zweimal im Jahr alle Beteiligten des Literaturbetriebs zusammenbringt: Leserinnen und Leser, Autorinnen und Autoren, Buchhändler, Verlage und Journalisten. Wer keinen Sinn hat für die Ereignishaftigkeit der Messe, wird sich vielleicht verloren fühlen.

Oliver Vogel, geboren 1966, wuchs in Frankfurt, München und Santiago de Chile auf. Er ist Programmleiter für deutschsprachige Literatur im S. Fischer Verlag und Mitherausgeber der Neuen Rundschau. © Benjamin Lauterbach für ZEIT ONLINE

ZEIT ONLINE: Die Unübersichtlichkeit spiegelt aber ganz gut die Situation auf dem Buchmarkt insgesamt wieder. Es wird immer unübersichtlicher, weil es immer mehr Bücher gibt.

Vogel: Deshalb braucht es Auswahl. Wir als Verlag leisten einen ersten Schritt, indem wir ein Programm machen, also die Bücher veröffentlichen, die wir für wesentlich halten. Dann folgt der Buchhandel, der Bücher empfiehlt, die er für gut hält. Und schließlich gibt es noch die Leser, die Bücher, die sie gelesen und gemocht haben, weiterverschenken. Und natürlich gibt es noch das Feuilleton, dessen Aufgabe ja unter anderem auch darin besteht, die Übersichtlichkeit herzustellen und zugleich die Vielfalt zu zeigen.

ZEIT ONLINE: Das müssen Sie erklären. 

Vogel: Buchrezensionen haben ja nicht zuletzt die Aufgabe, zu ordnen und zu informieren, indem sie Bücher bewerten und einordnen. Das Problem ist, dass es in letzter Zeit immer wieder eine gewisse Tendenz gibt, sich auf Artikelformen zu verlegen, die dieser Aufgabe nicht mehr nachkommen. Jedenfalls nicht in der Form, in der das ursprünglich mal stattfand. Rezensionen werden immer wieder ersetzt durch Homestorys oder durch Interviews, oft zu literaturfremden Themen. Literaturkritik ist enorm wichtig: für die Verlage, für die Autoren und für die Leser. Hier wird ein unabhängiges und öffentliches Gespräch über Literatur geführt. Für die Verlage wäre es schwierig, wenn der Platz für Rezensionen noch mehr eingeschränkt würde und wenn Redakteure und freie Kritiker und Kritikerinnen noch weniger Zeit hätten, sich mit aktuellen Büchern zu beschäftigen.

ZEIT ONLINE: Wenn man mit Verlagen spricht, hört man allerdings auch häufig, wie sehr der Einfluss und damit die Bedeutung von Kritiken abnehmen. Früher hat sich die Wirkung einer Rezension in einer großen Zeitung unmittelbar in den Verkaufszahlen niedergeschlagen. Das ist heute nicht mehr so.

Vogel: Ich spreche hier gerade nicht von Verkaufszahlen. Ich spreche über eine inhaltliche, genaue und informierte Diskussion über Literatur. Es steht ja außer Frage, dass es für jeden Lektor und natürlich für jeden Autor schwer zu ertragen ist, wenn ein Buch kritisch besprochen wird – trotzdem bin ich mir sicher, dass jeder Lektor und auch jeder Autor unterschreiben würde, dass dieses kritische Gespräch über Literatur wichtig ist, für jeden, der liest und der aus der Unübersichtlichkeit hinaus möchte. Wenn das Gespräch über Literatur nicht wieder sichtbarer wird, wird es die Literatur sehr schwer haben.

ZEIT ONLINE: Das hat sie doch ohnehin schon.

Vogel: Das stimmt, das hat sie schon. Die Zahlen gehen vielleicht nicht insgesamt, aber doch bei einer Großzahl der Titel eher zurück. Es findet eine Zuspitzung statt, eine Konzentration auf immer weniger Bücher. Das ist eine Form der Übersichtlichkeit, die ich mir nicht wünsche.