Es war offenbar nicht auszuhalten. Eine Autorin, der die Herzen millionenfach zufallen und zu der es kein Gesicht und keine Geschichte gibt. Keine Magazinstrecken über die Autorin, fotografiert im neapolitanischen Abendlicht. Keine Exklusivreportage im Korbsessel-Ambiente eines italienischen Landhauses mit herumstreunenden Katzen und Vogelgezwitscher.

Die Literaturkritik, deren inszenatorischer Ehrgeiz auf Kosten ihres analytisch-interpretierenden Kerngeschäfts immer weiter expandiert, zeigte sich ratlos: Wer steckt hinter der internationalen Bestsellerautorin Elena Ferrante, die es seit Jahrzehnten ablehnt, ihre wahre Identität preiszugeben? "Ein Autor", sagte sie in einem ihrer vielen Interviews, "ist die Summe seiner literarischen Entscheidungen, aus denen sich seine fiktive Welt zusammensetzt. Der Rest ist banales Privatleben." Über das eine hat sie mit vielen Gesprächspartnern äußerst freigebig in schriftlicher Form gesprochen. Über das andere wollte sie schweigen.

Was immer sie dazu bewogen hat: Es war ihr gutes Recht. Ein Autor ist kein Angeklagter. Er muss weder seinen Kontostand noch seine Besitzverhältnisse offenlegen. Er muss sich nicht damit einverstanden erklären, dass sein Bild in der Presse veröffentlicht wird, mit der Folge, dass er danach nicht mehr unbehelligt Brötchen holen kann. Er muss sich nicht daran beteiligen, wenn seine Familiengeschichte bis ins dritte Glied ausgeleuchtet wird. All das hat man mit Elena Ferrante getan.

Hausdienerhafte Literaturkritik

Dabei hatte sie gute Gründe, sich der neuerdings erhobenen Transparenzpflicht zu verweigern. Sie ist ja nicht die Einzige. Viele Autoren treffen Vorkehrungen, um sich den Authentizitätserwartungen des Publikums zu entziehen. Sie legen sich zu diesem Zweck eine sogenannte Künstlerpersönlichkeit zu, hinter der sie sich verschanzen.

Michel Houellebecq ist so ein Fall. Als er in der vergangenen Woche in Berlin bei der Frank-Schirrmacher-Preisverleihung eine Rede hielt, die einerseits komplett vorformuliert und auswendig gelernt, andererseits im vernuschelten und nach Worten ringenden Originalgenie-Gestus gehalten war, konnte man einen überraschenden Blick in die Werkstatt werfen, in der solche medialen Selbstbilder verfertigt werden. Andere Autoren entwickeln gemeinsam mit den Werbeabteilungen der Verlage für ihre Bücher Bühnenshows und Interviewstrategien, an deren Fäden Öffentlichkeit und Literaturkritik zappeln wie der Fisch an der Angel. Auch hier gab es in dieser Buchsaison schon groteske Kostproben einer hausdienerhaft agierenden Literaturkritik.

Elena Ferrante - Über den Preis der Freiheit Iris Radisch stellt "Meine geniale Freundin" vor. Teil eins einer Tetralogie und Bestseller einer anonymen Autorin © Foto: ZEIT ONLINE

Elena Ferrante wollte das alles nicht. Dass ein sogenannter Enthüllungsjournalist ihre wahre Identität nun mit den Methoden der Steuerfahndung und der Kriminalpolizei herausgefunden und die unbekannte Autorin "überführt" hat, als handelte es sich um eine Kriminelle, ist keine Sternstunde des investigativen Journalismus. Der italienische Wirtschaftsjournalist Claudio Gatti, der seinen sogenannten Coup am vergangenen Sonntag zeitgleich in Deutschland, Frankreich, Italien und Amerika veröffentlichte, spionierte die Honorarzahlungen und den Immobilienbesitz des Autorenpaares Anita Raja und Domenico Starnone aus – ein Übergriff, der sich bei steuerflüchtigen Präsidentschaftsbewerbern rechtfertigen mag, hier aber in keinem Verhältnis zum Ergebnis steht. Denn die beiden haben nichts verbrochen, außer dass sie ein sehr gutes vierbändiges Werk geschrieben haben: den Weltbestseller Meine geniale Freundin.

Der italienische Journalisten-Kommissar verteidigt sein respektloses Vorgehen damit, dass Ferrante, die gelegentlich in Interviews erfundene Angaben zu ihrer Biografie gemacht hat, "jedes Recht verwirkt habe, hinter ihren Büchern zu verschwinden". Was für eine Anmaßung. Als wäre das Nein einer Autorin kein Nein.

Wenn der literarische Enthüllungsjournalismus überhaupt ein Ergebnis hat, dann allenfalls jenes, dass man jetzt noch genauer weiß, wie existenziell das Motiv des Verschwindens und des Verlassenwerdens, das durch das gesamte Werk der Ferrante geistert, nicht nur auf eine Poetik des weiblichen Schreibens à la Ingeborg Bachmann zurückgeht. Es ist möglicherweise sogar existenziell mit der tragischen Geschichte der deutsch-jüdischen Familie der Autorin verbunden. Und vor einer Biografie, deren Spur in den Holocaust führt, sollten die Ansprüche des Boulevards endgültig verblassen.