Thaddea ist noch ein Kindergartenkind, als sie eines Tages auf ihre Mutter wartet und ihren Fuß vom Gehsteig auf die Straße stellt, um ihn vom Hinterreifen eines Lastwagens überrollen zu lassen. Ein ungeheurer, nicht erwarteter Schmerz durchfährt sie; auf ihrem weißen Tennisschuh zeichnet sich das Reifenprofil ab. Der Mutter erklärt sie ihr Humpeln damit, dass sei sich beim Spielen verletzt habe. Tagelang hält sie zu Hause den blutigen, sich verfärbenden Fuß unter kaltes Wasser, bis die Mutter sie im Bad überrascht und ins Krankenhaus bringt. Drei Zehen müssen amputiert werden. Gegen Prothesen wehrt Thaddea sich. Sie lernt, ihren Körper zu beherrschen. Sie humpelt nie. So gut wie nie. In den Ballerinas von Bottega Veneta fühlt sie sich sicher. Phantomschmerz fühlt sie nicht. Die Zehen sind einfach nicht mehr da. Mehr ist es nicht.

Ernst-Wilhelm Händler ist ein Schriftsteller, der, wie Gottfried Benn es einmal als Maxime formuliert hat, sein Material kalt hält. Und er ist eine Ausnahmeerscheinung im Literaturbetrieb: Händler, 1953 in München geboren, promovierter Philosoph und Betriebswirt, hat nicht nur seinen Hauptberuf als Unternehmer (Händler leitete den familieneigenen Betrieb bis zu dessen Verkauf) behalten, sondern zudem noch einen klirrend kühlen, analytischen Tonfall entwickelt.

In Händlers bestürzend klugen Gedankenexperimenten werden die dann plötzlich gar nicht mehr so konträren Welten von Kapitalismus und Kunst zusammengeführt, gegeneinandergehalten, auf ihren Wahrheits- und Erkenntnisgehalt abgeklopft. Händlers Sprache ist keine genuine Literatursprache. Sie ist nicht schön, sondern klar und hochkomplex. Und nun hat er mit München ein Buch vorgelegt, das in seinem Untertitel "Gesellschaftsroman" Erwartungen aufbaut, die erstaunlicherweise gleichzeitig eingelöst und gezielt unterlaufen werden.

Promi-Partys, Medienfuzzis

Die Figuren- und Handlungskonstellation ist auf den ersten Blick überschaubar: Thaddea Klock, Anfang dreißig, ist Ärztin, Spezialgebiet psychosomatische Krankheiten, und hat sich nach ihrer Ausbildung als Therapeutin selbstständig gemacht. Um Geld braucht Thaddea sich keine Sorgen mehr zu machen: Die Eltern sind in Kanada beim Heliskiing ums Leben gekommen; ihr Vater hatte in München eine große Wirtschaftsprüfungsgesellschaft gegründet. Thaddeas beste Freundin Kata ist Architektin und hat ihr zwei Häuser gebaut: eines in Schwabing, genannt "die Struktur", in dem Thaddea ihre Patienten empfängt. Das andere in Grünwald, in Form eines griechischen Kreuzes. Thaddea erfährt, dass ihr Freund Ben-Luca, Mitarbeiter eines Auktionshauses und mehr blasse Zombie-Figur als Mensch, sie mit Kata betrogen hat. Daraufhin nähert Thaddea sich Ben-Lucas bestem Freund Pimpi an. Oder er sich ihr.

Allein schon die Wahl der Namen ist eine Irreführung. Oder eine Reminiszenz an die alten Zeiten der Münchener Bussi-Gesellschaft, an die Helmut-Dietl-Welt, deren folkloristischer Anstrich bis heute touristisch bestens gepflegt und genutzt wird. Und die Schauplätze fügen sich ein in diese Welt: eine Promi-Party bei irgendeinem Medienfuzzi, auf der Thaddea einen Schriftsteller kennenlernt, dessen Biografie, Arbeitsweise und Weltbetrachtung der von Ernst-Wilhelm Händler höchst ähnlich ist. Die Feier des 80. Geburtstags von Prinz Franz auf Herrenchiemsee, zu der Pimpi Thaddea mitnimmt ("'Supi', hatte Pimpi gesagt, als Thaddea zugestimmt hatte").

Die Kulissen stehen also noch, und in diesem Sinne nimmt Händler das Genre des Gesellschaftsromans durch und durch ernst, auch wenn die Parameter sich drastisch verändert haben: Gut aussehen, in einem Porsche vorfahren und in Lederjacke aussteigen, so hat Händler es kürzlich in einem Gespräch formuliert, das reiche in München nicht mehr zum Playboy-Dasein.