Im Jahr 1985 baute sich der Malereiprofessor Joseph Beuys in den Münchner Kammerspielen vor dem Publikum auf und verkündete den Glaubenssatz: "Jeder Mensch ist ein Künstler." Jetzt, im Herbst 2016, bietet der Hamburger Designprofessor Friedrich von Borries eine Aktualisierung an: In seinem neuen Buch Weltentwerfen ist jeder Mensch ein Designer. Und in gewissem Sinne erzählt das auch schon einiges über den Weg, den Deutschland in dieser Zeit zurückgelegt hat.

Die Filzwesten und der Umsturzpathos sind Strickjacken und Projektmanagement gewichen, Avantgardisten sind von Unternehmensberatern kaum mehr zu unterscheiden. Das ist möglicherweise sogar eine gute Entwicklung: "Je klarer das individuelle Profil, je ununterscheidbarer der Einzelne ist, desto besser ist er einzuordnen, desto leichter ist sein Vorhaben zu antizipieren", schreibt Friedrich von Borries. Wer heute tatsächlich subversiv agieren will, muss sich tarnen.

Das Buch hat sich vorgenommen, eine politische Designtheorie für eine Welt zu formulieren, in der alles künstlich ist, alles designt, alles auf die jeweiligen Bedürfnisse hin entworfen und in diesem oder jedem Sinne optimiert. Es geht also, kurz gesagt, um die Welt, in der wir leben.

Gestaltung als Intervention

Friedrich von Borries zufolge gibt es vier große Ausformungen des Designs: das Überlebens-, das Sicherheits-, das Gesellschafts- und das Selbstdesign. Das Überlebensdesign betrifft dabei alles, was es dem Mängelwesen Mensch ermöglicht, sich in der feindseligen Welt physisch einzurichten, also etwa Bewässerung und der Bau von Häusern und Siedlungen.

Sicherheitsdesign beschäftigt sich vor allem mit der Abwehr von Gefahren, Gesellschaftsdesign unter anderem mit der Ausformung von kollektiver Identität, dem Umgang der Menschen untereinander, der Ausgestaltung des verfügbaren Raums und der Zeit. Und das Selbstdesign schließlich betrifft die Gestaltung des eigenen Körpers. In diesem Bereich geht es zum Beispiel um Medizin, Fitness und Mode.

Der Architekt, Designer und Autor Friedrich von Borries © Hannah Jonas/Suhrkamp Verlag

Ausgang aus der Unterworfenheit

Die Frage bei Borries ist nicht: "Was ist Design?", sondern vielmehr: Was eigentlich nicht? Womit sich die Debatte, ob Design politisch ist, im Grunde von selbst erledigt: Wenn Parteiprogramme, Freihandelsabkommen und Entwicklungshilfestrategien die Wirklichkeit auf dieselbe Weise gestalten wie der Apple-Designchef Jonathan Ive weiße TV-Adapter, wird die Realität zwangsläufig zum Produkt und jeder Gestaltungsakt zur politischen Intervention. "Entwerfen ist der Ausgang des Menschen aus der Unterworfenheit", schreibt Friedrich von Borries. "Wenn wir entwerfen, befreien wir uns. Das ist der Wesenskern unseres Menschseins."

Von der traditionellen Politikwelt unterscheidet sich diese geschliffene Designwelt kaum. Auch hier konkurrieren verschiedene Designer mit verschiedenen Interessen um das Erscheinungsbild der Wirklichkeit: Das Sicherheitsdesign, das zum Beispiel NSA und BND vor Augen haben, beeinträchtigt die Entwürfe des Design-Duos Deleuze/Guattari ganz entscheidend.

Design diszipliniert

In Friedrich von Borries' politischer Designtheorie gibt es nicht nur entwerfendes Design, sondern auch unterwerfendes: Überwachung, Kontrolle und Bevormundung stehen Zugänglichkeit, Ermächtigung und Offenheit gegenüber. Für Friedrich von Borries handelt es sich dabei nicht um unterschiedliche politische Programme, sondern unterschiedliche Gesellschaftsdesigns: "Heute werden Menschen mithilfe von Design diszipliniert und kontrolliert, sodass von der Norm abweichendes Verhalten nicht – oder nur erschwert – möglich ist." Anderseits könnten Designer "Projekte und Verhaltensanleitungen entwickeln, die unterwerfende Sicherheitsparadigmen aufbrechen und/oder ironisieren".

Vielleicht muss man sich dieses Buch als einen Akt produktiver Sabotage vorstellen: Friedrich von Borries spricht von "Design" statt von "Politik", um einem Publikum ein politisches Bewusstsein unterzujubeln, das gewohnheitsmäßig lieber über Design spricht.

Bedrückende Gespräche

Gut möglich, dass das sogar funktioniert: Über "gutes Design, das pragmatische Utopien entwirft" redet es sich nun einmal sehr viel besser als über Milchquoten und Seniorenbetreuungsprogramme, auch wenn es letztlich um ganz ähnliche Anliegen geht. Während junge Kommunalpolitiker auf Snapchat an dem Versuch scheitern, neue Zielgruppen zu erschließen, wird in den Galerien und Innenstadt-Cafés aller Voraussicht nach bald Friedrich von Borries' politische Designtheorie herumgereicht.

In diesem Sinne hat der Designer dem politischen Sprechen einen Rebrush verpasst, den es gut gebrauchen kann. Von Borries hat einen Begriffsapparat entwickelt, mit dem sich über Politik sprechen lässt, ohne dabei den Eindruck zu erwecken, man würde sich auf diese spezielle aus der Zeit gefallene Weise für Politik interessieren. Gespräche über Politik sind in diesen Tagen eigentlich immer unerfreulich und sie führen auch selten irgendwohin. Vielleicht ist es deshalb gar keine so schlechte Idee, ab sofort statt "Politik" "Design" zu sagen und noch einmal von vorn anzufangen.