Sie leiden doch erstaunlich

Der Mann schwächelt. Er führt Strichlisten über seinen Rauschmittelkonsum, kann nachts nicht schlafen und vergisst die Pin seiner Girokarte. Er haust in dunklen Wohnungen, weil der Lampenkauf seine Alltagsfähigkeiten übersteigt. Anstatt zum Waschsalon zu gehen, dreht er seine Wäsche auf links. Er begegnet Thomas Bernhard bei Mc Donald's und Picasso im Berghain. Er heiratet. Wer einen Blick auf die Protagonisten der aktuellen Literatur wirft, sieht Baustellen überall. Dem modernen Mann muss dringend geholfen werden, wenn er plötzlich seine Empfindsamkeit entdeckt hat. Nicht, dass die Literatur ihm nicht schon früher Gefühle zugestanden hätte, aber selten in so radikaler Form wie in diesem Jahr. Mindestens so viel wie über Männer sagt das über die Gesellschaft aus. Die Bauarbeiten haben gerade erst begonnen.

Zwei Typen von Männern gibt es. Einmal den Einzelgänger, der, gewollt oder nicht, am althergebrachten Männlichkeitsbild festhält. Ein die Vorsorgeuntersuchung schwänzender Indianer ohne Schmerz, der auch sonst jeden Tag lebt, als sei es der letzte. Begegnen kann man diesem Typus zum Beispiel in Thomas Glavinics Roman Der Jonas-Komplex. Dieser Schriftsteller investiert seine Gage in Stimulanzien und den schweren Roten seines Stammitalieners. Mit Hilfe einer Terminkalendersymbolik (–= nüchtern, A=Alkohol, K=Koks) managt er seine Süchte.

Als Vorbild für seinen Sohn ist er denkbar ungeeignet, als Liebhaber nur bedingt zu gebrauchen: "Ohne Benzodiazepine ist in meinem Alltag der Teufel los und ohne Potenzmittel ist mein Sexualleben zum Scheitern verurteilt." Nur in seiner Rolle als Vater kommt er ansatzweise zur Ruhe, dann bestehen seine Tage nicht mehr aus As und Ks, sondern aus Bindestrichen und dem Wunsch "Zärtlichkeiten abzustauben". Abgesehen davon verdankt er seine seltenen lichten Momente fast ausnahmslos dem anderen Geschlecht, allen voran seiner Ex-Frau, die sich um Post und Kreditkartenabrechnungen kümmert.

Auf Koks ein Gott

Der zweite Typus muss beides auch in Zeiten der Unzurechnungsfähigkeit selbst erledigen. Kaum ein zeitgenössischer Autor hat seine Selbstzerstörung konsequenter vorangetrieben als Benjamin von Stuckrad-Barre. Sein erstes Buch Soloalbum machte ihn mit Anfang zwanzig zum Popstar, zu dessen Lebensstil neben Talkshows und ausverkauften Lesereisen auch der Ausverkauf der eigenen Gesundheit gehörte. Wie das im Detail aussah, steht in seiner Autobiografie Panikherz. Vorbild ist der BRD-Chronist Jörg Fauser, der als junger Erwachsener in Istanbul beinahe am Opium zugrunde gegangen wäre und für den seine Alkoholabhängigkeit eine lebenslang sprudelnde Inspirationsquelle war. 

In seinem Nachwort zu Fausers autobiografischen Roman Rohstoff schreibt Stuckrad-Barre: "Sich zerstören, das schlaucht gleich doppelt, aber dabei fühlt es sich immer kurz mal an wie – doch, tatsächlich – Sinn." Als Zerstörwerkzeug diente ihm wie dem namenlosen Protagonist im Jonas-Komplex Kokain, die vielleicht männlichste Droge von allen. Ihrem Konsumenten schenkt sie Energieschübe, sexuelle Potenz und ein irre gesteigertes Selbstbewusstsein. Kurzum: Wer ohnehin schon narzisstisch veranlagt ist, hält sich unter Kokseinfluss für Gott.

Über weite Teile ist Panikherz demnach eine Bibel des Größenwahns. Nichts scheint unmöglich: "Mein neuester Plan war, das Internet auszudrucken – ein neuer literarischer Weitwurf vom medienscheuen Kritikerliebling." Nicht, dass es keine koksenden Frauen gäbe, aber die Weltliteratur kennt doch eher den Typus der Mitleid erweckenden Trinkerin oder Tablettensüchtigen. Frauen betäuben sich, Männer putschen ihr Ego auf. Das Irre ist: Obwohl er selbst seine wahnwitzigen Großprojekte schon in Vorbesprechungen nicht mehr verstand, hatte Stuckrad-Barre damit Erfolg. Seine drogenvernebelten Jahre waren ausgesprochen produktive. Frauen? Kommen zumindest im Buch nur am Rande vor, als Groupies oder schlecht vorbereitete Journalistinnen.

Dieser ganze emotionale Mist

Auch Philipp Winkler spart sich seine erzählerischen Kräfte lieber für seine männlichen Figuren auf. Sein Roman Hool ist der Rowdy unter den Neuerscheinungen, eine klappmesserscharfe Milieustudie über einen jungen Mann, der sich in seiner Freizeit dank Zahnschutz bestens vorbereitet ins Koma prügelt. Es handelt von Kampfsport, Männerfreundschaft und schwieriger Kindheit. Den Alltagsproblemen begegnet Heiko Kolbe auf eine sehr maskuline Art: Mit seiner Clique verabredet er sich zu illegalen Massenschlägereien, gegen Fans der falschen Fußballmannschaft und irgendwie auch gegen eine Welt, die keinen Platz hat für junge Männer ohne Abitur. Zwischen den Kämpfen kippen sie Kurze oder "schütten sich noch schnell ein Pils vom Fass in die Hälse" und gefährden die Verkehrssicherheit: "Wir bügelten mit 200 Sachen über die A2."

Natürlich steckt auch in Heikos harter Schale ein weicher Kern, der sich manchmal in poetischen Beschreibungen von Feldwegen offenbart, manchmal in Schwärmerei für seine Ex-Freundin. Dass es nicht klappte, lag an ihrer Heroinsucht, aber ein wenig auch an seinen schwach ausgeprägten Soft Skills: "Diese ewigen Diskussionen dauernd. In so was war ich noch nie gut. Rhetorisch. Und zu sagen, was in einem vorgeht, und dieser ganze emotionale Mist."

Von emotionalem Mist kann bei Thomas Melle keine Rede sein. Auch er stand wie Winkler auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises, auch sein Roman schildert das männliche Innenleben, aber auf eine Weise, die weitaus radikaler ist als ausgeschlagene Vorderzähne. Seit 1999 ist Melle manisch-depressiv, hat drei schwere Schübe hinter sich, die ihn aus verschiedenen Gründen beinahe das Leben gekostet hätten. Einen Selbstmordversuch brach er nur deswegen gerade rechtzeitig ab, weil sein innerer DJ Abbas Fernando anstimmte, als Erinnerung an glückliche Zeiten. Mit seinem wahnhaften Verhalten fällt er selbst im an Wahn nicht armen Berlin auf. In seinen manischen Phasen schimpft er bei Blumfeld-Konzerten und Pollesch-Inszenierungen und attackiert seine damalige Verlagschefin Ulla Unseld-Berkéwicz. Ständig glaubt er, Stars zu begegnen, auch bereits verstorbene, und immer meinen sie ihn.

In seiner Selbstverschwendung radikal

So hoch wie er fliegt, so tief fällt er in die Depression, hinter sich eine Spur der Verwüstung, vor sich einen Berg Schulden: "Manchmal hatte ich so wenig Geld, dass ich mir Maggi in den Rachen schüttete, einfach, um den Geschmack von Nahrung im Mund zu haben." Die titelgebende Welt im Rücken meint auch Melles geliebte Bibliothek, vom Maniker selbst verkauft. Das ist das Erschütternde an diesem Krankenbericht: Dass sein Autor letztlich an der eigenen Feinfühligkeit zu Grunde geht. In einer besonders heftigen Krankheitsepisode scheint seine Freundin Ella ihm einen Weg aus dem Dunkel zu weisen: "Später aber lachten wir und gingen ins Kino, dann schliefen wir vielleicht miteinander. Wir liebten uns nämlich." Aber auch diese Beziehung zerbricht. Zurück bleibt einer, dessen Einsamkeit bodenlos ist.

Andere Haltlose scheinen die Frauen wirklich gerettet zu haben. "Die Sorge mochte groß sein, aber selbst mitten in ihr gab es in Linda doch immer etwas Heiles und Geborgenes." Bevor er seine große Liebe kennenlernte, war Karl-Ove Knausgård der Inbegriff des in seiner Selbstverschwendung radikalen Schriftstellers. Wie sein Vater trank er bis zur Bewusstlosigkeit, verletzte dabei sich selbst und andere. Als seine zukünftige Frau Linda sich kurzzeitig einem anderen zuwandte, schnitt sich der Gehörnte mit einer Glasscherbe die Stirn auf. "Ich ging systematisch vor, versuchte, die Schnitte möglichst tief zu machen und deckte das gesamte Gesicht ab. Als ich schließlich zufrieden war mit meinem Werk, war für weitere Schnitte kaum noch Platz, und ich ging ins Bett." Als er Linda endlich zum ersten Mal küsst, wird er vor Aufregung ohnmächtig.

Bis zur Lächerlichkeit

Heute ist Knausgård vierfacher Vater und erzählt in sechs Bänden von den Beschwerlichkeiten zeitgenössischer Männlichkeit. Was, wenn einen ein Seestück William Turners mehr rührt als die eigene Tochter? Wie soll die Haushaltskasse stimmen, wenn man für den billigen Supermarkt einen Umweg gehen muss, während der teure direkt auf dem Heimweg liegt? Und wie übersteht man als ehemaliger Hardrocker die Lächerlichkeit eines Babymusizierkurses, noch dazu, wenn man mit der Kursleiterin schlafen will? Vorbilder gibt es keine, jedenfalls nicht im direkten Umfeld. Knausgårds Vater war ein Familientyrann, so nicht, aber wie dann?

Vielleicht so wie Michael Kumpfmüllers Ich-Erzähler. Den bei Knausgård schon angelegten "Kampf" (so das Werk im Originaltitel) mit gesellschaftlichen Erwartungen reizt dieser Georg bis zur Lächerlichkeit aus. Als Hauptfigur des Romans Die Erziehung des Mannes probiert er verschiedene Lebensentwürfe an und aus, das Patriarchalische seines Vaters, das Verständnisvolle des jungen Liebhabers, Resignation vor und schließlich Erfüllung des Frauenwunschs nach Ehe und Fortpflanzung. Dabei gleicht Georgs Leben einem Flipperautomaten, mit ihm selbst als Spielball weiblicher Entscheidungen. Egal ob es um den Sommerurlaub mit seiner ersten Frau Jule oder die Hochzeitsvorbereitungen geht: "Da ich nie widersprach, nahm sie nicht zu Unrecht an, dass es so geschehen würde."

Das Klischee des genialen Künstlers

Lange Zeit ist Georgs Platz auf dem Beifahrersitz, von wo aus er an der Suche nach einer verlorenen Kontaktlinse verzweifelt. Es ist leicht, sich über eine solche Waschlappenhaftigkeit lustig zu machen, nach dem Motto: "Das macht der Feminismus aus den Männern". Dabei taugt Georg spätestens als junger Vater zum Vorbild. Ähnlich wie Karl-Ove Knausgård arbeitet er sich ein Leben lang am negativen Vorbild seines patriarchalischen Erzeugers ab, mit Rückschlägen, aber auch mit Erfolg. Wie er versucht, den Bedürfnissen seiner drei Kinder auch nach der Trennung von seiner ersten Frau gerecht zu werden, ist berührend und wegweisend. Zumal er da endlich Jules intrigantes Wesen erkennt und sich, nun ja: emanzipiert.

So unterschiedlich diese Männerfiguren sein mögen, verbindet sie eine vormals als unmännlich verlachte Empfindlichkeit. Sie straucheln und zweifeln und sind schwach. Dass ihnen diese Schwäche nicht immer zugestanden wird, ist auch eine traurige Zeitdiagnose. Offenbar haben sie die Welt nicht nur im Rücken, sondern auch gegen sich. Warum sollen Männer nicht auch von postmoderner Verzweiflung erfasst werden, wie die Hauptfigur in Glavinics Jonas-Komplex? "Wir leben allein mit anderen. Keiner ist mit jemandem fest zusammen, jeder hat ein paar Menschen, mit denen er ab und zu ins Bett geht. Ich weiß nicht, ob dieses Modell eine Erscheinung unserer Zeit ist, und ich glaube nicht, dass ich mich daran gewöhnen möchte." Gewöhnen möchte man sich daran auch als Leser nicht – aber unbedingt an solche alternativen Modelle von Männlichkeit, an literarische Leidensmänner, die erkannt haben, dass Gefühle bisweilen die härteste Droge von allen sind.