"Erlaubent, Schas, sehr heiß bitte!", sagt der Ober bei H.C. Artmann, während er sich erlaubt, dem Gast ein Heißgetränk quasi als dampfenden Furz (öst.: Schas) zu servieren. Hot shit aus Österreich: Vor einigen Wochen hatte der Kellner im Wiener Café Eiles zu mir noch gar nichts gesagt, da kam eine Unbekannte auf mich zu. Ich war gerade dabei, mich an den letzten freien Tisch zu setzen, der in dem übervollen Lokal zu entdecken war. So wie die Frau ausschaute, den Mantel noch nicht ganz zu- oder aufgeknöpft, befürchtete ich zunächst, dass sie mir jetzt wohl meine wunderhübsche Loge am Fenster streitig machen wird. "Entschuldigen Sie, ich war zuerst da!" Oder: "Bin eigentlich noch gar nicht gegangen" – irgendeine unangenehme Bemerkung in diese Richtung.

Klaus Kastberger, geboren 1963, ist Juror des Bachmann-Preises, Professor für Neuere deutschsprachige Literatur am Franz-Nabl-Institut der Universität Graz und Leiter des Literaturhauses Graz. © Clara Wildberger

Stattdessen kam – direkt und ansatzlos – die Frage: "Wie muss denn ein Begleitschreiben verfasst sein, damit Sie sich für einen literarischen Text interessieren?" Nach einigen Augenblicken wurde mir klar: Hier geht's um eine Einreichung zum Bachmannpreis. Wenn das Fernsehen mit im Spiel ist, braucht kein Mensch mehr an seiner Sache viel zu erklären. Kurzum: Die unbekannte Dame hatte in mir den Juror erkannt.

Entsprechend fiel meine Antwort aus: "Kleben Sie auf das Kuvert, ob vorne oder hinten, nur ja keine Marienkäfer oder ähnliche ausgestanzte Bildchen. Auch von Glückskleestickern, Glühbirnen zur Versinnbildlichung der guten Idee oder Blumenarrangements zur Verdeutlichung der Stimmung ist abzuraten. Solche Klebebilder finden sich auf jeder dritten Einreichung und verderben den besten Text." Unter uns: In Wahrheit fiel mein Statement etwas kürzer aus.  

Texte mit Eigenwillen

"Aha, Sie lesen also die eingereichten Texte", sagte die Frau. Darauf ich: "Ja, schon. Und vieles hängt davon ab, ob der erste Satz oder Absatz mich interessiert. Etwas in mir auslöst. Mich kriegt." Die Frau sagte daraufhin nicht mehr viel und war schnell weg. Im Abgehen rief sie mir noch einen Namen zu, es war ihrer. Zurück blieb die Frage: Wie soll ein Text ausschauen, von dem ich Lust hätte, ihn für Klagenfurt zu nominieren?

Erlaubent, Schas: So ein Text muss aber schon auch ein bisschen mutig sein. So mutig in etwa, wie Burkhard Spinnen es bei seiner Klagenfurter Eröffnungsrede im Vorjahr gefordert hat. Die persönliche Bilanz des langjährigen Juryvorsitzenden fiel dabei ja eher deprimierend aus: Viel zu wenige mutige Texte habe er erlebt. Diese Abschiedsklage war wohl auch als Appell an die verbleibende Jury gedacht: Mädels und Jungs, lasst künftig mehr Mut zu!

Spinnen hat Recht: Nichts ist langweiliger, als ein 15 Mal durchgesehener, durchdiskutierter und durchkorrigierter Text, an dem, bis er endlich am Wörthersee gelandet ist, alle Ecken und Kanten abgeschliffen sind. Schulen des Schreibens sind zwar nicht das Ende der Literatur, aber auch keine Geburtsstätten eines besonderen literarischen Übermuts. Wenn man Texten anmerkt, aus welcher Übungseinheit sie hervorgegangen sind und welchen Konsens sie verkörpern, stampft man sie am besten gleich wieder ein. Zumindest mir sollte man sie nicht schicken. Erlaubent, Schas: Ich wünsche mir Texte, die Eigenwillen haben (quasi aus sich selbst heraus) und sich gegen das gute Wollen der anderen stemmen.

Texte, die zittern

Mut kann aber auch zur Konfektionsware werden. Gerade Klagenfurt hat eine spezifische Form des literarischen Mutes hervorgebracht, innerhalb der der Regelbruch oft noch viel simpler erscheint als die Regel. Das Fernsehen befördert diesen Mut, denn die Abweichung ist immer telegen, so kindisch und öd sie in Wahrheit auch sein mag. Deviante Auftritte haben in den Kameras, die sie übertragen, einen starken Partner. Deviante Texte hingegen tun sich innerhalb der Fernsehinszenierung schwer. Erlaubent, Schas: Ich wünsche mir Texte, deren Eigenart auch in einer Kratzbürstigkeit gegen die mediale Inszenierung besteht. Texte in noch benennbaren Traditionen von Literatur.

Alle wissen: Das Setting von Klagenfurt ist eine Simulation. Was passiert hier? Vier Tage lang tut das Fernsehen so, als besäße eine aufklärerisch-inspirierte Kritik noch genug gesellschaftliche Relevanz, um vier Tage lang ins Fernsehen zu kommen. Die Urteilskraft der Jury ist der Kern des Bewerbes. Jahr für Jahr wird sie neu zur Disposition gestellt und tut sich in ihrer Selbstbehauptung dabei in letzter Zeit zusehends schwerer. Ängstliche Texte wären in dem Spiel, das in Klagenfurt von allen Beteiligten gespielt wird, möglicherweise eine ganz sinnvolle und auch vielversprechende Alternative zu allzu viel Mut und Übermut. Je mehr die Texte zittern, desto höher könnte die Jury sie und damit am Ende auch noch einmal sich selbst in den Himmel heben.

Erlaubent, Schas: Mutige Texte, die Angst haben. Das wünsche ich mir nicht allein für Klagenfurt, sondern für die Literatur. Texte mit Ansprüchen, die über das jeweils anstehende Event und die gerade aktuelle Verlagssaison hinausgehen. Texte, die einen Funken Verstand in die Frage investiert haben, wo sie in zwanzig Jahren stehen. Texte, die an einer ersten Konsumation nicht vollständig aufgehen. Texte, die Gegenwart haben in einem Akt der Verweigerung gegen die Gegenwart. Eine Art Science-Fiction des Jetzt. Texte aus einer antiquierten Zukunft. Texte, denen ein Geheimnis bleibt. Texte, die irritiert sind von eigener Irritation. Texte, die sich selbst unerklärlich bleiben. Texte, deren Souveränität aus etwas anderem besteht als der aufgeblasenen Geste. Texte, die sich am Himmel festhalten und dabei noch die Erde berühren. Wale, die fliegen. Grönland ohne Eis. Und einen Ober, der mir jetzt rasch meinen heißen Scheiß bringt.

Die Einreichfrist für den Bachmannpreis läuft noch bis 21. Februar.