Wenn Literaturkritik einmal richtig loben will, sagt sie oft, dieser oder jener Roman sei "ökonomisch erzählt". Das bedeutet meist, das darin "kein Wort zu viel" steckt und keine Idee verschwendet wird, was fürchterlich sparfuchsig klingt, als müsse ein Schriftsteller mit seinen Worten und Stoffen genau haushalten, damit ihm am Ende, zur Rente, noch etwas davon bleibt.

Würde man Jakob Noltes neuen Roman also darauf herunterkühlen, auf den bloßen Plot, auf die Minusgrade handelsüblicher Lakonie, verlöre er all seine Unausstehlichkeit, seinen Irrwitz, seinen grotesken Charme. Dann wäre er, recht besehen, eine um Drastik bemühte Geschichte zweier Geschwister, die zu erfolglosen Terroristen und erfolglosen Hippies werden, dabei in Afghanistan, Litauen, Polen und Norwegen vor ihrer Mutter weglaufen, die als Werwolf den Vater gleich auf der ersten Seite zerfleischt. 

 
Glücklicherweise ist Schreckliche Gewalten kein ökonomisch erzählter Roman. Noltes Geschichte über die Geschwister Edvard und Iselin, die mehr oder weniger einmal um die halbe Welt fliehen, ist ganz im Gegenteil: seminaristisch, klugscheißerisch, kokett, angeberhaft, blutrünstig, morbid, grausam, seltsam romantisch und einiges mehr, was in manchen Literaturhäusern als handfeste Zumutung gilt. Vor allem aber ist der Roman todkomisch.

Weise Dachse

Hier interessiert sich ein Autor kein Stück für den literarischen Zeitgeist, der von Schriftstellern unentwegt den Kommentar zur politischen und sozialen Gegenwart fordert, Bücher, die Themen von aktueller Brisanz etwas schöner betexten als ein Leitartikel oder eine Reportage. Als ästhetisches Gegenprogramm zum kunsthandwerklich netten Gegenwartsroman und zu deutschdeutschen Großerinnerungsprojekten funktioniert Schreckliche Gewalten ausgezeichnet. 

Jakob Nolte wurde 1988 in Barsinghausen am Deister geboren, Niedersachsen, westlich von Hannover. Er schreibt Theaterstücke, die ionescoeske Titel tragen wie Gespräch wegen der Kürbisse und ist Teil des Dramatikerduos Nolte/Decar. Sein Debütroman ALFF erschien vor zwei Jahren und handelte, grob gesagt, von einer Mordserie an einer amerikanischen Highschool. Weise Dachse traten darin auf und sprechende ausgestopfte Tiere, es gab einen Mörder, der seine Opfer in Zäune wob, und es gab Orte von "mikrowellenhafter Leere". Das ist eine Sprache, oft an der Grenze zur Überspanntheit. Wenn Nolte in Schreckliche Gewalten den Himmel beschreibt, in den Edvard und Iselin hinaufschauen, heißt es, "In diesen Stunden schienen die Sterne zu flackern, als wären sie die zum UNESCO-Weltkulturerbe ernannten Leuchtstoffröhren der Amüsierviertel Bangkoks". In solch outrierten Sprachbildern liegt ein großer Reiz dieses Romans. 

Kühl amüsierte Misanthropie

Es ist ein Roman, der fortlaufend Überschuss produziert: an Details, an Einfallsreichtum, an Humor, an Edeltrash, an eigenwilligen Sätzen, an Boshaftigkeit. Er kann klingen, als würde Boris Vian Itchy und Scratchy nacherzählen. Manchmal auch umgekehrt. Nolte beherrscht den mosebachhaften Imponierstil ("Es ist von einigem Interesse, über das Aussehen von Bohuslav Paul keine Missverständnisse aufkommen zu lassen.") genauso wie den popliterarischen Kalauer ("Edvards erste Freundin hieß Lena und war, wie ihr Name schon sagt, Lena."), und er kann in derart lähmender Ausführlichkeit Sex beschreiben, dass dieser zur Parodie aller pornografischen Fantasien wird, die im Internet so zu besichtigen sind. Dass ein Autor mit diesem sprunghaften Talent die eigentliche Handlung oft vernachlässigt, sollte einen also nicht weiter verwundern.

Die Flucht der beiden Geschwister Iselin und Edvard mündet in einen Reigen an Bekanntschaften, an Figuren und Nebensträngen, in den die Erzählung sich immer weiter verästelt und hineinbohrt. In Kleinigkeiten, in Exkurse über japanische Terroristen, den Mond, das All und den Horror Vacui, die Angst vor dem Nichts. Noltes Erzählbewegung entfernt sich immer wieder vom irdischen Treiben seiner Figuren: Das All ist groß, der Mensch ist ein Witz. Das hat Pascalsche Ausmaße. Und mit einer kühl amüsierten Misanthropie kommentiert Nolte alle Albernheiten seiner Helden, die man in ihrem verzweifelten Menschsein, ihrer postpubertären Sinnsuche nur satirisch lesen kann.