Der Tod, eine Realityshow

Oder ist es Rache? Die Genugtuung, seine Rivalin am Boden liegen zu sehen? Eine Bestrafung für die verpassten Chancen bei anderen Frauen, die frühzeitig beendete Schreibkarriere, das Ende im Familiensumpf? "Morphium gibt es erst, wenn ich überzeugt bin, dass ihre Schmerzen unerträglich sind. Ich kann da hart sein, und auch ein bisschen Gott spielen." Verweigert Tom seiner Nina deswegen lange Zeit die lindernde Medizin, weil sie endlich schwächer ist als er? Das wäre eine radikale Lesart. Und doch angemessen angesichts eines Paars, das mit der Radikalität verheiratet ist.

Tom Kummer hat einen Roman geschrieben. Bekannt wurde der gebürtige Schweizer für seine recht eigenwillige Auslegung der Realität, die er in Form von fingierten Interviews unter die Leute brachte, konkret unter die Leser von Tempo und der Süddeutschen Zeitung. Einerseits entledigt sich Nina & Tom durch die Bezeichnung "Roman" der Realität, andererseits entfaltet die Geschichte eine soghafte Wirkung aus eben jener autobiografischen Unschärfe.

Im Grunde ist Nina & Tom eine Boy-meets-girl-Story, klassisches Hollywood, die zu allem Überfluss auch noch im Los Angeles der Gegenwart endet. Begonnen hat sie 30 Jahre zuvor in einem Nachtclub in Barcelona, wo die damals Anfang Zwanzigjährige Nina als Barkeeperin arbeitet. Der wenig ältere Tom ist auf Durchreise.

Eine Spur der Verwüstung im David-Bowie-Berlin

Tom Kummer: kahl geschoren, die Augenlider verkrustet, Schweizer. Mit dem Grundnahrungsmittel Dosenananas und dem Kofferraum voll Speed und Pyrotechnik reist er durch Europa. Frauen sind in dieser Welt nicht vorgesehen, Toms Herz brennt nur für den nächsten Molotowcocktail. Bis er sich auf den ersten Blick in ein androgynes Wesen in Uniform verliebt. Am Ende der Nacht haben sie Sex inklusive Nahtoderfahrung, der Terror findet jetzt zwischen Laken statt.

Nachdem sie Barcelona verlassen haben, hinterlassen Nina und Tom eine Spur der Verwüstung im David-Bowie-Berlin und in Hotelzimmern auf der ganzen Welt, kommen schließlich an der US-amerikanischen Westküste an. Ungewollt wird Nina schwanger, von der Empfängnis erzählt das Buch als Naturgewalt in Gestalt eines Tornados. Danach kehrt Ruhe ein. Wenn etwas unstimmig wirkt an der existenziellen Dissonanz dieser Liebesgeschichte, dann die plötzliche Abkehr von Rausch und Exzess hin zum kalifornischen Familienidyll. Statt Koks durch Lippenstifthülsen zu ziehen, beginnt Nina als Mutter mit der Gartenarbeit. Dann beginnt ihr Sterben.

Der Tod als letztes Abenteuer

Egal ob in der Feier des Lebens durch totalen Exzess oder der Akzeptanz des nahenden Todes: Nina & Tom ist ein hoffnungslos romantisches Buch. Sie würgen sich bis zur Bewusstlosigkeit, lieben aber auch den ganz banalen Pärchenunsinn, "in fünf aufeinander folgenden Nächten drei Staffeln Lindenstraße schauen" oder tagelang in Copyshops abhängen (eine möglicherweise unterschätzte Form des human bondings). Selbst nach 30 gemeinsamen Jahren hört das Begehren nicht auf. "Hat das alles irgendwas mit Liebe zu tun?", fragt sich Tom zu Beginn ihrer Beziehung, kurz bevor Nina sein Kind abtreibt. Ich glaube schon.

Allein diese Amour fou hätte genug Stoff für einen Roman hergegeben. Kummer belässt es dabei nicht, sondern stellt sein Paar auf die ultimative Probe, weil deren letztes gemeinsames Abenteuer nur der Tod sein kann. Ninas Darmkrebs ist ein vollwertiges Familienmitglied, ihr Dahinsiechen eine Realityshow. Mitten im einzigen Raum des Familienappartements steht das Krankenbett. Während ihrer Mutter gelber Speichel aus dem Mundwinkel fließt, lachen ihre Söhne über YouTube-Videos. Vielleicht muss man den Tod so gnadenlos ins Leben holen, um ihm seinen Schrecken zu nehmen. Damit nicht genug, bittet Nina ihren Mann, ihr Pumps und Reizwäsche anzuziehen. Wo beginnt Nekrophilie? Darf man Sex mit einer Quasitoten haben? Zumal über allen Fragen jene des biografischen Hintergrunds schwebt.

Eine Männerfantasie

Immer wieder kreuzen reale Personen die Wege des Paars, von Nan Goldin über David Lynch bis hin zu Pipilotti Rist. Gewidmet ist das Buch den gemeinsamen Söhnen Henry und Tom. Beides ein auf die Vita des 1963 in Bern geborenen Autors hin kalkulierter Effekt. Gleichzeitig ist Vorsicht geboten, schließlich erlangte Tom Kummer in erster Linie Berühmtheit für seine fiktiven Interviews. Jahrelang hatte er Stars frei erfundene Sätze in den Mund gelegt und das Ergebnis an die auflagenstärksten Medien im deutschsprachigen Raum verkauft. Zweite und dritte Chancen verspielte er willentlich. Auch darauf nimmt er im Buch Bezug, wenn es heißt, er habe Pläne "ein Nachrichtenmagazin zu unterwandern", gemeint sind unter anderem das SZ-Magazin, der Schweizer Tagesanzeiger und Tempo.

Also: Gab es Nina wirklich? Am Ende der Lektüre weiß der Leser so viel über sie – und doch nichts. Wenn Männer über große Lieben schreiben, bleiben diese oft seltsam klein. So war es in Joachim Bessings Untitled, dessen Sehnsuchtszentrum dem Leser genau wie dem Erzähler ein Mysterium bleibt. Auch in Moritz von Uslars Waldstein oder Der Tod des Walter Gieseking am 6. Juni 2005 und in Tex Rubinowitz' Irma.

"Nasse Blumen"

Nina ist Tomboy, Borderlinerin, Schweizerin, vor allem aber: eine Männerfantasie. Sie liebt schnelle Autos und knappe Kleidung. Pferde stehlen kann man nicht mit ihr, aber schon vormittags mit dem Gin-Tonic-Trinken beginnen. Abgesehen von gelegentlichen Ausrutschern bei Krispy Doughnuts lebt sie von Luft, Liebe und Hochprozentigem. Ihr Körper bleibt trotz jahrzehntelangem Substanzmissbrauch nicht nur makellos, sondern entspricht dem fragwürdigen Schönheitsideal eines ausgemergelten Mädchens, mit babypopoglatter, von teuren Hautcremes verwöhnter Haut. Statt nach Zigaretten schmeckt die Kettenrauchende nach "nassen Blumen".

Im Widerspruch zu ihrer physischen Zerbrechlichkeit steht ihre sexuelle Gier, mit der sie mehrmals täglich ihren Orgasmus einfordert (unschöne Szenen mit blutigen Höschen). Mit der Geburt ihres ersten Sohnes wird sie dann plötzlich von der Hure zur Yoga-Mum. Nina betreibt eine seltsame Form des souci de soi, jener von Foucault erdachten Sorge um sich selbst. Mal huldigt sie ihrem Körper wie einem Tempel, dann wieder schändet sie ihn oder zwingt andere dazu, auch Tom, der sie "behandelt wie eine Prostituierte". Dabei will sie im Grunde nur gerettet werden. "Einmal hört sie plötzlich auf, an meinem Schwanz zu saugen", schreibt der Ich-Erzähler, "sie nimmt ihn aus dem Mund und fragt: Willst du was für mich tun? Ich nickte wie ein kleiner Idiot. Bitte bleib bei mir, sagt sie." Von Anfang bis Ende ist der Blick auf diese Zähmung einer Widerspenstigen ein männlicher. Was bleibt, ist die Tatsache, dass Tom sie niemals ganz besitzen kann.

Auf dem Buchcover ist das Porträt des Strohhut tragenden Autors, hinter ihm steht jemand mit Blumenkranz im kurzen Haar, Tom Kummer, abgesehen von den blauen Augen, wie aus dem Gesicht geschnitten. Liebende, heißt es einmal, werden sich mit der Zeit immer ähnlicher. Auf die geistige folge die körperliche Symbiose. So gesehen wäre dieses Paar der Beweis für Platons Kugelmenschentheorie, zwei siamesische Zwillinge, getrennt und wiedervereint. So gesehen stirbt mit Nina auch ein Teil von Tom. Oder aber es handelt sich um ein Doppelporträt des Autors, dann wäre Nina wirklich nicht von dieser Welt. Am Ende dieser kostbaren Geschichte bleibt vor allem eines: der Wunsch, dass sie nicht wahr ist.

Tom Kummer: Nina & Tom. Blumenbar, Berlin 2017, 253 S., 20 €