Immer wieder kreuzen reale Personen die Wege des Paars, von Nan Goldin über David Lynch bis hin zu Pipilotti Rist. Gewidmet ist das Buch den gemeinsamen Söhnen Henry und Tom. Beides ein auf die Vita des 1963 in Bern geborenen Autors hin kalkulierter Effekt. Gleichzeitig ist Vorsicht geboten, schließlich erlangte Tom Kummer in erster Linie Berühmtheit für seine fiktiven Interviews. Jahrelang hatte er Stars frei erfundene Sätze in den Mund gelegt und das Ergebnis an die auflagenstärksten Medien im deutschsprachigen Raum verkauft. Zweite und dritte Chancen verspielte er willentlich. Auch darauf nimmt er im Buch Bezug, wenn es heißt, er habe Pläne "ein Nachrichtenmagazin zu unterwandern", gemeint sind unter anderem das SZ-Magazin, der Schweizer Tagesanzeiger und Tempo.

Also: Gab es Nina wirklich? Am Ende der Lektüre weiß der Leser so viel über sie – und doch nichts. Wenn Männer über große Lieben schreiben, bleiben diese oft seltsam klein. So war es in Joachim Bessings Untitled, dessen Sehnsuchtszentrum dem Leser genau wie dem Erzähler ein Mysterium bleibt. Auch in Moritz von Uslars Waldstein oder Der Tod des Walter Gieseking am 6. Juni 2005 und in Tex Rubinowitz' Irma.

"Nasse Blumen"

Nina ist Tomboy, Borderlinerin, Schweizerin, vor allem aber: eine Männerfantasie. Sie liebt schnelle Autos und knappe Kleidung. Pferde stehlen kann man nicht mit ihr, aber schon vormittags mit dem Gin-Tonic-Trinken beginnen. Abgesehen von gelegentlichen Ausrutschern bei Krispy Doughnuts lebt sie von Luft, Liebe und Hochprozentigem. Ihr Körper bleibt trotz jahrzehntelangem Substanzmissbrauch nicht nur makellos, sondern entspricht dem fragwürdigen Schönheitsideal eines ausgemergelten Mädchens, mit babypopoglatter, von teuren Hautcremes verwöhnter Haut. Statt nach Zigaretten schmeckt die Kettenrauchende nach "nassen Blumen".

Im Widerspruch zu ihrer physischen Zerbrechlichkeit steht ihre sexuelle Gier, mit der sie mehrmals täglich ihren Orgasmus einfordert (unschöne Szenen mit blutigen Höschen). Mit der Geburt ihres ersten Sohnes wird sie dann plötzlich von der Hure zur Yoga-Mum. Nina betreibt eine seltsame Form des souci de soi, jener von Foucault erdachten Sorge um sich selbst. Mal huldigt sie ihrem Körper wie einem Tempel, dann wieder schändet sie ihn oder zwingt andere dazu, auch Tom, der sie "behandelt wie eine Prostituierte". Dabei will sie im Grunde nur gerettet werden. "Einmal hört sie plötzlich auf, an meinem Schwanz zu saugen", schreibt der Ich-Erzähler, "sie nimmt ihn aus dem Mund und fragt: Willst du was für mich tun? Ich nickte wie ein kleiner Idiot. Bitte bleib bei mir, sagt sie." Von Anfang bis Ende ist der Blick auf diese Zähmung einer Widerspenstigen ein männlicher. Was bleibt, ist die Tatsache, dass Tom sie niemals ganz besitzen kann.

Auf dem Buchcover ist das Porträt des Strohhut tragenden Autors, hinter ihm steht jemand mit Blumenkranz im kurzen Haar, Tom Kummer, abgesehen von den blauen Augen, wie aus dem Gesicht geschnitten. Liebende, heißt es einmal, werden sich mit der Zeit immer ähnlicher. Auf die geistige folge die körperliche Symbiose. So gesehen wäre dieses Paar der Beweis für Platons Kugelmenschentheorie, zwei siamesische Zwillinge, getrennt und wiedervereint. So gesehen stirbt mit Nina auch ein Teil von Tom. Oder aber es handelt sich um ein Doppelporträt des Autors, dann wäre Nina wirklich nicht von dieser Welt. Am Ende dieser kostbaren Geschichte bleibt vor allem eines: der Wunsch, dass sie nicht wahr ist.

Tom Kummer: Nina & Tom. Blumenbar, Berlin 2017, 253 S., 20 €