1994 hat Steven Spielberg die gemeinnützige Organisation Survivors of the Shoah Visual History Foundation gegründet, um die individuellen Erinnerungen von Jüdinnen und Juden zu bewahren, die den Nationalsozialismus und die Konzentrationslager überlebt haben. Entstanden ist ein riesiges Videoarchiv, für das in 56 Ländern und 32 Sprachen 52.000 Interviews geführt wurden, wie es auf der Website der Freien Universität Berlin heißt, die 2006 einen Zugang zum Archiv erworben hat.

Damals wurde auch darüber diskutiert, wie in der Forschung damit umzugehen ist: mit Oral History und ihren Problemen, mit der erneuten Verwandlung von Menschen in Zahlen, mit der Verschlagwortung ihrer Lebensgeschichten, mit den Prozessen, durch die Erinnerung entsteht und sich wandelt. Es ging plötzlich um allgemeine methodische, moralische und ethische Fragen. Dabei war Spielbergs Anfangsimpuls ein so unkomplizierter: zu fragen, was einzelnen Menschen widerfahren ist und ihnen zuzuhören.

Diesem Impuls folgte Jörg Armbruster, als er vor einigen Jahren auf eine Reportage über ein Altenheim für verarmte Holocaustüberlebende in Haifa stieß. Als Auslandskorrespondent der ARD für den Nahen und Mittleren Osten hat der Journalist den Irak-Krieg in Bagdad erlebt, er war in Libyen, als dort gekämpft wurde, 2011 hat er über die Revolution live aus Kairo berichtet und veröffentlichte einige Jahre später ein Buch über die Zerstörung Syriens und die Verantwortung des Westens dafür (Brennpunkt Nahost, Westend Verlag).

Hakenkreuzfahnen in Haifa

Er kennt die Region und ihre Konfliktlinien. In Israel aber war er selten. Aufmerksam geworden auf die deutschstämmigen Juden in Israel begann Jörg Armbruster zu recherchieren, reiste nach Israel und führte Gespräche mit alten Menschen wie Herbert Bettelheim, der in Wien ein begabter Musikstudent war, bevor er 1939 fliehen musste und in Israel einen anderen, technikorientierten Lebensweg einzuschlagen gezwungen war, der im Untergrund gegen die Briten agitierte und unter anderem die aberwitzige Szene erzählt, wie er am ersten Tag in Israel durch das mit Hakenkreuzen geflaggte deutsche Templer-Viertel in Haifa gefahren wurde.

Oder mit Tizra Hodes, die nicht an Land gelassen werden sollte, es aber doch nach Israel schaffte und später dann tatsächlich die Lebensweise im Kibbuz als Gemeinschafts- und Willkommenskultur erlebte. Oder mit Judith Rosenzweig, die ihrer Tante in Israel von Theresienstadt, Auschwitz und dem Todesmarsch erzählen wollte und von ihr mit dem Satz "So schlimm wird es schon nicht gewesen sein" unterbrochen wurde.

Was wollen die Fremden hier?

Anders als den im Auftrag Spielbergs Fragenden ging es Jörg Armbruster nicht um die Erlebnisse unter den Nationalsozialisten, sondern um die Erinnerung an den Neuanfang in Israel. Willkommen im gelobten Land? heißt sein Buch. Er widmet es einer Geschichte, die Autoren wie Aharon Appelfeld in ihren Romanen erzählen. Eine Geschichte, die zwar gut erforscht, aber bei vielen deutschen Lesern immer noch nur vage bekannt ist. Die Geschichte der deutschstämmigen Flüchtlinge und ihrer Ankunft im britischen Mandatsgebiet Palästina sowie die des jungen, 1948 gegründeten Staates Israel, ohne die man die heutige Situation eigentlich gar nicht verstehen kann.

"Kommst du aus Deutschland oder kommst du aus Überzeugung?" sei eine der Fragen gewesen, mit denen Flüchtlinge konfrontiert wurden. Will heißen: Glaubst du an den Zionismus, bist du einer von uns oder versuchst du nur, deine Haut zu retten? Aber dann waren sie immerhin schon an Land, die Flüchtlinge aus Europa. Ab 1939 sollten für fünf Jahre nämlich nur noch 10.000 Einwanderer ins Land gelassen werden, um die kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen einheimischen Arabern und den zionistischen Einwanderern nicht weiter zu schüren, schreibt Armbruster. Denn auch die Palästinenser sagten zu den Einwanderern aus Europa: "Was wollen die Fremden hier? Was wird aus uns? Wollen die unser Land, unsere Arbeit?"