Trabanten, das sind nicht nur die Siedlungen, die etwas unbeholfen und trostlos an den Zufahrtsstraßen der großen Städte kleben. Trabanten meint auch die Satelliten oder Monde, die andere Himmelskörper umkreisen, ohne ihnen jemals nahekommen zu können. Immer wieder sind es in den Erzählungen von Clemens Meyer geliebte Menschen aus der Vergangenheit, die nicht nur vorbeiziehen, sondern die sich mit einer Dringlichkeit in das Bewusstsein der Figuren schleichen, dass mitunter kaum zu unterscheiden ist, ob ihre Präsenz nur eine imaginierte ist oder ob sie, wie durch ein Wunder, wahrhaft wiederauferstanden sind.

Dem Wachmann in der Erzählung Glasscherben in Objekt 95 etwa ergeht es so, als er auf seiner nächtlichen Runde um ein Flüchtlingsheim eine junge Frau am Zaun stehen sieht, die ihm eine Begegnung vor Augen ruft, die mehr als zwei Jahrzehnte zurückliegt. Zwar weiß er, dass es trotz der Ähnlichkeit, trotz der rotbraunen, halblangen Haare, trotz der auffallend hellen Haut, nicht dieselbe Frau sein kann, mit der ihn damals eine vorsichtige Verliebtheit verband. Aber unversehens laufen in dieser Nacht Gegenwart und Erinnerung ineinander, und plötzlich scheint es beinahe doch möglich, dass ein neuer Krieg, der neuerliche Zwang zur Flucht die Geliebte wieder zu ihm zurückgebracht hat.

Lichtpunkte im Dunkeln

Verbreitet ist leider der Reflex, Clemens Meyer seit seinem Debüt Als wir träumten (2006) immer dann als Referenz heranzuziehen, wenn es in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur vermeintlich hart daherkommt, wenn über Arbeiter, Hooligans oder Alkohol erzählt wird, wenn der Geruch nach Schweiß und Blut in der Luft zu hängen scheint, was dann als Ausweis sogenannter Authentizität genommen wird.

Wie heilsam wäre es für all jene, die ihn immer wieder blind als Marke auf jedes Buch pappen, das literarisches Muskelspiel betreibt, einfach einmal Clemens Meyer selbst zu lesen. Und nicht wenige wären verwundert über Meyers poetische Präzision, über seine Sanftheit und Empathie und seine Menschenfreundlichkeit, die nie zur einer bloßen Geste verkommt.

Wer Die stillen Trabanten gelesen hat und nachts über die leere Autobahn fährt, wird anders als zuvor auf die erleuchteten Fenster schauen. Und vielleicht wird er sein Tempo, wenn der Verkehr es zulässt, ein wenig drosseln, um die Lichtpunkte nicht gleich wieder aus dem Blick zu verlieren.

Clemens Meyer: Die stillen Trabanten. Erzählungen. S. Fischer, Frankfurt am Main 2017. 272 S., 20 Euro