Was ist das für eine herrliche, unbescheidene und verzweifelte Frau, die von sich behauptet, sie könne ihre Eitelkeit nur schwer im Zaum halten! "Neben der Unruhe, die an meiner Seele nagt und die meinen Körper fast unversehrt lässt, beherrscht mich das hoffärtige Gefühl, schön zu sein; ich finde keinen anderen Trost mehr als den meines Spiegels."

Könnte sich eine Heldin interessanter einführen, als so, sich aufmerksam betrachtend und aus der Abwesenheit nur des kleinsten Fältchens Genugtuung ziehend? Man muss die 39-jährige Contessa Livia angesichts dieser Offenheit fasziniert betrachten, auch wenn es – so viel sei verraten – ziemlich schnell ein bisschen schwerer fällt, ihre charakterlichen Eigenheiten ausschließlich wohlwollend zu beschreiben.

Livia ist die Schöpfung des 1836 geborenen Architekten Camillo Boito, der neben seiner verdienstvollen Tätigkeit in der Baubranche auch dichtete und es damit seinem Bruder Arrigo nachtat, der unter anderem Opernlibretti für Verdi verfasste. Camillo Boito veröffentlichte zwei Bände mit Geschichten; die bekannteste ist jene vom geheimen Tagebuch der Contessa Livia, die den treffenden Titel Sehnsucht trägt und die nun, übersetzt von Bettina Kienlechner, bei dtv neuerlich erschienen ist.

Mischung aus Mitleid und Verachtung

Die Contessa konsultiert nicht allein das Spieglein an der Wand, um Trost zu finden. Sie stürzt sich auch in die Niederschrift eines rauschhaften Erlebnisses, das bald zwei Jahrzehnte zurückliegt und sich in den Jahren 1865/1866 zugetragen hat. Die grausame Erinnerung, die an der Seele nagt, soll durch Vergegenwärtigung gemildert werden. Das Tagebuch der Contessa, streng gehütet und mit drei Schlössern versehen, offenbart die Geschichte einer Ehebrecherin, wie sie so selbst in der an Ehebrecherinnen reichen Literatur des späten 19. Jahrhunderts nicht im Buche stand. Effi Briest oder Emma Bovary seien Lämmlein gegen diese Livia, schreibt Ursula März in ihrem den Zeithorizont aufreißenden Nachwort. Boitos Heldin sei zweifellos die unmoralischste unter ihnen.

Das Urteil klingt zwar hart, aber es lässt sich tatsächlich nicht viel zur Verteidigung Livias vorbringen: Dass sie sich im zarten Alter von Anfang 20 in Trient einen dreimal so alten Conte geangelt hat, der den Vorzug besitzt, reich zu sein, ist zwar noch nicht allzu verwerflich – romantische Ehen waren seinerzeit doch eher die Ausnahme. Mit welcher Gleichgültigkeit sie den etwas tumben Gatten allerdings betrachtet – mit einer "Mischung aus Mitleid und Verachtung" –, das lässt schon auf eine gewisse Kaltherzigkeit schließen.

In Wallung kommt ihr Blut hingegen beim Anblick eines gut aussehenden jungen Offiziers namens Remigio, dem sie im besagten Schicksalsjahr 1865 in Venedig begegnet und der zu ihrem Liebhaber wird. Remigio ist ebenfalls kein Tugendbolzen: Er drückt sich unehrenhaft vor einem Duell, nimmt seine ihn anschmachtende Contessa finanziell munter aus und erkauft sich ein ärztliches Attest, das ihn vor dem Einsatz in einer Schlacht während des Dritten Italienischen Unabhängigkeitskriegs bewahren soll. Remigio steht in Diensten der österreichischen Truppen, Livia und ihr Mann neigen ebenfalls den Habsburgern zu. In Giuseppe Garibaldi, der für die Einigung Italiens kämpft, sehen sie ein "historisches Übel". Boito gibt sich wenig Mühe, sein Personal mit sympathischen Eigenschaften auszustatten: Verderbt sind sie alle, eigennützig und grausam – Boito zeigt den Untergang dieser italienischen Antipatrioten. Und er verhehlt nicht, auf welcher Seite der Geschichte er steht.

Sehnsucht vergeht nicht

Wie grausam vor allem Livia agiert, das wird bald deutlich. Ihre Eifersucht und die Sehnsucht nach dem Geliebten, der sie nach Strich und Faden betrügt und belügt, werden unermesslich. Sie fährt zu ihm – und erwischt den Beau in flagranti mit einer anderen Frau. Machte Livia zunächst ihre Liebe blind, macht sie nun ihre Wut unerbittlich und rachsüchtig. Sie denunziert den Mann ihrer Träume, bezichtigt ihn der Simulation und wohnt anschließend hasserfüllt seiner Hinrichtung bei. Abgekühlt ist das Herz Livias also nicht; und auch nicht der Ton dieser auf die Affäre zurückblickenden Aufzeichnungen. Immer wieder lodert die Leidenschaft in den Zeilen auf, die Livia ihrem Tagebuch anvertraut. Sie wäre ja doch zu gern eine tragische, literarische Figur.

Boito hat eine zwiespältige Heldin geschaffen, die zugleich berechnend und impulsiv, großzügig und eigensüchtig ist, die ihr selbst gewähltes Leben durch das Abenteuer der Liebe transzendieren will. Und die um die Liebe, die sie zu geben bereit ist, betrogen wird. Zwanzig Jahre nach ihrer Liaison mit Remigio wird sie noch immer von diesen widersprüchlichen Gefühlen heimgesucht. Livia steht nun an der Schwelle zum Alter, und in diesem Moment wird die Erinnerung an die Jugendromanze besonders bedrängend. Die Sehnsucht vergeht nicht. Camillo Boito hat sie seiner eitlen Livia ziemlich tief eingepflanzt.

Camillo Boito: "Sehnsucht. Das geheime Tagebuch der Contessa Livia". Novelle. Aus dem Italienischen von Bettina Kienlechner. Mit einem Nachwort von Ursula März. dtv, München 2017. 104 Seiten. 15 Euro.