Es mag vermessen wirken, ein 1.051 Seiten starkes Buch über die Geschichte des Konsums zu lesen, während uns doch Antworten auf drängende Zukunftsfragen interessieren: Wie lässt sich das drastische Wohlstandsgefälle zwischen den reichsten und ärmsten Gesellschaften auf der Welt verringern? Wie können wir den globalen Wohlstand fördern, ohne zugleich unser Ökosystem irreparabel zu schädigen?

In seinem Buch Herrschaft der Dinge: Die Geschichte des Konsums vom 15. Jahrhundert bis heute legt Frank Trentmann dar, wieso die historische Perspektive essenziell für unsere gegenwärtigen Diskurse ist. "Unsere materielle Geschichte ist nicht vergangen", schreibt er, "wir tragen sie mit uns herum, und sie wird aller Voraussicht nach unsere Zukunft beeinflussen." Trentmann, der am Birkbeck College der Universität von London Geschichte lehrt, ist überzeugt, dass wir den Konsum bisher weder historisch noch geografisch in ausreichendem Umfang betrachtet haben. Damit ist nicht in erster Linie die globale Expansion von McDonald's und Levi's gemeint, sondern die gesamte Geschichte unseres materiellen Verbrauchs.

Die gängige Vorstellung, nach der Konsumgesellschaften primär ein US-amerikanisch geprägtes Phänomen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sind, weist Trentmann zurück, ebenso wie die daran anschließende Vorstellung, dass Massenkonsum nur unter bestimmten, marktliberalen Bedingungen stattfinde. Stattdessen zeigt er Konsum-Ausprägungen innerhalb verschiedener Jahrhunderte, Kontinente und politischer Systeme auf.  

Trentmann setzt in seiner Genealogie im 15. Jahrhundert an und führt Italien zur Zeit der Renaissance sowie China während der Ming-Dynastie (1520-1644) als Beispiele für präindustrielle Konsumgesellschaften an. Hier seien bereits begehrte Güter wie etwa Seide und Porzellan auf Märkten angeboten worden. Die "Ausweitung des interregionalen und dann globalen Handels" sowie "die Kommerzialisierung des Alltags" seien ebenfalls Phänomene dieser Zeit gewesen. Und auch der Handel mit "exotischen Genussmitteln" habe sich im 16. Jahrhundert entwickelt: "Tee aus China, Kaffee und Rohrzucker aus dem arabischen Raum sowie Tabak und Kakao aus der neuen Welt" wurden, wie Trentmann zeigt, zu begehrten Konsumgütern.

Trotz seiner Kritik am anglo-amerikanischen Fokus vieler Konsumdiskurse kommt auch Trentmann nicht umhin, festzustellen, dass sich im 17. und 18. Jahrhundert vor allem in Großbritannien eine "dynamische, innovative Konsumkultur entwickelte". Jene wurde von der imperialen Expansion Britanniens ebenso vorangetrieben wie durch eine ideengeschichtliche Wende, die von den Philosophen der Schottischen Aufklärung wie etwa David Hume und Adam Smith ausging.

Hume sprach dem Genuss von Luxusgütern sowie der Betrachtung von Kunst eine zivilisierende Funktion zu: "In einer Nation, in der es für solche Überflüssigkeiten keine Nachfrage gibt, versinken die Menschen in Trägheit, verlieren alle Lebensfreude und sind nutzlos für das Gemeinwesen". Humes Diktum "Gewerbe, Bildung und Menschlichkeit" wurde zum Dreiklang einer bürgerlich-kapitalistischen Zivilgesellschaft. In eine ähnliche Richtung dachte auch Smith, dessen Wohlstand der Nationen (1776) gemeinhin als kopernikanische Wende des ökonomischen Denkens gilt. Smith war unter anderem der Meinung, dass das Anhäufen von Besitztümern eine zivilisierende Wirkung auf Menschen hätte, weil dadurch Konkurrenz- und Aggressionstriebe auf harmlose Tätigkeiten umgeleitet würden.

Gegenstände als Träger von Identität

Trentmanns Buch ist beeindruckend recherchiert und schöpft aus dem Wissensfundus verschiedener akademischer Disziplinen. Eine der Stärken dieses durchweg gut lesbaren Buchs besteht darin, dass nicht bloß die materielle Geschichte des Konsums am Beispiel einzelner Güter und Handelsrouten erzählt wird, sondern auch eine kulturelle. Trentmann interessiert jenseits all dessen, was empirisch zu fassen ist, stets auch die emotionale Dimension des Konsums. Menschliche Identität und materielle Welt werden hier in eine produktive Wechselbeziehung gesetzt. An einer Stelle im Buch wird gar empfohlen, Ökonomen sollten mehr Henry-James-Romane lesen, um unsere psychologische Bindung an Gegenstände besser zu verstehen.

Zumindest implizit sieht Trentmann die historische Konstanz des menschlichen Bedürfnisses nach Gütern als Indiz dafür, dass der Erwerb von Dingen essenzielle Funktionen für die individuelle Identitätsbildung hat. "Die Herrschaft der Dinge", schreibt er, "hat sich unter anderem deshalb ausgedehnt, weil Besitztümer in zunehmendem Maß wichtige Träger von Identität, Erinnerungen und Gefühlen wurden".

Diese Argumentation ist einerseits durchaus plausibel. Andererseits weist Trentmann selbst darauf hin, dass schon im 16. Jahrhundert in China erste Anzeichen einer Werbekultur zu finden seien. Der US-amerikanische Ökonom John K. Galbraith argumentierte in seinem einflussreichen Bestseller Gesellschaft im Überfluss (1958), dass moderne Konsumgesellschaften nicht bloß menschliche Grundbedürfnisse befriedigen, sondern zwecks wirtschaftlicher Gewinnsteigerung immer auch artifizielle Bedürfnisse nach zusätzlichen Dingen schaffen würden. Trentmann wirft Galbraith mangelnde historische Genauigkeit und politischen Aktivismus vor. Das mag stimmen. Trotzdem fragt man sich angesichts der Produktionsexzesse der heutigen Modeindustrie oder der regelmäßigen Veröffentlichung neuer Smartphone-Modelle, deren minimale Updates als unabdingbar beworben werden, ob Galbraiths Thesen nicht akkurater und sogar für heutige Diskussionen relevanter sind, als Trentmann bereit ist einzuräumen.