Erzählungen wie Harry Potter zeigen nicht nur, womit sich eine Gesellschaft beschäftigt, sondern zeichnen ein Bild von der Zukunft. Insbesondere Science-Fiction ist ein Mittel, durch das die Gegenwart vorprogrammiert wird. Da wären zum Beispiel die Werke des Autors William Gibson. Neben dem Internet, künstlicher Intelligenz und autonom fahrenden Autos findet sich kaum eine Idee, die sich nicht in Realität verwandelt hätte. Dabei würde Gibson nicht sagen, dass er die Zukunft vorhergesagt hätte, sondern dass die vermeintlichen Vorhersagen lediglich aus einer ungewöhnlich genauen Beschreibung der Welt entstünden.

Die Frage nach der Genauigkeit der Beschreibung stellt sich auch bei Rowling. Eingebaut in das real existierende Großbritannien Ende der neunziger Jahre erschafft sie eine heterotopisch anmutende Parallelwelt, die gesellschaftliche Entwicklungen spiegelt und im Feld der Fiktion vorwegnimmt. Magie ersetzt in diesem Epos beispielsweise die Digitalisierung. In der Zaubererwelt gibt es keine technischen Geräte; ihre Welt funktioniert weitgehend analog. Motorisierte Transportmittel werden durch fliegende Besen, Portschlüssel oder sekundenschnelles Apparieren ersetzt, ein landesweites Netzwerk von Kaminen erlaubt Reisen und Kommunikation über weite Distanzen. In der Zaubererwelt bewegen sich Staturen, Bilder in Fotoalben, Figuren auf Gemälden und die Bilder auf den Titelseiten des Tagespropheten auf magische Weise, deswegen werden Instagram, Videos oder Gifs nicht benötigt.

Die Entwicklung hin zu einer Gesellschaft der bewegten Bilder scheint sich in beiden Welten zeitgleich ereignet zu haben. Ob die Flut der Bilder den Menschen auf magische Weise erreicht oder in den digitalen Timelines der Social-Media-Kanäle ereilt, ist dabei nur von gradueller Bedeutung. Die Zeitung in der Zaubererwelt wird personalisiert mit Posteulen zugestellt, deswegen hat der Verlag keine Digitalstrategie und keine Paywall. Und würde Harry Potter skypen wollen, bräuchte er bloß eine Handvoll Flohpulver in den Kamin zu werfen, um kniend seinen Kopf an einen anderen Ort zu befördern. Weil es kein Social Media gibt, können sich Zauberer einen Heuler zustellen lassen, der dann wahlweise anfängt zu brennen oder Stinksaft verspritzt und bei ohrenbetäubenden 130 Dezibel seinen Unmut kundtut: ein magischer Shitstorm. In den Büchern beschreibt Rowling eine reale Welt, die sich um ein paar Zentimeter Magie verschoben hat.

Science-Fiction als Kreativmethode

Science-Fiction-Literatur wird gerade dort interessant, wo sie Ideen und technologische Innovationen fernab ihrer Realisierbarkeit als Systeme ausdenkt und ihnen so den Weg für eine eventuelle Verwirklichung ebnet. "Jede hinreichend fortschrittliche Technologie ist von Magie nicht zu unterscheiden", lautet eines der drei Gesetze des britischen Physikers und Science-Fiction-Autors Arthur C. Clarke. Er beschreibt Science-Fiction als produktive Kreativmethode. Wenn das Digitale das Magische ist und andersherum, spricht nichts dagegen, Harry Potter als Inkubator für die Digitalisierung zu lesen.

Es gibt in den Bänden kaum ein menschliches Bedürfnis, für das sich Rowling keinen innovativen Zauberspruch ausgedacht hat. Jeder der rund 112 Zaubersprüche könnte problemlos als Vorlage für ein digitales Start-up herhalten. Das schnell geflüsterte Lumos wurde bereits durch die schnelle Taschenlampenfunktion des iPhones ersetzt. Der "Muffliato" (engl. muffle = Geräusche dämpfen, unterdrücken) erfüllt die Ohren von jedem in der Nähe mit einem undefinierbaren Brummen und könnte somit als Mittel gegen störende Nachbarn auf der Hausparty zum Einsatz kommen. Der "Imperio-Fluch", mit dem ein Zauberer anderen seinen Willen aufzwingt, funktioniert ähnlich wie ein Hacking-Angriff.

Ein Desiderat der Digitalisierung

Ein von der Digitalisierung noch zu erfüllender Wunsch wäre Rowlings Erfindung des Denkariums, ein steinernes Gefäß, das Erinnerungen und Gedanken in der Form von Gedankensträngen aufbewahrt und bei Bedarf für sich und für andere abspielt. Kaum jemand, der in der letzten Zeit nicht von einer solchen Erfindung geträumt hätte. In Teilen wird dieses Bedürfnis in der Gegenwart auch schon befriedigt, wenn belastende Excel-Tabellen in die Cloud und lästige To-dos in digitale Listen abgelegt werden, damit man sich nicht mehr an sie erinnern muss.

Der tatsächlichen Funktion des "Denkariums", nämlich Erinnerungen teilbar zu machen, kommen diese digitalen Entsprechungen nicht nah genug. Am ehesten vergleichbar ist der Wirkmechanismus noch mit Virtual-Reality-Filmen: Hier bekommt der Zuschauer tatsächlich das Gefühl, wie im "Denkarium", in die Erzählung eintauchen zu können und kommt damit unserer Vorstellung von Erinnerungen als etwas Filmischem sehr nahe. Doch der Film kann bislang nicht die Erinnerung eines tätigen Gehirns abbilden. Das "Denkarium" zeigt eine Erinnerung subjektiv gefärbt, mit allen Gerüchen und in allen Farben, eben so, wie sie vom Erinnernden wahrgenommen wurde. Erinnerungen teilbar zu machen bleibt ein Desiderat der Digitalisierung.

Science-Fiction-Literatur hat nichts mit jener Zukunft zu tun, die irgendwann Gegenwart wird. Aber ihre Erzählungen beeinflussen uns. Sie bereiten den Boden für das, was noch kommt. Wenn Science-Fiction eine genaue Beobachtung der Gegenwart ist, bleibt zu fragen, wovon Harry Potter wohl handeln würde, wenn J. K. Rowling heute anfangen würde zu schreiben. Und ob es möglich wäre, ihn als positiven Entwurf der Gesellschaft zu lesen.