Er erweckt die Magie zweiter Ordnung – Seite 1

Vor ein paar Tagen ist Jan Wagner gerade von einer langen Reise zu den Quellen der modernen Poesie zurückgekehrt. Er hat das Manuskript einer Anthologie abgeschlossen, die neue, unerhörte Funde aus der Dichtung des Mittelalters in neuen Übersetzungen präsentieren wird. Die Minnesang-Anthologie Unmögliche Liebe, die er zusammen mit dem Münchner Lyriker und Mediävisten Tristan Marquardt im Hanser Verlag herausgibt, wird das lyrische Ereignis des Herbstes sein – eine poesiehistorische Tiefbohrung in Sachen unerfüllter Liebe, die freilegen wird, dass wir mit unseren abgekühlten Paarbeziehungen und libertären Entregelungen der Liebeskunst noch immer den Einsichten Walther von der Vogelweides und Heinrich von Rugges hinterherlaufen.

Es ist eins von vielen bahnbrechenden Lyrik-Projekten, die der neue Büchnerpreisträger seit 2001, seit dem Erscheinen seines Debüts Probebohrung im Himmel auf den Weg gebracht hat. Nun ist zu erwarten, dass sich anlässlich der Entscheidung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung wieder einige Skeptiker mit der windigen Behauptung melden, dass mit Jan Wagner ein konservativer "Traditionalist" der Poesie triumphiere. Diesem denkfaulen Stereotyp ist entschieden zu widersprechen.

Seinen ersten Auftritt auf der Bühne der Literatur hatte der 1971 in Hamburg geborene Wagner mit einem avantgardistischen Projekt. 1995 gründete er mit Thomas Girst die zwischen allen Kunstgattungen vagabundierende Literatur-Box Die Außenseite des Elementes, eine kartonierte Lose-Blätter-Sammlung, in der zweimal im Jahr die schrillsten Versuche literarischer Neutönerei versammelt wurden. In einem programmatischen Beitrag für die kleine Literaturzeitschrift intendenzen formulierte er dann 2001 ein poetologisches Zehnpunkteprogramm, das bis heute als Index für die Jan-Wagner-Kritik gilt. "Fortschritt ist das, was man aus dem Rückgriff macht": Dieses Bekenntnis zur poetischen Tradition, das eigentlich eine Selbstverständlichkeit für jeden zeitgenössischen Dichter sein sollte, wurde zum Anlass für einige futterneidische Boshaftigkeiten, bis hin zur grimmigen Invektive einer Kollegin, Wagners Dichtung sei nun mal "Schwiegermamas Lieblingslyrik", in der ein "allzu kompatibles Dichter-Ich" agiere.

Zu den Standards der Wagner-Kritik gehört seither der penetrante Verdacht, dass hier ein Traditionalist mit biedermeierlichem Impetus die altehrwürdigen Formen recycelt – und dabei nicht einer formimmanenten Notwendigkeit gehorcht, sondern die Erwartungen eines konservativen Publikums bedient.

Nachdem Wagner für seinen Band Regentonnenvariationen 2015 der Leipziger Buchpreis zugesprochen wurde, spaltete sich die literarische Welt dann endgültig in gönnerhafte Wagner-Freunde, die dem Autor eine "wunderbare" Naturdichtung voll naturkundlichem Enthusiasmus bescheinigten, und in unversöhnliche Feinde, die eine "Verkitschung der Natur" monierten. 

"Jan Wagners Gedichte", heißt es nun in der Begründung der Akademie, "verbinden spielerische Sprachfreude und meisterhafte Formbeherrschung, musikalische Sinnlichkeit und intellektuelle Prägnanz. Entstanden im Dialog mit großen lyrischen Traditionen, sind sie doch ganz und gar gegenwärtig." Wie vielstimmig und verwandlungsfreudig diese "Sprachfreude" sich manifestieren kann, zeigte der Band Die Eulenhasser in den Hallenhäusern (2012), in dem sich der Autor gleich in drei fiktive Dichterkollegen, drei "Heteronyme" aufspaltete, um neue Formen lyrischen Schreibens ausprobieren zu können.

Das artistische Vermögen des Dichters Jan Wagner hat viel mit der Kunstfertigkeit des Übersetzers zu tun, der die substanziellsten Stimmen der englischsprachigen Lyrik, Autoren wie James Tate, Matthew Sweeney und Robin Robertson, in ein elegantes Deutsch gebracht hat. 

Verwurzelung und Entwurzelung

Bleibt zu hoffen, dass sich die Lobredner wie auch die empörten Kritiker diesmal nicht um eine genaue Lektüre des Büchnerpreisträgers herummogeln. Jan Wagner wird ja gerne als formbewusster Natur-Idylliker missverstanden, der die ganze Flora und Fauna durchbuchstabiere, vom Weidenkätzchen bis zur Würgefeige, vom Olm bis zum Otter. Die Idylle ist bei diesem Autor aber nie ohne das Entsetzen zu haben. Immer wieder locken uns seine Gedichte in existenzielle Abgründe, in verstörende Verlassenheitsfantasien: Zarte Naturphänomene sind bei diesem Dichter nie lyrischer Selbstzweck, sondern prallen zusammen mit den brutalen Faktizitäten einer mörderischen Lebenswirklichkeit. So auch im Gedicht Elch, in dem das Tier nicht als dekoratives Exotikum, sondern als dem Tode geweihte Kreatur dargestellt wird: "wir folgen seiner blutspur um den buckel / des hügels. übelkeit, ein spätes licht - / dann seine schaufeln, um die luft gelegt / wie hände eines champions am pokal."

Am stärksten ist dieser Dichter, wenn er unmittelbar in Dialog tritt mit den poetischen Altvorderen. In einem Gedicht des Bandes Australien (2010 erschienen im Berlin Verlag) zitiert er etwa den Kirchenlieddichter Paul Gerhardt, beschwört dessen Trostgesang, der verzweifelten Eheleuten mit dem Appell an tiefe Frömmigkeit zur Hilfe eilen will. Wagner verwandelt Gerhardts Kirchenlied in einen abgründigen Gegen-Gesang, die Verwandlungsgeschichte eines Ichs, das sich – wie einst in den Metamorphosen Ovids – in einen Baum verwandelt.

paul gerhardt:
"der mann wird einem baume gleich"

bevor er ausschlägt, hat er schon das rauschen
von laub im ohr. das überraschen-
de knarren, wenn er redet; wenn er schreit-
et dieses knacken der gelenke: jeder schritt
sehnt sich nach erde. nachts unter laternen
ertappt er sich dabei, wie seine hände
aus schatten lettern formen und die wände
der schlafenden beschreiben. krähenschwärme,
ihr dunkler kreisel über ihm, die kinder,
die ungefragt auf seine schultern klettern
und äpfel klauen. im jackett aus rinde
steht er auf freiem feld, wenn ihm ein regen
im herbst die letzten grünen blätter
poliert. so wächst er seinem sturm entgegen.

Das Gedicht lässt uns an einer schönen Paradoxie teilhaben: Die biologische Verwurzelung des Ichs ist identisch mit seiner Entwurzelung als Subjekt. Es ist das faszinierende Bild einer Metamorphose, die dem Mann neue Qualitäten zuführt, je mehr Eigenmacht er über sich selbst einbüßt. Es ist zugleich das Bild der Entwurzelung einer Form. In den 14 Zeilen seines Gedichts hat Jan Wagner ein Sonett versteckt: zwei Quartette und zwei Terzette, die aus den Fugen geraten sind und nur noch an einer Stelle, im Paarreim "hände – wände", ihre Herkunft aus einem Sonett verraten.

Die Dichtung, so hat Jan Wagner in seinem jüngsten Essayband Der verschlossene Raum beiläufig angemerkt, ist "eine Magie zweiter Ordnung". Die Darmstädter Akademie hat nun einen Lyriker ausgezeichnet, der diese Magie wiederzuerwecken vermag.