ZEIT ONLINE: Zwei der zentralen Figuren in ihrem Buch sind Jean-Jacques Rousseau und Voltaire, zwei Philosophen der französischen Aufklärung. Zwischen diesen beiden Denkern, so schreiben sie, tue sich ein Graben auf, der immer noch charakteristisch sei für unsere Gegenwart.

Mishra: Rousseau und Voltaire waren sich einig darin, dass das aristokratische Gesellschaftsmodell des 18. Jahrhunderts nicht länger tragfähig war. Die Ideen, die zu dieser Zeit unter anderem von Voltaire als Alternative formuliert wurden als eine kommerzielle Gesellschaft, in der Individuen in Konkurrenz zueinander stehen, betrachtete Rousseau sehr kritisch. Er sah, dass ein solches Modell einen permanenten Konflikt zur Folge haben würde, weil das Ideal individueller Freiheit dabei mit einer Konkurrenzsituation zwischen Individuen einhergeht, die viele Menschen zutiefst unglücklich zurücklässt. Mit diesem Paradox leben wir noch heute. In den vergangenen Jahrzehnten hat, so könnte man sagen, Voltaires Idee dominiert: die einer kosmopolitischen Welt, die von Handel und unternehmerischen Individuen zusammengehalten wird. Dagegen regt sich heute überall Widerstand. Die Wellen nationalistischer Bewegungen in verschiedenen Regionen der Welt sind auch eine Reaktion auf dieses Modell.

ZEIT ONLINE: Der Konflikt zwischen Voltaire und Rousseau, den sie beschreiben, erinnert an die Sprache, die Populisten heute immer bemühen: Auf der einen Seite die kleine Elite, auf der anderen Seite die breite Masse. Ist es nicht viel zu reduktiv, anhand dieser Kategorien über gesellschaftliche Probleme nachzudenken?

Mishra: Sowohl Voltaires als auch Rousseaus Erbe ist problematisch, deshalb befinden wir uns heute in einer Sackgasse. Voltaires kosmopolitische Vorstellung der Welt wird von vielen Menschen als unterdrückend wahrgenommen. Nicht nur in Europa selbst, sondern auch in anderen Teilen der Welt. Speziell wenn diese Vorstellung mit imperialistischen Ambitionen einhergeht. Voltaire selbst hatte kein Problem mit Imperialismus, solange dieser im Dienste seiner Ideen stand. Er arrangierte sich damals mit verschiedenen Despoten in Europa, etwa mit der russischen Zarin Katharina der Großen.

ZEIT ONLINE: Sie beschreiben in diesem Zusammenhang, dass die Deutschen die ersten waren, die im frühen 19. Jahrhundert jene imperialistische Kehrseite der Aufklärung in Form der Eroberung durch Napoleon zu spüren bekamen.

Mishra: Genau. Und in der Reaktion der Deutschen kann man ein Muster beobachten, das bis heute die Verhaltensweise derartig gekränkter Nationen kennzeichnet: das trotzige, demonstrative Ausstellen nationaler Identität. Oft reagieren solche Gesellschaften damit, dass sie sagen: Unsere Eroberer mögen mehr Macht, Geld und Ressourcen haben, aber wir sind moralisch und kulturell überlegen. Diese rousseausche Reaktion führt allerdings genauso wenig zu einer freien Gesellschaft, in der sich Individuen entfalten können. Das ist die Pattsituation der Aufklärung, die wir überwinden müssen.

ZEIT ONLINE: Die westlichen Gesellschaften nach dem Zweiten Weltkrieg sind aber doch auf den Idealen der Aufklärung – Freiheit, Gleichheit, Rechtsstaatlichkeit – gegründet. Und es gab in Europa nie wohlhabendere und friedlichere Gesellschaften als heute.

Mishra: Das stimmt. Allerdings gingen diesen Gesellschaften zwei brutale Weltkriege, Völkermord und ethnische Säuberungen voraus. Man muss den Kontext bedenken, in dem europäische Staaten es nach 1945 geschafft haben, ein Modell der friedlichen Kooperation zu entwickeln. Was mir zudem wichtig erscheint: Es waren vor allem christlich-demokratische Politiker, meist Katholiken, mit spezifischen Vorstellungen von menschlicher Würde und Menschenrechten, die eine entscheidende Rolle beim Wiederaufbau Europas gespielt haben. Das ist für viele Atheisten eine unangenehme Tatsache. Die Zeit nach 1945 als Siegeszug des Liberalismus zu bezeichnen, scheint mir daher nicht ganz akkurat zu sein.