ZEIT ONLINE: Heute sehen wir die Modernisierung von Staaten in der sogenannten Dritten Welt als Lösung für Probleme wie etwa Terrorismus. Sie sagen, diese Probleme seien die Folge eben jenes Modernisierungsprozesses.

Mishra: Die Geschichte Europas zeigt die zutiefst traumatischen Folgen, die Prozesse der Modernisierung nach sich ziehen. Diese Entwicklung kann nicht ohne Weiteres als Vorbild zur Nachahmung angeboten werden, es sei denn wir wollen, dass der Rest der Welt die katastrophalen Fehler der Europäer aus dem 19. und 20. Jahrhundert wiederholt. Speziell die USA und Großbritannien haben sich nach dem Zweiten Weltkrieg ideologischen Illusionen hingegeben. Man dachte, da man die Nazis und später den Kommunismus besiegt hätte, müssten alle anderen einfach das eigene Gesellschaftsmodell adoptieren. Deutschland, Frankreich und Italien haben nach dem Zweiten Weltkrieg keine alternativen Diskurse produziert, welche die speziellen Erfahrungen dieser Länder ausreichend berücksichtigen. Man hat sich zu sehr mit der anglo-amerikanischen Gewinnermentalität gemein gemacht.

ZEIT ONLINE: Wir müssen die Geschichte aus der Sicht der Verlierer betrachten?

Mishra: Absolut. Nur weil Deutschland nach 1945 zur Kategorie der Gewinner gehörte, heißt das nicht, dass es nicht zuvor in der Kategorie der Verlierer war. Diese Erfahrung müssen wir uns anschauen. Nach 1945 etablierte sich die Vorstellung, alle seien Gewinner oder könnten Gewinner sein. Das ist eine unrealistische Erwartung.

ZEIT ONLINE: Das stellt uns vor ein großes Problem.

Mishra: Ich beurteile es folgendermaßen: Wir sehen heute eine globale Krise von Liberalismus und Demokratie. Die beiden Länder, die nicht erobert und besetzt wurden, die USA und Großbritannien, haben eine ganze Reihe zutiefst idealisierter Vorstellungen über ihren eigenen Fortschritt generiert. Darin kommen viele Faktoren, die den wirtschaftlichen und militärischen Erfolg dieser Länder mit möglich gemacht haben, nicht vor: Imperialismus, Völkermord, Sklaverei.

ZEIT ONLINE: Ist Fortschritt oftmals bloß eine Begleiterscheinung von Kriegen und Krisen?

Mishra: Denken Sie etwa an die Rechte von Frauen. Diese sind zum Teil Errungenschaften von Frauenrechtsbewegungen. Die größten Fortschritte in diesem Bereich wurden aber im Zuge der beiden Weltkriege gemacht, weil Frauen als Arbeitskraft gebraucht wurden, während die Männer kämpften. Solch unangenehme Paradoxien machen wir uns zu wenig bewusst und hängen stattdessen viel zu sehr linearen Vorstellungen von Fortschritt an, die eine komplette Fantasie sind. Dass wir denken, dieser Fortschritt könne anderswo ohne Probleme wiederholt werden, zeigt bloß, dass wir kein ausreichendes Bewusstsein für die spezifischen Gegebenheiten haben, die diese Entwicklung in Nordamerika und Europa ermöglicht haben. Mit dieser Erwartung stellt man Entwicklungsländer vor eine Aufgabe, die unmöglich zu erfüllen ist. Es ist kein Wunder, dass diese Staaten, etwa im Nahen Osten, große Probleme dabei haben, eben jene Entwicklung zu wiederholen und oftmals als failed states enden.