Den "Blick von nirgendwo" gibt es nämlich nicht. Das gilt für weiße männliche Journalisten ebenso wie für Penny. "Ich bin bürgerlich, weiß, gebildet", soweit ihr Privilegien-Check. Zugleich grenzt sich Penny klar ab von jenen Vertreterinnen der zweiten Feminismus-Welle, die Trans-Frauen kategorisch ausschließen und Genderqueerness nicht einmal als Konzept auf dem Schirm haben. "Politisch spiele ich im Mädelsteam", schreibt Penny. Doch eigentlich fühle sie sich wie "ein schwuler Junge in einem Mädchenkörper", und damit eher non-binär, oder eben genderqueer. Ein geschlechtsneutrales Pronomen wie "they" gibt es im Deutschen leider (noch) nicht; die linguistische Rebellion lässt auf sich warten. Und doch verändern sich die Dinge im Kleinen, eben gerade mit dem Bewusstsein darüber, wie eng Sprache und Macht miteinander zusammenhängen.

Provozieren, ohne abzuschrecken

Apropos Macht: Penny verkörpert nicht nur eine frische, kämpferische Spielart des Queerfeminismus, sondern auch eine dezidiert antikapitalistische. Mit Karrierefrauen wie der Facebook-Chefin Sheryl Sandberg oder Zusammenkünften à la Women20-Summit hat Penny so gar nichts am Hut. Beruhen doch derart neoliberale "Siege" notwendig auf einer Vertiefung der Kluft zwischen Arm und Reich, an deren anderem Ende es wieder die Frauen sind, die ausgebeutet werden. Und überhaupt: Ist der Feminismus wirklich im Mainstream angekommen, nur weil neuerdings berühmte Schauspielerinnen und Popstars das F-Wort für sich beanspruchen und Chanel seine Models mit feministischen Sprüchen auf den Laufsteg schickt?

Bitch Doktrin provoziert, ohne abzuschrecken. Und das liegt vor allem an dem Quäntchen (Selbst-)Ironie, das Penny stets mit einzubringen weiß, auch wenn es um ernsthafte Themen geht. Denn: Niemand ist perfekt. Auch und vor allem diejenigen nicht, die sich für die "besseren Feminist_innen" halten. Im stetig oszillierenden Spannungsfeld zwischen Utopie und Rückschlägen klingen Pennys Zeitgeistdiagnosen zwar oftmals düster, doch bleibt am Ende ein Raum für Hoffnung. Die jetzt heranwachsende "Generation K" (nach der kämpferischen Heldin Katniss Everdeen aus Die Tribute von Panem benannt) habe die "spätkapitalistische Naivität" der Millennials abgelegt und begegne dem dystopischen Jetzt auf dezidiert systemkritische Weise. Auf sie, und vor allem die jungen Frauen unter ihnen, setzt Penny. Gegen sie dürften Trump, Bond & Co. den Kampf bereits verloren haben.

Laurie Penny. "Bitch Doktrin. Gender, Macht und Sehnsucht". Aus dem Englischen von Anne Emmert. Edition Nautilus, Hamburg. 316 Seiten, 18 €.