Doch R. kann es auch fürderhin nicht lassen, er spielt – und das erfolgreich – "Georges Grosz beim Karikieren der Gäste". "Mutter als kesser Vater verkleidet" wird er spitzig eine deutsche Kulturrepräsentantin im zivilisierteren Teil Nordamerikas etikettieren. Unstillbare Neugier treibt ihn an. "Ich muss das sehen" – so die Devise. Idiosynkrasien, geprägt von einem sicheren Gespür fürs Schickliche und Angemessene, setzen die Spekulationen in Gang. Da ist etwa der Typus "Fleischtomate". Oder Ostfrauen, die zwar Pornografie im Fernsehen, aber partout keine Ausländer wollen. Womit wir im Kerngebiet jener Jahre wären.

Rutschkys Tagebuch lässt noch einmal deutlich werden, wie sich das alles langsam vorbereitete, ohne dass man dem entgegenfieberte – Ostgespräche und -kontakte waren Gespräche und Kontakte unter anderen. Die Maueröffnung, nicht gerade so beiläufig wie bei Herrn Lehmann, aber doch ohne große Erregung wahrgenommen. Die historischen Ereignisse sieht man im TV. Zum Hingehen ist man zu müde. "Dabei läuft heute Nacht die Party des Jahres, wie R. wohl ahnt. Aber sie gehen ja nicht mehr auf Partys." Anderntags freilich beobachtet R. die rotgeränderten Augen von Bekannten. Das heitere Konzert der Mauerspechte.

"Die Mauer, die sich in ihrem Aussehen vollkommen gleich blieb, scheint ihren Seinszustand gewechselt zu haben: Sie existiert in vollkommener Harmlosigkeit, als eine Ruine." Am 14. August geht es nach Ostberlin, von da aus nach Zwönitz, Aue und Weimar. Die Erkundung beginnt. Das Stadium zwischen punktuellen Veränderungen und basaler Beharrung. Auch dies wird in den eher banalen Dingen wahrgenommen: Dass ein Telegramm noch immer drei Tage von Erfurt nach Berlin (West) braucht. Die Energieverschwendung. Apfelschorle, die aber mit Wein sein muss. Wie in Ostberlin das 1900 vom In-Lokal zur Antiquität wird. Idyllen, die es nicht mal mehr im Ruhrgebiet gibt. Das Lokal, in dem Hunde unwillkommen sind. Die Rettung der Verbotskultur. Die Verteidigung der Identität. Mit der Verdachtskultur aber, mit der Frage, wer für die Stasi gearbeitet hat, damit hat Rutschky nichts am Hut. Ihn interessiert all das Biermann-Anderson-Gewoge allenfalls aus sozialpsychologischer Sicht. "Wen die BRD-Besatzer verschonen, den erledigen die ehemaligen Dissidenten." 

Westberlin als Soziotop

Dass er nicht gegen Berlin als Hauptstadt ist, macht Rutschky dem intellektuellen Justemilieu des Westens wiederum verdächtig. Mit Erstaunen stellt er fest, dass auch andere den Osten beobachten: "Auch andere Westberliner explorieren weiterhin unauffällig Ostberlin." Es ist eine große Herausforderung, was da an Neuem selbst auf einen einströmt, der schon zuvor sich immer dort umgetan hat. Allein die neuen Straßennamen, die es zu memorieren gilt.

Doch auch der Westen ändert sich. Westberlin als Soziotop – auch dies ein Begriff, den Rutschky eingeführt haben soll – wird durchlöchert, zugig. Am pointiertesten von einem Ostintellektuellen formuliert: "Das ist nicht mehr mein Westen! Jetzt, wo alle hierher können!"

Und was fehlt in diesem Band? Der Fotograf Rutschky. Wiewohl er sich in den Aufzeichnungen erstaunlich häufig mit Erinnerungen an den Großvater, dem bedeutenden Berlin-Fotografen Missmann, mit technischen Problemen von Kameras und Entwicklung – das gab's damals noch – beschäftigt, wird sein Text von lediglich zwei seiner so rutschkystischen Fotos flankiert. Schade drum!

Und wie es weiterging? Michael Rutschkys folgende Tagebücher werden es hoffentlich enthüllen …

Michael Rutschky: "In die neue Zeit. Aufzeichnungen 1988–1992", Berenberg 2017, 287 S., 25 €