"Collect Moments, Not Things", steht auf den Jutebeuteln, MacBook-Stickern und Smartphone-Hüllen der Millennials in aller Welt. Besitzdenken und Konsumwahn sind out; Vernetztsein und Sharing lautet die Antwort des 21. Jahrhundert auf die Karriere- und Statussymbolversessenheit voriger Generationen. Aber wie revolutionär ist das "Sammeln von Momenten" eigentlich? Und trägt die darin ausgedrückte Haltung automatisch zum – in letzter Zeit so oft prophezeiten – Ende des Kapitalismus bei?

Im Gegenteil, befindet Timo Daum in seiner Nautilus-Flugschrift Das Kapital sind wir: Zur Kritik der digitalen Ökonomie. Denn letztendlich sind es eben jene auf Instagram, Facebook und Twitter geposteten "Momente", mit denen die Internetgiganten ihren Umsatz machen und damit die Ära des postfossilen Kapitalismus einläuten.

Spätestens seit dem Scheitern der kommunistischen Systeme hätten wir die Alternativlosigkeit kapitalistischer Verhältnisse nicht nur akzeptiert, sondern bis in die feinsten Verästelungen unseres Seins verinnerlicht, so der 1967 geborene Diplomphysiker, Dozent und Medienkünstler. Ebenso alternativlos und unhinterfragt nutzen wir heute jene "Sirenen-Server" aus dem Silicon Valley, die uns mit kostenlosem Service anlocken und dann nicht mehr loslassen. Tatsächlich klingt deren Weltverbesserungsrhetorik geradezu antikapitalistisch: Frei zugängliches Wissen für alle, unbegrenzt kopier- und teilbare Informationen. Allerdings, stellt Daum nüchtern fest, ist der Kapitalismus ein wahres Stehaufmännchen – und hat sich sogar von seinem vermeintlichen Todesurteil ("null Grenzkosten") ganz gut erholt. Was sich u.a. daran zeigt, dass viele Unternehmen der Disruption des eigenen Geschäftsmodells gezielt auf die Sprünge helfen: So setzt die Daimler AG neuerdings auf "Teilen statt Besitz" und investiert in Carsharing.

Prekarisierung durch "Shareconomy"

Sichtlich kennt Daum sich aus in und hinter den Kulissen der IT-Branche; dass er dabei (bis auf wenige Ausnahmen) allgemein verständlich bleibt, ist ihm hoch anzurechnen. Zugleich scheut er sich nicht davor, das eigene Nest umzudrehen und einmal gründlich auszuklopfen. Kaum angreifbar sei der digitale Kapitalismus, solange sich seine Profitinteressen hinter hippiesken Slogans à la "Sharing is Caring" verbergen. Längst jedoch sind "Algorithmen zum entscheidenden Produktionsmittel, Daten zum zentralen Rohstoff und Information zur Ware Nummer eins" geworden. Die Verfügungsgewalt über das Gold unserer Tage – Big Data – liegt in den Händen weniger, während wir, das "neue Informationsproletariat", mit einem lückenlosen Strom an Daten bezahlen: Angelegt als endlose Feedbackschleifen, egal welchen Inhalts – wahr oder falsch, bedeutend oder trivial – Hauptsache, das Verhältnis von Eingabe und Ausgabe bleibt stabil. Und wir halten nicht nur die kybernetische Maschine am Laufen, sondern werden darüber hinaus "als verlängerte Werkbank der Softwarehersteller in Dienst genommen", indem wir beständig die Beta-Versionen der jeweiligen Anwendungen testen. Sollten wir dann nicht eigentlich mit jedem Klick, mit jedem hochgeladenen Bild zumindest ein paar Cent verdienen? 

2013 hat der US-Netzkritiker Jaron Lanier in Wem gehört die Zukunft? diesen provokanten Vorschlag verbreitet. Laut Daum ist er in gewisser Weise bereits Realität. Schaut man sich aktuelle Statistiken an, leben wir schon heute in einer Gesellschaft aus "Mikro-Unternehmern ohne soziale Absicherung", die sich mit Clickwork und anderen digitalen Minijobs über Wasser halten. Wie die ursprünglich altruistisch gedachte "Shareconomy" ihren Teil zur Prekarisierung dieses Segments beiträgt, gehört für Daum zu den perfiden Mechanismen des digitalen Kapitalismus. Zunächst mag seine Kritik verwundern. Warum sollte man nicht seine Wohnung anderen zur Verfügung stellen, wenn man gerade verreist ist, oder mal dem Nachbarn eine Bohrmaschine leihen? Das Problem sieht Daum in der aktuellen Praxis: Gemeinnützige Plattformen führen ein Nischendasein, während bei Ebay, Airbnb oder Uber vom ursprünglichen Anspruch, Ressourcen besser auszunutzen und einander ohne finanzielle Interesse zu unterstützen, nicht viel übrig geblieben ist. Wieder sind wir die "atomisierten Prekären, Tagelöhner der Gig-Ökonomie", während die Anbieter der "Tauschbörsen" Milliardenumsätze mit unseren Daten machen.

Eine fundierte Analyse unseres gegenwärtigen Wirtschaftssystems ist Das Kapital sind wir allemal, doch darum geht es Daum nur zum Teil. Was den Essay ausmacht und von anderen technokritischen Beiträgen abhebt, ist seine ganzheitliche Betrachtung dessen, wie sich digitale Arbeitsweisen in uns einschreiben und unser Denken, Handeln und Fühlen verändern.

Kalküle von Algorithmen offenlegen

Dass Daum auch die Idee eines Bedingungslosen Grundeinkommens kritisch unter die Lupe nimmt, mag in diesem Zusammenhang wie eine Abschweifung, ja sogar paradox erscheinen, ist er doch prinzipiell ein Anhänger der Idee, das "gute Leben" allen, nicht nur (männlichen) Vollzeitbeschäftigten, zu ermöglichen. Und ein BGE – wie derzeit beispielsweise in Finnland getestet – könnte durchaus ein Weg in diese Richtung sein. Nur sieht auch hier die Umsetzung bisher anders aus: Nicht selbstbestimmte Zeiteinteilung, Freiheit und Selbstverwirklichung stehen im Vordergrund, sondern die Möglichkeit, Zeitarbeitsverhältnisse einzugehen oder sich als Mikrounternehmer bei Uber, Airbnb & Co. zu betätigten, ohne in die totale Armut abzurutschen. Aus dieser Perspektive betrachtet, verwundert es kaum, dass inzwischen nicht nur die Linken, sondern auch diverse Silicon-Valley-Firmen die Einführung eines BGE befürworten. Als eine Art permanenter Existenzgründungszuschuss verstanden, würde uns ein BGE mehr denn je zu Unternehmern des eigenen Selbst, zu Managern unseres Risikokapitals erklären.  

Die hypertransparente Blackbox

Womit wir wieder bei den Hipstern des neuen Jahrtausends wären, die lieber "Momente sammeln" als materiellen Besitz anzuhäufen. In einer Welt, in der Events, Dates, Kunst und Kultur zu Konsumprodukten geworden sind, in der Zufriedenheit und Abenteuerlust als quantifizierbare Assets gelten, fällt es schwer, sich "Momente" vorzustellen, die jenseits jeglicher Warenlogik existieren. Einen bestimmten Lifestyle zu verkörpern – z.B. als Mikro-Influencer bei Instagram – ist längst Teil des wertvollen Humankapitals geworden, das es permanent zu optimieren gilt. Sei es durch Schritt- und Kalorienzähler oder das Posten bestimmter Bilder, was wiederum einen nie abreißenden Strom sensibler Daten generiert, mit denen im Silicon Valley gearbeitet wird.

Bei einer derart allumfassenden Durchdringung selbst linker, revolutionärer Konzepte mit neoliberalem Gedankengut scheint jede Hoffnung für die Zukunft verloren. Oder doch nicht?

Daum plädiert für einen radikalen Gegenentwurf: "Anonymisierte Metadaten sollten allen zur Verfügung stehen", Ziele und Kalküle von Algorithmen offengelegt werden. Was ihm vorschwebt, ist eine Art "techno-futuristische Plangesellschaft" auf Basis einer kostenlosen Grundversorgung, bei der Service und Wohnraum aufgrund allgemein zugänglicher Datensätze optimal verteilt werden können. Letztendlich schlägt Daum nichts anderes vor, als die hypertransparente Blackbox zu knacken – und dabei die Silicon-Valley-Giganten an ihren eigenen Weltverbesserungsgrundsätzen zu messen.

Timo Daum: "Das Kapital sind wir. Zur Kritik der digitalen Ökonomie." Edition Nautilus, Hamburg. 272 Seiten, 18 €.