Der Mann auf dem Abstellgleis

Die Literaturgeschichte ist gepflastert mit den Leichen schöner junger Frauen. Das Prinzip, dem sie zum Opfer fallen, ist relativ eingängig. Es genügt der Blick auf drei der bekanntesten Frauenfiguren der Literatur, um es zu verstehen. Da wäre etwa Flauberts Madame Bovary (1856). Wir erinnern uns: Emma heiratet den verwitweten Landarzt Charles Bovary, um relativ bald beinahe zu ersticken an dem ereignis- und inspirationslosen Leben in der Provinz, das durch ihren Gatten leider so gar nicht aufgefrischt wird. Dass eine Affäre und schließlich noch eine zweite ihr ein wenig Abwechslung bescheren, wer würde sich darüber wundern? Die Strafe folgt auf dem Fuße. Das Ende der Geschichte ist bekannt: Schulden, Verzweiflung, schließlich schluckt Emma Arsen.

Nur unwesentlich anders ergeht es Fontanes Effi Briest (1894), die von ihren Eltern als Siebzehnjährige mit dem drögen, wesentlich älteren Baron von Innstetten verheiratet wird und fortan in der Einöde versauern darf. Einziger Lichtblick: Major Campras. Auch dieses Vergnügen bleibt nicht ungesühnt. Effi stirbt unheilbar krank mit noch nicht einmal dreißig Jahren, vom Ehemann verstoßen, von den Eltern nur gnadenhalber aufgenommen, als ihr Tod bereits besiegelt ist. Auf die kritische Selbstbefragung von Effis Mutter, ob womöglich sie als Eltern durch die frühe Verheiratung eine Mitschuld tragen an dem Schicksal ihrer Tochter, kann Vater Briest nur die Schultern zucken, seine Antwort hat es zum geflügelten Wort gebracht. "Ach Luise, laß ... das ist ein zu weites Feld."

Das Behagen am Verruchten

Auch Tolstois Anna Karenina gehört in die Reihe dieser Frauengestalten, die sich ihr Begehren gestatten und dafür sterben müssen. Anna Karenina, ebenfalls verheiratet, wirft sich vor einen Zug, nachdem ihre Affäre mit dem Grafen Wronskij zu unschönen Verwerfungen geführt hat.

Nun ließe sich sagen: Anna Karenina, Effi Briest und Emma Bovary widersetzen sich den gesellschaftlichen Konventionen ihrer Zeit und das wird selbstverständlich geahndet. Auffällig ist allerdings, dass diese Ahndung in der Literatur dieser Zeit offenbar nur durch den Tod der Figuren geschehen kann. Bemerkenswerter aber ist noch etwas anderes: Geschrieben wurden diese Romane allesamt von Männern. Theodor Fontane war knapp 75 Jahre alt, als Effi Briest zunächst als Fortsetzungsroman in der Deutschen Rundschau erschien. Anna Karenina (1877/78) entstand, als Tolstoi Mitte Vierzig war. Und auch wenn Flaubert sich bei Erscheinen von Madame Bovary erst in den Dreißigern befand, so waren es also durchaus gestandene Männer, die augenscheinlich eine große Faszination für junge Frauen hatten, die sich nicht sittlich und nach Norm verhielten, und die es ebenso reizte, diese Frauen dabei aufs Verhängnisvollste scheitern zu lassen. Erzieherische Absicht? Realistisches Abbild der Gesellschaft? In Teilen sicher, aber eben auch ein Stück weit zumindest Behagen am Verruchten. 

Ältere Herren schauen zu, wie jüngere Frauen ins Verderben laufen. Lässt man mal – ausnahmsweise und nur für einen Moment – die ästhetischen Kriterien beiseite und schaut auf die Geschlechterdynamik, die dahinter waltet, ist das doch ein ziemliches Desaster. Mann amüsiert sich erst und straft Frau dann ab. Der historische Kontext sorgt allenfalls bedingt für Entlastung: Schließlich hat die Prominenz dieser drei literarischen Frauengestalten bis heute überdauert. Das heißt wiederum nicht, dass diese Romane künftig verdammt werden sollten. Sie sind eben nur in gewisser Hinsicht bezeichnend.

Literatur als Kompensation oder Ersatzbefriedigung

Mit Blick auf die aktuellen Verlagsprogramme könnte man zu der Überzeugung gelangen: Mehr als ein Jahrhundert ist vergangen und endlich wird alles anders. Auffällig viele jüngere Autorinnen nämlich machen derzeit ältere oder sogar alte Männer zu den Protagonisten ihrer Bücher und spielen den Herren durchaus übel mit. Kerstin Preiwuß (Jahrgang 1980) etwa setzt in ihrem Roman Nach Onkalo ihren Protagonisten Matussek – Anfang vierzig, noch immer unter dem Dach der Mutter lebend – dem kalten Wind der Wirklichkeit aus, als seine Mutter das Zeitliche segnet. Nur um ein Haar entgeht er, so auf sich allein gestellt, dem völligen Absturz in dem gesichtslosen ostdeutschen Örtchen, in dem er seine Tage fristet.

Julia Wolf (Jahrgang 1980) nimmt sich in Walter Nowak bleibt liegen einen Rentner vor, den sie gleich zu Beginn des Romans beim morgendlichen Schwimmen gegen die Beckenwand krachen lässt, weil er – hallo Zaunpfahl – schneller kraulen will als die attraktive junge Frau neben ihm. Und während Nowak für den Rest des Romans dahinsiecht und sich dabei sein Leben als Alphatier vor Augen ruft, wissen wir Leser natürlich längst, dass es damit lange vorbei ist und seine Frauen, die Ex-Frau genauso wie die aktuelle, ohne ihn allerbestens zurechtkommen.

Auch in Weshalb die Herren Seesterne tragen der 1984 geborenen Anna Weidenholzer will sich ein pensionierter Lehrer noch den Anschein geben, Herr der Lage zu sein. Als Glücksforscher macht er sich auf, um die emotionale Verfasstheit des Landes zu erkunden. Auf diese Weise kann er allerdings allenfalls noch vor sich selbst verbergen, dass es in Wirklichkeit vor allem sein eigener Gemütszustand ist, um den es schlecht bestellt ist, und dass seine Frau, deren Lebensweisheiten er beständig predigt, nicht mehr ans Telefon geht, wenn er sie anruft. 

Was sagt uns diese Literatur über die Gegenwart?

Kaum anders steht es in Isabella Straubs Wer hier schlief. Der Leser weiß nach ein paar Seiten, dass der Protagonist, der für eine schöne Geliebte die vermögende Ehefrau verlassen hat, sich gehörig verrechnet hat und bereits heftig auf die Schnauze gefallen ist, auch wenn er noch diverse Buchseiten weiterstolpert.

Das irgendwie Deprimierende daran: Diese Männer werden nicht, wie einstmals die jungen Frauenfiguren, als aufbegehrende, von kühnen Plänen getriebene Figuren gezeigt, denen die Situation schließlich entgleitet. Diese Männer sind bereits heftig abgewirtschaftet, als die Romane beginnen, so dass im Folgenden nur noch die Scherben zusammengekehrt werden müssen. Und leider sind diese Männer zudem so was von unfähig in Sachen Selbst- und Fremdeinschätzung, dass es noch nicht mal mehr schmerzt, sondern einfach nur ziemlich erbärmlich ist.

Was interessiert die Autorinnen an solchen bemitleidenswerten Zeitgenossen, die mit sich selbst ja nun wirklich schon genug geschlagen sind? Muss man Figuren demontieren, die doch offensichtlich schon demontiert sind? Und was soll das, wenn denn Literatur etwas über die Gegenwart erzählt, über diese verraten? Dass der Mann an sich eh schon auf dem Abstellgleis steht? Das allerdings könnte eine nicht nur allzu selbstgewisse Behauptung sein, sondern auch ein gefährlicher Trugschluss. Literatur als Kompensation oder gar Ersatzbefriedigung für eine ungenügende Wirklichkeit hat einer Gesellschaft noch selten gut getan.