Die deutsche Schriftstellerin und Literaturwissenschaftlerin Silvia Bovenschen ist tot. Sie starb im Alter von 71 Jahren in Berlin, wie ihr Verlag S. Fischer mitteilte. Der Verlegerische Geschäftsführer der S. Fischer Verlage, Jörg Bong, schrieb, die deutsche Literatur verliere eine ihrer Größten. Bovenschen sei "eine der wichtigsten Intellektuellen unserer Zeit" gewesen, habe eine ganze Generation von Literaturwissenschaftlerinnen und Literaturwissenschaftlern, von Kritikerinnen und Kritikern geprägt und viele Autorinnen und Autoren inspiriert. Ihr Schreiben sei "eine Verbindung von höchster Sprachkraft, ungeheurem Gedankenreichtum – und intelligentem Humor".​

Bovenschen wurde 1946 im oberbayerischen Point geboren. In Frankfurt am Main studierte sie Literaturwissenschaft, Soziologie und Philosophie. Bovenschens Doktorarbeit, die 1979 unter dem Titel Die imaginierte Weiblichkeit erschien, ist ein Standardwerk unter feministischen Schriften. "Ihre Dissertation wurde zu einem fulminanten Traktat über die Diskrepanz zwischen imaginierter und tatsächlich eingeräumter weiblicher Präsenz in der deutschen Literaturgeschichte", kommentierte ZEIT-Autorin Ingeborg Harms vor zwei Jahren.

Während der 20 Jahre, in denen Bovenschen an der Frankfurter Universität Literaturwissenschaft lehrte, verfasste sie verschiedene Monografien, darunter Aus der Zeit der Verzweiflung – Zur Genese und Aktualität des Hexenbildes oder Über-Empfindlichkeit – Spielformen der Idiosynkrasie (2000). Das Buch ist von der Philosophie Theodor Adornos beeinflusst, dessen Vorlesungen sie früher besucht hatte. Außerdem veröffentlichte Bovenschen Aufsätze über das Werk der Malerin Sarah Schumann, mit der sie später in Berlin zusammenlebte.

Bovenschen litt unter multipler Sklerose und war deshalb bereits als junge Frau oft und lange im Krankenhaus. Die Erfahrungen mit ihrer Krankheit beeinflussten Bovenschens autobiografischen Bericht Älter werden (2006), einem von Kritikern gefeierten Bestseller, der sie überregional bekannt machte. Das Buch sei ein "unglaublicher Schritt" für sie gewesen, sagte die Autorin rückblickend in der ZEIT, denn sie habe erstmals öffentlich über sich selbst schreiben können. Das habe mit ihrer Krankheit zu tun gehabt: "Das wenige, was gut war an diesen Scheiß-Krankheiten: Sie haben mir die innere Freiheit gegeben."

In den kommenden Jahren folgten verstärkt belletristische Werke. 2008 veröffentlichte Bovenschen das fiktive Buch Verschwunden, 2009 gab sie mit Wer weiß was? ihr Debüt als Krimiautorin. "Das war mein Gesellenstück, ich wollte mir selbst etwas beweisen und sehen, ob ich vier Genres in einem Buch vereinen kann. Krimi als Vorwand, Gesellschafts-, Campusroman und Science-Fiction", sagte Bovenschen der ZEIT.

Nach Wie geht es Georg Laub? (2011) veröffentlichte die Autorin mit Nur Mut (2013) einen zweiten Roman. Die Komödie, die in einer Wohngemeinschaft von vier alten Frauen spielt, steigert sich zu einem furiosen Finale. Wieder wurde Bovenschen von Kritikern gelobt. Die ZEIT schrieb der Autorin zu, den Alten eine Stimme gegeben zu haben. In Sarahs Gesetz von 2014 schrieb Bovenschen über die Beziehung zu ihrer Lebensgefährtin Sarah Schumann. Erst vor wenigen Wochen hatte sie nach Verlagsangaben ihren neuen Roman Lug und Trug und Rat und Streben fertiggestellt.

Bovenschen war seit 2011 Mitglied der Berliner Akademie der Künste. 2013 wurde sie in die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung aufgenommen. 2014 wurde sie bei der Verleihung des ersten Bayerischen Buchpreises mit dem Ehrenpreis des Ministerpräsidenten ausgezeichnet.