Zu den rätselhaften Phänomenen der Literatur gehören die Bestseller: Warum ist gerade dieses Buch erfolgreich? Wieso stehen Menschen in Buchläden dafür Schlange? Was hat es, was andere nicht haben? In unserer Kolumne "Die kommentierte Ausgabe" suchen wir nach Gründen.

Vielleicht ist kaum etwas so einfach zu erklären wie der Erfolg von Dan Brown. Mehr als 200 Millionen Exemplare hat der 1964 geborene amerikanische Thriller-Autor von seiner Reihe um den ermittelnden Symbolforscher Robert Langdon mittlerweile weltweit verkauft, übersetzt sind die Bücher in 56 Sprachen. Das Prinzip ist also nicht nur massenkompatibel, sondern auch noch kulturübergreifend wirksam.

Mit Origin ist nun der fünfte Band ganz oben auf die Bestsellerlisten geschossen. Und wem es bisher dennoch gelungen ist, Langdons Abenteuer zu ignorieren, dem sollte der Hinweis genügen, dass der Code-knackende Professor in den Verfilmungen von Browns Thrillern durchaus treffend mit Tom Hanks besetzt ist: eine einigermaßen taugliche Personifizierung von dessen Biederkeitsgrad. Anders gesagt, Indiana Jones und James Bond sind da eine andere Hausnummer. Interessant übrigens in diesem Zusammenhang, dass gerade männliche Rezensenten häufig eher verschnupft auf Dan Brown reagieren (einer verriet sogar entgegen der goldenen Regel der Krimi-und Thriller-Besprechung eiskalt die Auflösung von Origin. Gemein!).

Aber an dieser Stelle soll es freilich nicht um die Frage gehen, ob und warum womöglich bei einer gewissen Schicht männlicher Leser bildungsbeflissene Geschlechtsgenossen Beißreflexe provozieren, sondern um das Geheimnis des Erfolgs. Das wiederum hat naturgemäß auch jede Menge mit Geheimnissen zu tun sowie mit deren Entschlüsselung. Im Fall von Origin mit nichts weniger als den großen Mysterien unserer Existenz: Wo kommen wir her? Wo gehen wir hin? In Browns jüngstem Buch hat ein famoser Supercomputer diese Menschheitsrätsel gelöst, nun muss man ihm die Antworten nur noch entlocken, weil dummerweise kurz vor deren Preisgabe ein Mörder dazwischengrätscht.

Soll ich ihn verlassen oder nicht?

Nun sind wir ja im Alltag schon zur Genüge mit existenziellen Fragen und Rätseln beschäftigt. Den großen wie den kleinen: Lebe ich länger, wenn ich Bioprodukte esse? Wäre ich glücklicher, wenn ich den langweiligen Kerl nebenan auf dem Sofa endlich verließe? Und warum ruft der Typ nicht an (also: der andere)? Könnte die Welt eine bessere werden, wenn sich ein paar mehr Menschen für Benachteiligte engagierten? Ist die Klimakatastrophe noch aufzuhalten, selbst wenn die Autosteuer angehoben wird? Und was, verdammt noch mal, muss man in die dritte Spalte bei der Steuererklärung eintragen? Das Fatale daran: Egal, welche Wahl man trifft und welche Antwort man gibt, man wird nicht erfahren, ob am Ende dieser langen Kette von Entscheidungen die größtmögliche Belohnung wartet: das Glück.   

Browns Thriller funktionieren nach demselben Muster wie das Leben. Sie sind eine beständige Abfolge von Rätseln, die gelöst werden müssen. Der Unterschied ist allerdings: Dass am Ende die Belohnung wartet, die alles entscheidende Antwort auf die große Frage, das ist verbürgt.

Die großen Menschheitsrätsel sind geknackt

Kritische Zungen beschreiben Browns Poetologie deshalb als Schnitzeljagd, was die Sache durchaus trifft, denn auch bei diesem beliebten Kindergeburtstagsevent weiß man schließlich, dass Papa oder Mama die Kiste mit dem Schatz befüllt und aufspürungskompatibel versteckt haben und notfalls ein bisschen nachhelfen, wenn es unterwegs irgendwo hakt.

Bei Brown findet die Schnitzeljagd freilich nicht im Stadtpark, sondern vor kulturgesättigter Kulisse statt. Die weltgrößten Museen und Welterbestätten müssen es schon sein, was für die Leser wiederum ein zusätzliches Belohnungssystem verspricht: Wer schon mal dort war, kann sich als gebildeter Teil der Gesellschaft auf die Schulter klopfen, die anderen haben en passant ihren Speicher für gehobenen Smalltalk aufgetankt.

Und so kann man sich schließlich, wenn man sich durch 672 Seiten Origin gerätselt hat, froh erschöpft und gänzlich beruhigt ins Sofa zurücklehnen. Wenn selbst die größten Menschheitsrätsel zu knacken sind (erst vom Supercomputer, hernach von uns Lesern), dann kann die Sache mit dem Bioessen oder der Klimakatastrophe doch so schwierig nicht sein. 

Bedauerlich allerdings ist die satte Selbstzufriedenheit, die auch Browns neues Buch auf diese Weise zwangsläufig induziert. Wäre es nicht, so ganz generell – für das sogenannte Denken – anregender, Browns Supercomputer hätte beispielsweise ein bisschen mehr von dem legendären Apparat aus Per Anhalter durch die Galaxis? Auch dieser Supercomputer spuckt nach ewigem Rattern endlich die Antwort auf die große Frage "nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest" aus. "42", lautet sie. Das ist in seiner kompletten Willkürlichkeit, Sinnlosigkeit und Albernheit eine Antwort, die nicht nur dem Dasein angemessener wäre, sondern vielleicht ein paar mehr Menschen vom Sofa aufscheuchen und das Dasein umkrempeln lassen würde. Aber wann hätten sie dann Zeit, den nächsten Brown zu lesen?