Wie ist es zu erklären, dass eine Geschichte, der die Wucht einer antiken Tragödie innewohnt, zu so einem großen Erfolg werden konnte? Denn wirklich düstere Geschichten, die sich jenseits des wohligen Schauders eines Krimis bewegen, sind für gewöhnlich nicht gerade ein Ticket für den großen Publikumserfolg. Der Roman Dann schlaf auch du aber ist kein Krimi, auch wenn darin ein brutales Verbrechen geschieht: Eine Nanny ermordet die ihr anvertrauten Kinder. Die 1981 in Marokko geborene Schriftstellerin Leïla Slimani, die seit ihrem achtzehnten Lebensjahr in Paris lebt, wurde dafür nicht nur mit dem renommierten Prix Goncourt ausgezeichnet, das Buch verkaufte sich auch über eine halbe Million Mal. Die Rechte gingen in 32 Länder, und auch in Deutschland landete der Roman gleich auf der Spiegel-Bestseller-Liste.

Slimani hat ihren zweiten Roman ein "dunkles Märchen für Erwachsene" genannt, dessen großer Schrecken sich gleich zu Beginn offenbart: "Das Baby ist tot. Wenige Sekunden haben genügt. Der Arzt hat versichert, dass es nicht leiden musste. Man hat es in eine graue Hülle gelegt und den Reißverschluss über dem verrenkten Körper zugezogen, der inmitten der Spielzeuge trieb. Die Kleine dagegen war noch am Leben, als die Sanitäter kamen. (...) Adam ist tot. Mila wird ihren Verletzungen erliegen." Die Täterin ist bekannt, sie stand den Kindern nahe, Louise, die unentbehrliche Nanny, die auch sich selbst töten wollte, aber nun im Koma liegt.

Eingeengt nach der Geburt

Das Ende ist der Ausgangspunkt für Slimanis literarische Erkundung: Wie konnte es zu dieser Katastrophe kommen? Wenn sie nun von dem Paar Myriam und Paul Massé erzählt, das im 10. Arrondissement von Paris lebt, sogenannte Bobos – bourgeoise Bohemiens –, Mitte dreißig, das nach einer Betreuung für seine zwei Kinder sucht, dann geht es vor allen um Normalität: Slimani beschreibt mit genauem Auge eine vielen Eltern bekannte, moderne Lebenswirklichkeit. Und darin dürfte ein wesentlicher Moment ihres Erfolgs liegen.

Paul ist Musikproduzent, der um seine Karriere noch ringen muss. Myriam fühlt sich nach der Geburt des zweiten Kindes eingeengt und will wieder als Anwältin arbeiten. Schon wie er auf ihren Wunsch reagiert, nämlich mit Unverständnis, und wie sie dann die Positionen als Paar aushandeln, dürfte vielen vertraut vorkommen. Natürlich stellt sich die Frage der Kinderbetreuung. Verbunden mit Schuldgefühlen Myriams.

Die Lösung soll eine Nanny bringen: "Keine ohne Papiere, da sind wir uns einig?", so Paul pragmatisch. "Ich will niemanden, der Angst hat, die Polizei zu rufen oder ins Krankenhaus zu gehen, wenn es ein Problem gibt." Eine Freundin gibt den Rat: "Wenn eine Kinder hat, dann besser nicht hier in Frankreich", denn das schränke die Flexibilität ein. Ist das nicht frauenfeindlich? Myriam ist unbehaglich zu Mute, aber die eigene Familie steht an erster Stelle.

Grenzenlose Einsamkeit

Dann steht Louise vor der Tür: Anfang vierzig, eine bereits erwachsene Tochter, Witwe. Und sie ist einfach perfekt. Die Kinder lieben sie. Sie lässt die kleine Wohnung geräumiger erscheinen. "In wenigen Wochen ist Louise für sie unentbehrlich geworden." Louise, die "Fee". Doch Slimani flicht sehr früh Momente der Beunruhigung ein, wenn sie über die Nanny schreibt: "Sie hat die stille Wohnung in ihrer Gewalt, wie einen Feind, der um Gnade bettelt."

Louise dringt in die Welt der Massés ein – sie will Teil der Familie sein. Denn ihre Einsamkeit ist grenzenlos. Und die beiden, unsicher in ihrer Position als Arbeitgeber und bemüht um vermeintliche Augenhöhe, nehmen sie sogar mit in den Urlaub. Letztlich aber interessieren sie sich nicht für das Leben Louises jenseits ihres Jobs als Nanny.

Das Leben als Folge von Demütigungen

Slimani zeichnet sehr genau zwei verschiedene Lebenswelten, zwei soziale Klassen, die sich letztlich nicht berühren, obwohl Louise so viel Zeit mit den Kindern ihrer Arbeitgeber verbringt, sich mehr in deren Wohnung als in ihrer eigenen aufhält.

"Die Müdigkeit", so schreibt Slimani über Louise an ihrem ersten Arbeitstag, "lässt sie erschauern. Mit dem Fingernagel kratzt sie an der Ecke des Fensters. Egal wie energisch sie die Scheiben alle paar Tage putzt, sie kommen ihr immer trüb vor, bedeckt von Staub und schwarzen Schlieren. Manchmal möchte sie sie blank reiben, bis sie zerbrechen." Es sind die Fenster ihrer eigenen winzigen Wohnung in einem heruntergekommenen Stadtteil. In den Sätzen deutet sich viel von der Verfasstheit Louises an, die sich im weiteren Verlauf verschärfen wird. Ihr Blick auf ihr Leben, das sie als Folge von Enttäuschungen und Demütigungen wahrnimmt – die sie auch tatsächlich erfahren hat. Ihre innere Anspannung, die sich in nur wenigen Momenten einer meist beherrschten Aggression Luft verschafft.

Louise erfasst ihre vermeintliche Chance der Zugehörigkeit. Ermuntert fühlt sie sich durch die Grenzüberschreitungen, die Myriam und Paul forcieren, wie etwa den Urlaub. Oder zulassen, so die Übernachtungen Louises in ihrer Wohnung. Sie wollen "gute" Arbeitgeber sein. Und schließlich würde ihr "Familienbetrieb" ohne die Nanny in sich zusammenbrechen, sodass sie über unangenehme Situationen auch mal hinwegsehen.

Ein wahnwitziger Plan

Slimani schreibt in einer klaren, manchmal nüchternen, dann wieder eindringlichen und dichten Sprache, mit der sie sich als allwissende Erzählerin in die verschiedenen Perspektiven ihrer Figuren begibt. Die Rolle der Nanny, erzählte sie in einem Interview, habe sie schon lange beschäftigt: Einerseits sei diese eingeweiht in die Intimitäten einer fremden Familie, die ihr ihr Kostbarstes, ihre Kinder anvertraue. Andererseits bliebe sie Außenstehende, ein Gast auf Zeit.

In ihrem Roman spitzt die Autorin eine alltägliche Situation zu. Louise erkennt, dass sie bald überflüssig sein wird. Eine Rückkehr in ihr Leben, in dem sie mit Verlassenheit, Schulden und dem Verlust ihrer Wohnung konfrontiert ist, scheint ihr unerträglich, sie will in der Familie bleiben: "Sie hat nur einen Wunsch: Teil ihres Lebens zu sein, ihren Platz zu finden, sich dort einzunisten, eine Nische zu graben, einen Bau, ein warmes Eckchen." Sie entwickelt einen wahnwitzigen Plan, er scheitert.

Nein, Slimani begründet Louises schreckliche Tat nicht. Aber sie erzählt eine mögliche Geschichte aller an dem Drama beteiligten Personen – mit sehr genauem Blick auf die gesellschaftliche Gegenwart und Empathie für die Einzelnen.

Leïla Slimani: Dann schlaf auch du. Aus dem Französischen von Amelie Thoma. Luchterhand, München 2017. 224 Seiten, 20 Euro.