Dass der Fortschritt, die Aufklärung, der Humanismus, der Liberalismus et cetera nur Potemkinsche Dörfer sind, hinter deren Fassade just das Gegenteil fröhliche Urständ feiert, ist eine Denkfigur, die sich seit den zivilisatorischen Katastrophen und Desillusionierungen des 20. Jahrhunderts einer dauerhaften Konjunktur erfreut, wenn auch in wechselnder Kostümierung. Schlussendlich aber läuft es wie im Casino: Die Bank gewinnt immer. Das System setzt sich durch, es weiß den Subjekten verlockende Freiheiten und Genüsse zu gewähren, die letztendlich seiner Perpetuierung dienen.

Das ist ziemlich entmutigend, aber immerhin haben dergleichen Theorien, die oft mit einigem Aufwand gebaut sind, den Vorteil, der selbstgefälligen und arroganten Annahme entgegenzuarbeiten, dass es so, wie es ist, bereits zum besten stehe.

Der aus Kamerun stammende und an der University of the Witwatersrand in Johannesburg lehrende Historiker, Politwissenschaftler und Theoretiker Achille Mbembe hat schon mit seinem viel beachteten Essay Kritik der schwarzen Vernunft (2013; deutsch: 2014) auf die Kontinuität rassistischen Denkens vom Aufkommen des transatlantischen Sklavenhandels in der frühen Neuzeit bis in die Gegenwart aufmerksam gemacht. Die Figur des "Negers" werde, so Mbembe, im Neoliberalismus auf  die "subalterne Menschheit" übertragen und trage auf diese Weise zu einem "Schwarzwerden der Welt" bei. 

Starke, aber nicht neue Thesen

"Woman is the nigger of the world", sangen John und Yoko schon vor 45 Jahren, jetzt sind es eben die Abgehängten des digitalen Kapitalismus, denen man – pardon my pun!– den Schwarzen Peter zugespielt hat: "Der Neger ist heute nicht mehr nur der an seiner Hautfarbe erkennbare Mensch afrikanischer Abstammung (der 'Oberflächenneger'). Der 'Tiefenneger' ist heute eine subalterne Gruppe der Menschheit, (…) jener überflüssige und fast schon überschüssige Teil, den das Kapital nicht mehr braucht und der zur Aussonderung oder zum Ausschluss bestimmt ist."

In seiner jüngsten Publikation Politik der Feindschaft paraphrasiert Mbembe also bereits Bekanntes und leuchtet erneut "the dark side of democracy" aus, deren Festigung und Befriedung nach innen durch eine Aggression nach außen erkauft sei: "Es gibt keine Demokratie ohne ihre Doppelgängerin, ihre Kolonie, ganz gleich, wie man sie nennt oder welche Struktur sie besitzt." Oder noch einmal im gleichen Sinne, aber mit anderen Worten: "Demokratie, Plantage und Kolonialreich gehören objektiv derselben geschichtlichen Matrix an. Diese ursprüngliche und strukturierende Tatsache bildet den Kern jedes historischen Verständnisses der Gewalt in der heutigen Weltordnung."

Über die heutige Weltordnung hat Achille Mbembe einige starke, wenn auch nicht unbedingt neue Thesen im diskursiven Tornister. Unter anderem zitiert er den Staatstheoretiker Carl Schmitt, dem zufolge Politik im Wesentlichen auf der Unterscheidung von Freund und Feind beruht – womit eine "Politik der Feindschaft" eigentlich ein Pleonasmus wäre. Diese "Trennungsarbeit", wie sie Mbembe nennt, habe im 20. Jahrhundert emblematisch den Holocaust und die Apartheid hervorgebracht (den Gulag hat er womöglich einfach vergessen) und setze sich heute im "war on terror" fort, einer Form des Krieges jenseits aller territorialen Einschränkungen, der ständig neue Feinde produziere, die dann durch Mauern, Zäune, Einreiseverbote und Internierungslager darin gehindert werden müssen, die eigene Ethnie, Kultur oder Nation zu unterwandern und korrumpieren.