"Vier Jahre lang war ich ein Gangster. Vier Jahre sind eine lange Zeit, wenn man sie im Kampf verbringt. Im Kampf gegen die Gesellschaft und ihre Gesetze."

So heroisch beginnt Jack Bilbos erste Autobiographie Ein Mensch wird Verbrecher, in der er 1932 erzählt, wie er zum Leibwächter Al Capones wurde. Er wiederholt die Story oft, mit einigem Ernst, die Bücher werden Bestseller, und natürlich ist die Geschichte falsch. Aber Bilbo hätte gar nicht lügen müssen, sein tatsächliches Leben war ereignisreich genug. Als der 1907 als Hugo Cyrill Kulp Baruch geborene Berliner jung war, war Max Reinhardt bei seinem Großvater gerne zu Gast. In der Emigration trainierte Bilbo in Sitges mit Max Schmeling und kämpfte im Spanischen Bürgerkrieg auf der Seite der Anarchisten. 

Von der Gestapo gefoltert

In England begann er zu malen und eröffnete die Modern Art Gallery, in der Kurt Schwitters ausstellte. Als Bilbo kein Geld mehr hatte, wandte er sich an Stefan Zweig, der ihm irgendwann die Tür nicht mehr aufgemacht haben soll. Mit De Brave Hendrik, seinem 17 Meter langen Küstensegler mit Seitenschwert, schlängelte sich Bilbo von Calais aus über die Flüsse und Kanäle Frankreichs bis nach Sanary-sur-Mer. Als er auch dort nicht mehr bleiben konnte, landete Bilbo in den Fünfzigerjahren wieder in Berlin. Dort eröffnete er, nur wenige Meter von seinem Elternhaus entfernt, seine letzte Kneipe, das Kellerlokal Käpt'n Bilbos Hafenspelunke, in der er Henry Miller empfing, der zu Bilbos letzter Autobiografie Rebell aus Leidenschaft das Vorwort schrieb.

Das klingt nach Abenteurer und Weltenbummler. Was Jack Bilbo auch war. Doch unbeschwert kann man das Leben des Hugo Cyrill Kulp Baruch, Sprössling einer wohlhabenden Familie von Theaterausstattern, kaum nennen. Es war, so Ludwig Lugmeier, der jetzt einen "Faktenroman" nach Bilbos Leben geschrieben hat, davon bestimmt, "dass die Eltern sich trennten und Bilbo bei seiner Mutter aufwuchs" – einer Engländerin, mit der er nie auskam. Sein Vater war zwar ein Lebemann, behandelte den jungen Hugo aber als "Kronprinzen". Der schwerwiegendste Schatten über Bilbos Leben jedoch blieb, dass er Jude war. In Berlin von der Gestapo gefoltert, emigrierte er, flüchtete von einem Land zum anderen und verlor dreiundachtzig Verwandte im Holocaust.

Die Mafia wollte ihn nicht

Ludwig Lugmeier, dessen Erstlingsroman Wo der Hund begraben ist (Stroemfeld/Roter Stern 1992) noch heute lesenswert ist, erwähnte Jack Bilbo vor dreizehn Jahren zum ersten Mal: in seiner eigenen Autobiografie Der Mann, der aus dem Fenster sprang. Damals erzählte Lugmeier, 1949 in Kochel am See geboren und als einer der erfolgreichsten deutschen Bankräuber der Siebzigerjahre und großartiger Erzähler in Personalunion, selbst ein eigenwilliger Charakter, er habe Bilbos Erstling im Jugendgefängnis gelesen. Die Capone-Geschichte habe ihn dazu gebracht, ein erstes Mal auszubrechen und sich auf Sizilien bei der Mafia zu bewerben. Er sei aber "leider nicht genommen" worden.

Jetzt lässt Lugmeier die erste Bilbo-Lektüre unromantischer aussehen, will er in Die Leben des Käpt'n Bilbo doch Bilbos Existenz in den Vordergrund rücken. Jetzt ist es, ganz neutral, ein befreundeter Schriftsteller, der ihm vorgeschlagen habe, ein Funk-Feature zu Bilbo zu machen. Zu diesem Zeitpunkt habe er selbst nur eine von Bilbos Autobiografien gelesen, den Rebell aus Leidenschaft.