Just auf diesen ultraromantischen Sound berief sich Simon Strauß, der im vergangenen Sommer mit Sieben Nächte debütierte. Im vorigen Heft von Das Wetter wurde er dann auch in einem kumpelhaften Interview portraitiert, schließlich ist in seinem Buch auch viel von wiedererrungenen Gefühlen die Rede. Seit letzter Woche wird darüber debattiert, ob und wenn ja, in welcher Weise der 29-jährige Strauß mit Sieben Nächte und seinen Artikeln fürs FAZ-Feuilleton neurechte Positionen bedient. In seinen Texten lässt sich durchaus eine teils fahrlässige Rhetorik erkennen, die Strauß wohl deswegen nicht einhegt, weil es seinem Anliegen eines ästhetischen Neuaufbruchs hinderlich wäre. So bleibt die Flanke mitunter nach rechts hin offen. Das ist frag- und kritisierwürdig. Von diesem Befund zum Vorwurf, Strauß sei neurechts, wie ihn jetzt auch die RKOL erheben, ist es aber ein sehr weiter Weg. In ihrer Stellungnahme argumentieren sie dann auch sehr verkürzend und verstellt und schießen weit übers Ziel hinaus.

Zwischen Wikipedia und TV Today  

An einer Stelle heißt es in Hieronymis 100-Seiter:"Wenn es um die Postmoderne oder den Poststrukturalismus geht, kennt die Ultraromantik keinen Intellekt, dann fehlt ihr der Antrieb zur Auseinandersetzung." Diese kokette Weigerung, ein Phänomen vollumfänglich zu bedenken, führt stellenweise auch im Buch zu einer ungenauen Sprache. Die Verwendung des Adjektivs "romantisch"pendelt sich jedenfalls irgendwo zwischen Wikipedia, TV Today und der Erstsitzung eines Proseminars ein.

An einer tiefgründigen Bezugnahme auf die Romantik als einer kulturhistorischen Epoche scheint hier keinem gelegen. Romantische Autoren wie die Brüder August und Friedrich Schlegel, in deren enorm vielfältigem publizistischem Werk sich sicherlich Anknüpfungsmöglichkeiten gefunden hätten, kommen beispielsweise nicht vor. Vielmehr wird die epochale Strahlkraft der Romantik angezapft. Genau diese pseudo-historischen Brückenschläge erachtete der Literaturwissenschaftler Peter Bürger in Nach der Avantgarde (2014) als typisch für unsere Zeit: "Unsere Epoche ist dem Hier und Jetzt so sehr verfallen, daß sie im Vergangenen nur etwas zu sehen vermag, was gewesen ist und uns daher nicht mehr betrifft; es sei denn, daß es zufällig im Fokus eines Events steht."

Rechtschaffene Waldspaziergänge

Auch die deutsche Romantik wird zum Anlass für eine Show genommen, für ein labeling, das vorrangig den RKOL und ihrer Bewegung zugutekommt. Diese Bezugslogik ist letztlich die gleiche, mit der die Lindt-Werbungso tut, als habe ihre Schokolade tatsächlich etwas mit einem blankgeputzten Atelier des 19. Jahrhunderts zu tun, in dem ein grinsender Opa mit albernem Hut vor sich hin rührt. Das stimmt natürlich nicht, das ist längst Geschichte. Aber der Effekt einer Verlinkung wirkt. Und so wie bei Lindtplötzlich so abstruse Vokabeln wie "Conche"auftauchen, so stoßen wir in der Ultraromantik auf typisch deutsche Worte wie Tat, Heimat und Wald. Nur geht ihnen jetzt der historische und diskursive Kontext ab, der die Romantik abseits ihrer Klischees in all ihrer Bandbreite ausmacht. Stattdessen lesen wir: "Lange Spaziergänge durch alte Wälder bedeuten Rechtschaffenheit."

Die Behauptung, die Gegenwartsliteratur mit ihren "kahlen, toten Werken" müsse nun radikal verändert, ja, gerettet werden, bezirzt zwar durch ihre avantgardistische Verve, die immer schon zum Repertoire jener gehörte, die als vermeintlich Neue gegen das vermeintlich Alte antraten. Trotzdem und gerade deswegen ist sie falsch. Wer sich aus dem Gehege der RKOL herausbewegt, stößt schnell und zuverlässig auf richtig gute Literatur – mal mit, mal ohne die große inszenatorische Gebärde. Zu nennen sind andere junge Kollektive, etwa die Akademie für Letalität und Lösungen, G13 sowie Tegel-Media. Die Aktualisierung des Dorfromans, die Verarbeitung migrantischer Sujets, die Hinterfragung der sozialen und politischen Bedingtheiten des Betriebs (PS: Politisches Schreiben) –  in alledem zeigt sich die Dynamik einer Szene, die weniger ultraromantisiert gehört, sondern erst einmal in ihrer Gänze wahr- und ernstgenommen.