"Elke Erb war, ist und bleibt ausgeflippt, dem Teufel sei's gedankt", hat der Dichter Bert Papenfuß unlängst in seiner Szenefibel Psychonautikon Prenzlauer Berg erklärt. Und für diese Nobilitierung der allseits verehrten Dichterin zur Königin der poetischen Renitenz gibt es gute Gründe. Von ihrer Hinterhofwohnung im Berliner Wedding aus schickt sie seit vielen Jahren unermüdlich ihre sprachspielerisch tänzelnden Episteln, "5-Minuten-Notate" und Interventionen in die Community der experimentellen Dichter.

In der Kunst der lebensweltlichen und poetischen Abweichung hat sich die 1938 in einem winzigen Dorf in der Eifel geborene Elke Erb schon früh geübt. "Ich habe den Verhältnissen gekündigt, / sie waren falsch", heißt es in dem Bändchen Das Hündle kam weiter auf drein (2013) – eine Lebensmaxime, die seit jeher ihre Biografie bestimmt hat. Ihre Kindheit in der Abgeschiedenheit der Eifel war von Einsamkeit und Armut geprägt. In die Dorfidylle waren 1945 die Schrecken des Krieges eingebrochen, als plötzlich ein abgestürztes Flugzeug auf den Feldern lag und amerikanische Panzer über die Dorfstraße rollten. 

Keine Pseudokohärenz

Die Sechsjährige litt am Kriegsende an Unterernährung und konnte erst einmal nicht die Schule besuchen. Daniel Defoes Robinson Crusoe wurde dann zu ihrem ersten literarischen Erweckungserlebnis. Mit ihren Eltern und Geschwistern übersiedelte Erb 1949 in den neuen Staat, den "Kopfboden" DDR. Dort entwickelte die Pädagogikstudentin und Germanistin bald ihren legendären Eigensinn, der sie nach einem missglückten Intermezzo als Lektorin beim Mitteldeutschen Verlag zu jener sprachverrückten Poetin und Übersetzerin machte, die im SED-Staat Anstoß erregte. 

1968 publizierte sie ihre ersten Gedichte und heiratete Adolf Endler, mit dem sie in ihrer Wahlheimat Wuischke in der Lausitz und in Berlin kleine Stützpunkte poetischer Aufsässigkeit errichtete. Als sie Anfang der 1980er-Jahre versuchte, die ketzerischen Schreibweisen der "Prenzlauer Berg Connection" in einer Lyrikanthologie zu versammeln, gab es innerhalb des Literaturapparats der DDR Bestrebungen, sie aus dem Schriftstellerverband auszuschließen. Die Anthologie Berührung ist nur eine Randerscheinung erschien dann 1983 nur im Westen bei Kiepenheuer & Witsch, und ihr Dichterkollege Volker Braun erfand das Wort von der "Flip-out-Elke".

Seither sind rund 20 Gedichtbücher von Elke Erb erschienen, 1988 erhielt sie für ihren nach wie bevor berühmtesten Band Kastanienallee den Peter-Huchel-Preis. Nicht nur in diesem Band geschieht es häufiger, dass ein drei- oder vierzeiliges Gedicht von wuchernden Kommentaren bis zu 20 Seiten flankiert wird. Diese Lust an der poetischen Selbsterkundung via Kommentar ist das poetische Alleinstellungsmerkmal der Elke Erb, zugleich die Antriebskraft ihres "prozessualen Schreibens". Aus ihren Tagebüchern entnimmt sie Lektürenotizen und Wahrnehmungsnotizen, bringt sie in eine neue assoziativ strukturierte Ordnung, ohne dem Text eine endgültige Formgestalt zu geben. In ihren Poetolo­gischen Bemerkungen von 2015 hat die Dichterin ihr Schreibkonzept, das auf der Revidierbarkeit und Offen­heit der Form beharrt, noch einmal bekräftigt: "Mir wurde klar, dass die lineare Schreib­weise den realen Zu­sammen­hang im Bewusst­sein nicht wieder­gibt." Statt eine Pseudokohärenz herzustellen, gehe es darum, das Sprechen eines "unter­schwel­ligen Ich" aufzuschreiben: "Es spricht sozu­sagen von selbst, auto­matisch, und es gilt, es bringt Sichten ein, von denen du nichts ahntest." Es ist eine Poesie, die auf "frei­gesetzte Intel­ligenz" und auf "Energie­steige­rung" zielt.

"Das ist nicht geklügelt"

Zum 80. Geburtstag der Dichterin, die im April auch mit dem Mörike-Preis der Stadt Fellbach ausgezeichnet wird, hat nun ihr Schweizer Verleger Urs Engeler in einem roughbooks-Sonderband auf 300 Seiten ihre poetischen Arbeiten aus den letzten zwölf Jahren gebündelt. Seit nunmehr 20 Jahren ist Engeler der Verleger der im besten Sinne exzentrischen Dichterin und hat in dieser Zeit die Usancen des herkömmlichen Buchvertriebs hinter sich gelassen; seine roughbooks erscheinen ohne ISBN-Nummer und sind nur über das Internet erhältlich.

Ein autonomes Territorium der Poesie, das gut zu einer Dichterin wie Elke Erb passt.  "Ich lag und sann, da kamen Kram-Gedanken", heißt es in ihrem Idyll von 2006. "Natürlich ist es recht, den Kram im Kopf zu haben. / So hältst die Sterne du in ihren Bahnen. / Statt aus der Welt heraus zu existieren/ und fremd zu sein wie dir mehr als den Tieren. / Laß deinen Kram wie Himmelskörper strahlen und denke dir zum Abschluß Brombeerranken." Auch noch mit 80 Jahren beeindruckt Elke Erb, die Dichterin der "Kram-Gedanken" und scharfsinnigen Spracherkundungen, mit einer großen poetischen Präsenz­. Ihr flirrender Humor, ihre überraschungsbereite Ironie sind nach wie vor ihre stärksten poetischen Produktivkräfte: "Und zwar kommt das aus dem Gewächs, das ich bin", so die Dichterin lakonisch, "das kommt von selber. Das ist nicht geklügelt. Nicht ausgedacht. In Nichts."