Wie so oft zieht der Vater die gelbe Schachtel (Ernte 23?) aus der Manteltasche, nimmt eine Zigarette heraus und zündet sie an. Als er die Zigarette aus dem Mund nimmt, klebt sie an der Lippe fest und reißt ein winziges Stück Haut heraus. Ein kleiner Blutstropfen quillt hervor. "Nanu", sagt der Vater, mehr nicht, und man könnte denken, dass dies eine vollkommen unbedeutende Begebenheit sei.

Doch in diesem Buch gibt es nichts, was nicht aus gutem Grund dort steht, wo es steht. Gert Loschütz beobachtet und belauscht Details, Gesten, vermeintliche Randbemerkungen mit mikroskopischer Genauigkeit. Und sie alle werden eine Bedeutung bekommen, vielleicht nicht sofort, vielleicht erst einige Zeit später. Das sind zwei Prinzipien, die Gert Loschütz seinem Roman zugrunde gelegt hat: Zum einen funktionieren die Erinnerung und die Rekonstruktion einer Geschichte von zwei Menschen nicht bequem stringent. Das Leben geht nicht immer auf. Und zum anderen ergibt die Summe aller Beobachtungspartikel nicht zwangsläufig ein Ganzes. Was übrig bleibt, ist ein Restgeheimnis, das der Erzähler Philipp seinen Eltern, und um die geht es hier, lässt.

Eine schwierig zu durchschauende Größe

Die an der Oberlippe festgeklebte Zigarette beispielsweise ist der Anfang einer Unglücksserie, die den Vater, Georg heißt er, ereilt. Keine Katastrophen, aber selbst verschuldete Unannehmlichkeiten: Beim Brotschneiden verletzt er sich mit dem Messer. Beim Aufsammeln der Scherben eines Glases treibt er sich einen feinen Splitter unter den Fingernagel. Beim Treppensteigen knickt er um und verstaucht sich den Knöchel. Nichts davon wird kommentiert oder gar interpretiert. Aber dennoch wird völlig klar, worum es geht: Das ist ein Mann, der alt wird. Der an Souveränität verliert. Es muss nicht ausgesprochen werden. Das Nichtexplizite ist in Ein schönes Paar ein Ausdruck literarischer Eleganz und Intelligenz.

Gert Loschütz, 1946 in Genthin geboren, ist eine schwierig zu durchschauende Größe in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Im Jahr 1957 siedelte seine Familie aus der DDR in die Bundesrepublik über, Loschütz ging im mittelhessischen Dillenburg zur Schule, studierte in Berlin, lebte dort eine Zeitlang mit Elfriede Jelinek zusammen, kam nach Frankfurt am Main, wo er bis zum Jahr 2000 blieb und kehrte dann nach Berlin zurück. Sein erstes Buch veröffentlichte Loschütz 1971; die Schriftstellerkarriere ging nahezu bruchlos voran, bis er nach 1990, nach dem Erscheinen des Romans Flucht, quasi verstummte. Im Jahr 2005 erschien mit Dunkle Gesellschaft ein Roman, der auf Anhieb auf der Shortlist des seinerzeit erstmals verliehenen Deutschen Buchpreises landete und in seiner unergründlichen Schönheit zum Besten gehörte, was in den Nullerjahren zu lesen war.

Ein schönes Paar ist, wie auch Flucht, ein autobiografisch grundiertes Buch. War es in Flucht der Schriftsteller Karsten Leiser, der an den Stationen seines Erwachsenendaseins den Entwurzelungserfahrungen seiner Kindheit einen Echoraum gibt, ist Philipp Karst, der Icherzähler im neuen Roman, ein Fotograf, der der rätselhaften Liebes- und Trennungsgeschichte seiner Eltern auf die Spur zu kommen versucht.