So nah liegen Trauer, Tod und Hoffnung in der ersten Szene von Omar Robert Hamiltons Romandebüt beieinander: Mariam, eine junge Ägypterin, zählt im Leichenschauhaus die Toten, hilft, wo sie kann, veranlasst Autopsien, um Beweise zu sichern; harrt aus bei den zerschundenen Körpern, den verzweifelten Angehörigen.

Es ist der 9. Oktober 2011. In Ägyptens Hauptstadt Kairo hat das Militär eine Gruppe koptischer Christen vor dem Rundfunkgebäude Maspero mit Panzern niedergewalzt. "Wie lange wird das Töten noch weitergehen?", fragt sich Mariam. "Wie lange werden wir noch in diesem Raum eingeschlossen sein, in dem die Luft dicker ist als jede andere Luft, und die bis zum letzten Atom aus Tod besteht? (....) Atme ein. Bleib stark. Wir werden Gerechtigkeit herstellen." Noch glaubt Mariam daran, hofft, dass die revolutionäre Bewegung nicht verloren ist.

Dokumentieren, was geschieht

Hamilton, 1984 geborener Sohn einer ägyptisch-palästinensischen Schriftstellerin und eines Briten, hat ein mitreißendes Buch über die Ägyptische Revolution geschrieben. Deren Parole lautete "Brot, Freiheit, soziale Gerechtigkeit" und sie nahm ihren Ausgang am 25. Januar 2011. Angesteckt durch die Euphorie, die aus Tunis herüber schwappte, gingen die Menschen in Massen auf die Straßen und Plätze, um gegen den langjährigen Machthaber Hosni Mubarak zu demonstrieren. Auf dem Tahrir-Platz schlugen sie am 28. Januar, dem "Tag des Zorns", das Militär und die Polizei in die Flucht.

Hamilton erzählt von der euphorischen Hoffnung, der unglaublichen Energie, die darauf folgte. Und von dem grausame Scheitern. Er selbst war dabei, sein Buch trägt unverkennbar autobiographische Züge.

Im Mittelpunkt stehen Mariam und Khalil, ein Liebespaar. Khalil, ein im Ausland lebender amerikanisch-palästinensischer Ägypter, der für die Revolution nach Kairo kommt, ist deutlich an die Person des Autors angelehnt. Zusammen mit anderen jungen Aktivisten und Aktivistinnen gründen sie das Chaos-Medienkollektiv, das im wahren Leben Mosireen Collective hieß. Sie gehen mit Kameras auf den Platz, produzieren Videos, Podcasts und eine Website. Sie wollen dokumentieren, was geschieht, vor allem seit ein Militärrat nach dem vom Militär erzwungenen Rücktritt Mubaraks im Februar 2011 die vorläufige Macht übernommen hat. Sie sehen die Revolution in Gefahr und das zu Recht. 

Aufbrechende Zerwürfnisse

Polizei und Militär gehen mit äußerster Brutalität  gegen die Demonstrierenden vor, sodass es immer wieder Tote und Hunderte Verletzte gibt. Hamiltons Roman ist eine Chronologie der Ereignisse, die am 9. Oktober 2011 einsetzt  – dabei auch auf die vorangegangenen Monate Bezug nimmt –  und bis ins Jahr 2014 voranschreitet.

Dabei bedient sich der Autor verschiedener Formen und Elemente: Tweets, Schlagzeilen, Nachrichtenmeldungen und Protestparolen geben dem Roman einen dokumentarischen Charakter und helfen den Lesenden, zu verstehen, was genau vor sich ging. Die Wahlen Mitte 2012, der knappe Sieg Mohammed Mursis und damit der Islamisten – ja, das hat man damals in den Medien verfolgt. Hamilton aber macht die vielen kleinen Schritte, die aufbrechenden Zerwürfnisse innerhalb der ägyptischen Gesellschaft nachvollziehbar.

Filmen gegen des Vergessen

Dann der Militärputsch im Juli 2013 und das Massaker an den Muslimbrüdern im August mit über 900 Toten. Viele setzten damals Hoffnung in das putschende Militär, denn Mursi hatte seine Versprechen gebrochen, seine Macht schwer missbraucht. Selbst innerhalb der Gruppe der ursprünglichen Revolutionäre führte das zu Spaltungen, im Buch wie in der damaligen Realität. Doch der Militär Abdel Fattah al-Sissi, seit 2014 Präsident des Landes, hat die Revolution ebenso gekapert wie zuvor die Islamisten – es ist nichts mehr übrig von ihr, so oft sie von ihren Gegnern auch im Munde geführt wird.

Doch Hamilton ist nicht nur Chronist, sondern auch feinfühliger wie lebendiger Erzähler. So widmet er den Eltern der Toten und der Märtyrer Porträts, in denen Mutter oder Vater in ihrem Schmerz sichtbar sind und gewürdigt werden. Etwa Abu Bassem, der täglich im Internetcafé ein Youtube-Video seines Sohnes anschaut, den auswendig gelernten Klicks folgend und immer bangend, jemand könnte es heute gelöscht haben.

Die Folgen der Folter

Der Autor beschreibt höchst anschaulich den aufreibenden Alltag des Chaos-Kollektivs. Und auch, wenn er die brutalen Angriffe von Polizei und Militär auf dem Tahrir-Platz oder an anderen Stellen der Stadt schildert oder die Einsätze des OpAntiSH (Operation Anti Sexual Harassement)-Teams, das in die Menge vordringt, um den vergewaltigen Frauen auf dem Tahrir zu helfen, verbindet sich seine Beobachtungsgabe mit einem erzählerischen Sog. Es ist wohl kaum möglich, Menschen mittels der Literatur dichter an diese Mischung aus Gewalt, Angst, aber auch das Fieber der Euphorie – die sich allerdings zunehmend verflüchtigt – heranzuführen.

Es schwindet auch die Hoffnung. Freundinnen und Freunde von Mariam und Khalil werden verhaftet. Einer stirbt an den Folgen der Folter. Quälend die Gedanken. Die vielen Toten – wofür? "Wie konnte uns das passieren? Immer wieder und wieder und wieder und wieder. Fragen. "

In Ägyptens Gegenwart sind willkürliche Verhaftungen unliebsamer Personen im Namen der Terrorbekämpfung ebenso an der Tagesordnung wie Folter durch die Polizei. Gegenkandidaten für die Wahlen im März 2018 werden verhaftet oder eingeschüchtert.

Flammendes Zeichen der Erinnerung

Auch der Glaube an die Utopie der sozialen Medien, dass man durch Bezeugen der begangenen Verbrechen die Verbrecher zur Rechenschaft ziehen könne, ist längst verloren, ja in sein Gegenteil verkehrt: Mit den vom Militär gesendeten Fernsehaufnahmen des Massakers an den Muslimbrüdern, so sagte es Hamilton in einem Interview, habe der Staat die Bilder als Drohung verwendet und "den Terror in die kollektive Psyche des Landes" eingebrannt., während er die Erinnerung an den Januar 2011, die Ideen der Revolution bis heute unter Strafe stellt und zu löschen versucht.

Gerade hat das Mosireen Collective sein gesamtes Archiv-Material ins Netz gestellt, ein Versuch, dem Vergessen entgegenzuwirken. Und auch Hamiltons Buch ist ein flammendes Zeichen der Erinnerung. Nicht zuletzt an die vielen, die gestorben sind oder bis heute in Gefängnissen sitzen.

Omar Robert Hamilton: "Stadt der Rebellion". Roman. Aus dem Englischen von Brigitte Walitzek. Wagenbach, Berlin 2018. 320 Seiten, 24 Euro.