Im Norden Rumäniens wird ein offensichtlich kommunistisches Massengrab aus den Fünfzigerjahren gefunden. Schnell tauchen Experten aller Couleur auf, zweifeln die Datierung der Grabstelle an. Ein Eremit ruft zum Trauermarsch auf, Tante Paulina liest aus dem Kaffeesatz, ein Archäologe namens Petrus kämpft gegen seine Magenschmerzen und bis zur Lächerlichkeit für das eigene Geschichtsbild. Diese lokale Farce, aus den vielen Perspektiven und in genauer Bildsprache meisterhaft gestaltet, nannte sich Kleine Finger und erschien vor einem knappen Jahrzehnt. In zwölf Sprachen wurde der Roman übersetzt (deutsch bei Suhrkamp) und begeisterte überall die Leser und Kritiker, ebenso euphorisch feierte die Kritik auch Alle Eulen, den nächsten Roman des rumänischen Autors – und doch, Filip Florian ist kein Name, den man als hierzulande durchgesetzt bezeichnen kann, seine Bücher haben auf dem deutschsprachigen Buchmarkt noch lange nicht die Anzahl an Lesern erreicht, die sie verdienen.

Versenkt in diese große Ungerechtigkeit sitze ich im Café Legere, mitten im Bukarester Autolärm, da steht plötzlich ein strahlender Autor über mir. Handschlag, Lächeln, milde Stimme. "Ich komme gerade aus dem Schweizer Schreibexil", sagt Florian, "habe nach zwei Monaten den Scheitelpunkt meines neuen Buches erreicht. Eine Art Alpengipfel, von dem der Blick nun ins hintere Tal des Buches fällt." Es fehlt nur noch, dass er sich nach hinten lehnt und die Arme lässig hinter dem Kopf verschränkt. Warum überrascht mich sein Schreibglück?

Florian erweist sich danach als ein Mensch, der gerne von sich ablenkt. Er zeigt mir auf dem Handy die Malerei seines Sohnes, er spricht über seine Freundschaft zu Attila Bartos und gibt mir rumänische Lektüretipps. Es dauert lange, bis wir auf sein aktuelles Manuskript zu sprechen kommen, aber schließlich erzählt Filip Florian von der Zeit zwischen den Weltkriegen und dass es im rumänischen Bewusstsein keine Graustufen dafür gibt, nur Verherrlichung und Katastrophismus. "Meine Hauptfigur ist ein rumänischer Offizier, der wunderbare Lebensmomente genießt, aber dann mitverantwortlich ist für das Massaker von Odessa." "Du schreibst aus der Täterperspektive?", frage ich sofort. Er nickt, zieht dabei die Stirn in Falten. Was soll ich machen, meint das, es waren doch rumänische Truppen, die im Oktober 1941 bis zu 40.000 Juden umgebracht haben. Und liegen nicht gerade in Südosteuropa zu viele Kriegsverbrechen uneingestanden herum? Ich muss doch Verantwortung für das Bild übernehmen, das Rumänien in Zukunft von sich hat.

"Ihr denkt eher in Generationen, oder?"

Das alles lese ich aus seinen Stirnfalten, und es wird Zeit, dass wir das Café Legere verlassen. Florian raucht einen selbstgedrehten Zigarillo, wir spazieren noch hinüber zum Universitätsplatz, auf dem er als junger Journalist die Revolution erlebte. So vieles findet auf diesem Platz zusammen, sagt er, Kraft, Illusionen, Gewalt, dafür bräuchte es wohl ein weiteres Gespräch. Filip Florians Stimme wird immer milder und leiser, und dann verschwindet sie mit ihren Erinnerungen zwischen den Passanten.

Am nachfolgenden Tag reise ich nach Brașov, das im Stadtbild noch immer deutsche Wurzeln offenlegt, ein Gemeinderaum hier, eine Kneipe namens Die Stube dort. Der Unidozent Adrian Lacatus heißt mich willkommen, auch die folgenden Gesprächspartner wirken sehr verbindlich in ihrer Gastfreundschaft, was ich von meinen Reisen auf den südlicheren Balkan nicht gewöhnt bin. Lacatus führt mich in die Tücken der rumänischen Literaturgeschichtsschreibung ein: "Ihr denkt eher in Generationen, oder? In Rumänien wird kleinteiliger gezählt, hier ordnen sich alle Autoren einer Dekade zu. Entscheidend ist, wann ihr erstes Buch erscheint." Er nennt es generös ein homogenisierendes Überbleibsel aus sozialistischer Zeit.

Die jungen Lyrikerinnen und Lyriker, die ich am Abend in der Kneipe Tipografia treffe, sind demnach allesamt 2010er. Einige von ihnen werden in Anthologien auf der Leipziger Buchmesse präsent sein. Lyriker sind in jedem europäischen Land gut vernetzt, anders als Prosaautorinnen und -autoren machen sie kein Geheimnis um jahrelang gehütete Projekte. Und dann haben sie einfach weniger zu verlieren, weil sie noch weniger an ihrer Kunst verdienen. Was in Brașov zuerst auffällt: Diese Köpfe sind an die schnellste Netzverbindung Europas angeschlossen. Pausenlos flirren Filmzitate über die Bierkelche, werden Serien abgefragt, und mit jeder Blöße, die ich mir gebe, sacken Robert G. Elekes und Vlad Dragoi tiefer in sich zusammen, als verzweifelten sie an mir, an allen älteren Menschen, und auch ein wenig an ihrem Codex der Übersättigung. Am Ende teilen wir aber immerhin die Kneipe, und das ist ja gar nicht zu verachten.

Weltflucht und Fatalismus

Interessanter werden Reizüberschuss und Servergeschwindigkeiten am nächsten Morgen, im Abgleich mit der Zugfahrt durch Siebenbürgen. An den Karpaten entlang bis hinauf nach Cluj sind es knapp 300 Kilometer, ich werde aber acht Stunden unterwegs sein. Zwei ältere Damen sitzen mir gegenüber und lösen Sudoku. Beide haben ihre Smartphones gezückt. Ein Händler, Trainingsanzug in Ballonseide, wirft fünfzehn eingeschweißte Haushaltsgegenstände auf unser Tischchen und sammelt sie nach einer Minute wieder ab. Neben mir liest ein 20-jähriger Wirtschaftsstudent über die Handelsbeziehungen der rumänischen Holzindustrie. Ich schiele auf seinen Bildschirm und lese nur einen einzigen Satz: "Die Methoden, mit denen die Performances evaluiert wurden, sind zu unterschiedlich, um irgendein Urteil über die rumänische Holzindustrie erstellen zu können." Bald gibt auch der Student auf. Draußen ist Siebenbürgen – ein Land, das ich nur aus der Literatur kenne. Vieles ist weniger Haus als Behausung. Die Wehrkirchen. Dracula. Winternässe. Maisfelder. So stolzer geknickter ausgetrockneter Mais – jeder Stängel ein Don Quijote. Mir fällt Herta Müllers poetische Selbstauskunft ein, von den Maisfeldern im Banat, in denen sie fürchtete, als Kind verloren zu gehen, "man konnte tagelang in dem gleichen Feld Mais brechen oder hacken", schrieb sie, "und da hab ich immer gedacht: Wenn man herauskommt, ist man alt."

Im Nachtzug nach Bukarest

Am nächsten Morgen, ein Sonntag, wandere ich mit Vlad Moldovan zwischen Schafsherden herum. Aus Florești, einer Vorstadt von Cluj, sind wir in die sanften Hügel gestiegen. Rundherum ist Grün. Und als sei der Ausblick nicht schon erhaben genug, dringen Kirchenglocken aus dem Tal zu uns herauf. Und da legt sich nun auch noch Chorgesang aus einem Monasterium drüber. Vlad lächelt. In seinen neuesten Gedichten betrachtet er die Glitches, algorithmische Fehler, die ein System (auch das künstlerische System) auf ein neues Level heben können. Er kennt sich aber auch in der Mystik und Astrologie aus, und als ich ihn auf die medienhysterische Stimmung seiner jungen Brașover Kollegen anspreche, lächelt er nur noch etwas mehr. Wir sitzen dann den ganzen Tag über seinen klugen Gedichten und spielen das Rumänisch-Englisch-Deutsch-Spiel. Natürlich weiß ich am Ende nicht, ob meine Übersetzungen auch nur halbwegs gelungen sind, aber Freude immerhin haben wir produziert. Zu Vlads innerer Ruhe gesellt sich am Abend, durchaus passend, die Ausdauer seines Bruders: Rares Moldovan, Autor und Literaturdozent in Cluj, sitzt seit zehn Jahren an seiner Übersetzung des Ulysses.

Im Nachtzug zurück nach Bukarest ist es so warm, dass ich nicht zur Ruhe komme. Also hole ich die deutschen Fahnen eines in diesem Frühjahr übersetzten Buches hervor, das schon 1984 in Rumänien erschienen ist. "So saßen sie wie zwei Heilige ohne weltliche Aufgaben, nur kontemplierend und tratschend", heißt es über den Geografen Ioan und den Armenier Zadic, dieses männliche Anti-Helden-Paar in Ștefan Agopians Handbuch der Zeiten. Der Plural im Titel sagt schon viel aus – mühelos bewegen sich die beiden Männer durch Zeit und Raum, machen osmanische, griechische, russische Einflüsse auf ihr Dasein geltend, sie lassen Fabelwesen auftauchen und schweben selbst engelsgleich durch die Lüfte, um im nächsten Moment unsanft auf einer Parkbank zu landen oder gar im räudigen Lazarett am Ende ihrer Existenz. Entweder sie trinken dabei Fusel oder sie sehnen sich nach der nächsten Flasche. Weil der Großteil ihrer Betrachtungen um das Jahr 1800 kreist, überlas die rumänische Zensurbehörde einst die durchaus deutlichen Allegorien auf den Sozialismus. Wofür steht wohl der lächerliche Pandidaktenkongress? Warum wird ein Spion auf die beiden nutzlosen Schelme angesetzt? Agopian macht sich sogar über die Gründe für Landesverrat lustig, indem er eine "Liste derer, die sagten" einflicht: "Radu Gabu – sagte, es ist nicht gut ... Ioan Alexandru – sagte, er träumt schlecht ... Vasile Cocos – sagte, er macht keine Kinder... Gheorghe Caragic – sagte, es geht noch schlimmer."

Ein goldener Sirup

Eine Seite dieser Prosa ist Weltflucht und Fatalismus, sind Hunger, Kälte, schimmelige Wände und zwei Hauptfiguren, die mit dem Fernglas immer schon ins schwarze Auge der nächsten Kanone blicken. Die andere Seite aber, die den Text durchstrahlt wie eine milde Morgensonne, ist dessen Witz und die gelassene Metaphorik. Agopians Buch wirkt in seinem Eigensinn nie angestrengt, sein Ton nimmt ebenso Samuel Becketts Prosa in sich auf wie die satirischen Großwerke von Flann O’Brien oder Halldor Laxness.

Auf gerade einmal einhundert Seiten hat Agopian sein sonst eher überquellendes Romanschreiben im Handbuch der Zeiten (Verbrecher Verlag) eingekocht. Zu einem goldenen Sirup, muss man sagen. Die ganze Meisterschaft zeigt sich im Schlusskapitel, in dem Agopian das Licht immer mehr dimmt und auf den Tod seiner Helden zusteuert. Anzunehmen, dass das schmalste Buch unter den rumänischen Übersetzungen in Leipzig das gewichtigste sein wird.

Der Nachtzug kommt auf die Minute pünktlich am Gara de Nord an, nur geschlafen habe ich kaum. Ein langer Spaziergang führt mich über den Hotelumweg auf die Prachtstraße Calea Victoriei und hinauf bis ins Botschaftsviertel. Dort treffe ich zum Mittagessen die grande dame der rumänischen Literatur, Gabriela Adameșteanu. Ihre Übersetzungsgeschichte im deutschen Sprachraum ist wenig schlüssig. Der Schöffling-Verlag hat 2013 ihr Debüt verlegt, während ihr Opus Magnum, das Der verlorene Morgen heißen müsste und eine imposant schnatternde Rentnerin durchs rumänische 20. Jahrhundert begleitet, auch in diesem Frühjahr noch nicht vorliegen wird. Dafür erscheint auf der Leipziger Buchmesse aber Begegnung (im Wieser Verlag). Dass Adameșteanu in Rumänien jeder und jeden kennt, zeigt sie auf charmante Weise – sie telefoniert so lange nach einem Übersetzer herum, bis ich beginne zu glauben, sie könnte ihn absichtlich vergessen haben.

Die 2010er schreiben szenisch, lakonisch, milieugenau

Natürlich hat sie Erfolg, und als wir zu dritt sind, spricht sie über das Buch, indem sie dessen Entstehungsgeschichte Schicht für Schicht abträgt. Das ist insofern lustig, als dass die Autorin damit die Arbeit des Mannes spiegelt, dem sie das Buch gewidmet hat. "Für Begegnung hat mein eigener Onkel Pate gestanden", erzählt Adameșteanu, "Dinu ist in den Dreißigerjahren nach Rom ausgewandert und später Archäologe geworden. Ein Museum in Potenza trägt sogar seinen Namen." Seit 1985 hat sich die Autorin mit dem sozialistischen Tabuthema Emigration beschäftigt, "zunächst entstand aber, auch damit ich die Zensur umging, eine hundertseitige, konfus poetische Novelle voller Brüche, Sprünge und Perspektivwechsel, die nur in einer Zeitschrift gedruckt wurde."

Als sie 2003 ihre Geheimdienstakten eingesehen hatte, nahm Adameșteanu den Stoff wieder hervor, grub sich tiefer ein in die Geheimnisse der emigrantischen Odyssee. In der endgültigen Fassung von Begegnung kehrt der erfolgreiche Biologe Manu Traian für einen Vortrag nach Rumänien zurück, wo er innerhalb weniger Tage zwischen die Mühlsteine der Verwandtschaft und der Securitate gerät. Die einen erhoffen sich, dass er sie auch nach Italien bringt, die anderen wittern ihre Chance, einen gelehrten Auslandsspion zu gewinnen. Unter den Zudringlichkeiten geht Traian, der schon vor der Reise von Erinnerungen geplagt wurde, nun endgültig kaputt. Parallel zu diesem inneren Prozess erweitert die Autorin klug das Register der Zersetzungstechniken, mit denen der Geheimdienst ins Private eindringt. Eindrucksvoll liest sich auch der bildreiche Einstieg in den Roman: Vielfach variiert Adameșteanu hier Traians Angsttraum, im Zug ohne Fahrschein angetroffen und bloßgestellt zu werden.

Aber auch die jüngste Generation kann viel über Emigration erzählen. Mit Lavinia Braniște trinke ich abends Bier im Control, einem angesagten Bukarester Club, benannt nach dem legendären Song von Ian Curtis, in welchem er den epileptischen Anfall einer jungen Frau beschreibt. "Also wenn ich meine Heldin im Buch hier tanzen lasse", sagt die Autorin kühl, "geht es auch nicht um Kontrolle, sondern um vorsätzlichen Kontrollverlust." Braniște ist 1983 geboren, wir sprechen über ihren Debütroman, Null Komma Irgendwas, den der Mikrotext-Verlag im Leipziger Buchfrühling vorstellen wird. Darin flüchtet eine Dreißigjährige vor ihren brotlosen Kulturjobs in die Baubranche, wird Assistentin in einem Büro, das staatliche Posten verteilt. Ihre Chefin ist selten mit ihr zufrieden, das Geld geht selten einen geraden Weg.

Die kulturelle Kluft

Was dieses Alltagsleben mit Emigration zu tun hat? Nun ja. Wie Lavinia Braniște selbst ist auch ihre Figur mit den Großeltern aufgewachsen, weil die Mutter kurzentschlossen nach Spanien zog, um im Touristikgewerbe zu arbeiten. Ein exemplarischer Fall, spätestens seit Wegfall der Visumspflicht 2002 leidet Rumänien unter Abwanderung und Braindrain. Was dem Roman ein langes Echo gibt, ist nun der Heimaturlaub der Mutter, die in einer Art emotionsloser Sorge erstarrt ist, während ihr Kind – immer schon auf sich allein gestellt – nicht mehr nach Träumen und Bedürfnissen schürft, sondern sein Leben darauf ausrichtet hat, im Bürojob zu funktionieren. Das ist stark erzählt. Noch immer kränkt man einander, hat aber mit der Unverzeihlichkeit der Trennung ebenso zu leben gelernt wie mit der kulturellen Kluft zwischen Spanien und Rumänien. 

Auch Braniște gehört zur 2010er-Dekade. So wie Mihai Duțescu, aus dessen Buch Uranus Park ich einen Auszug auf Englisch lese. Es spielt ebenso im Architekturmilieu, allerdings mit baumafiöser Klientel. Die 2010er schreiben szenisch, lakonisch, milieugenau. Und mit einem starken Interesse daran, dass ihre Hauptfiguren im rumänischen Alltag nicht verloren gehen. Ausgerechnet der Verleger Bogdan-Alexandru Stănescu hat kürzlich einen Prosaband vorgelegt, den ein Großteil der Bukarester Literaturwelt ehrfürchtig als Testament der 2000er bezeichnet. "Ein tolles Buch. Hier ist alles", sagt die Lyrikerin Cosmina Morosan, "was Stănescus 2000er und ihr Schreiben ausgemacht hat, aufs Pointierteste begraben." Stănescus Buch trägt die Kaspar-Hauser-Gestalt im Titel, es spielt im Literaturbetrieb, soll geprägt sein von Süchten, Marketingblasen und Trashkult, von einer Anti-Bürgerlichkeit, die eigentlich schon Nihilismus ist und womöglich an Agopians Helden anschließt.

Leider keine Farce

Aber auch dieses Buch liegt noch nicht übersetzt vor. Insgesamt werden nur wenige junge rumänische Prosastimmen auf der Leipziger Buchmesse zu entdecken sein. Zu wenige. Und es sind ausschließlich die kleineren deutschsprachigen Verlage, die Rumänien als Schwerpunktland ehren und vorab eine Übersetzungsförderung beantragt haben. Schreckt man vor der Literatur zurück, oder ist es doch eher das Bild, das die Politik der postkommunistischen Mehrheitsregierung dieser Jahre vermittelt? Wer nur etwas genauer hinsieht, erkennt, dass viele politische Karrieren in Rumänien auf gefälschten Lebensläufen beruhen. Die PSD lockert unter ihrem Parteichef Liviu Dragnea die Korruptionsgesetze und geht immer störrischer gegen die Justiz zu Werke. Und selbst vor dem Medium Buch machen die Angriffe nicht Halt.

Kaum zu glauben: In Rumänien wird Gefängnisinsassinnen und -insassen für jedes veröffentlichte Buch ein Monat Haftzeit erlassen – ein Umstand, den seit einigen Jahren vor allem die potenten, wirtschaftskriminellen Häftlinge für sich zu nutzen wissen. Und so stellte, während ich die Schriftstellerinnen und Schriftsteller traf, auf dem Podium der Bukarester Buchmesse der Medienunternehmer Dan Voiculescu – für zehn Jahre verurteilt, nach dreijähriger Haftstrafe entlassen – sein zehntes und letztes Buch vor, das er im Gefängnis eigenhändig verfasst haben will.

Dies ist leider keine Farce aus der Schreibmaschine von Filip Florian oder George Orwell, sondern Teil der Öffentlichkeit. Zu den Fake-News entstehen hier also bereits die fake books, die das Verfassen von schöngeistigen oder wissenschaftlichen Texten akut beeinträchtigen und gefährden. Vielleicht sollte man ihnen deshalb mehr Gehör schenken, den starken rumänischen Stimmen in Leipzig, der Literatur von Agopian, Adameșteanu, Florian und Braniște.