Der Autor hat im Laufe der Literaturgeschichte schon vieles durchgemacht. Einstmals, noch in der schillernden Goetheepoche, stand er ganz oben auf dem Sockel, auch über hundert Jahre später gelang es dem poeta laureatus Stefan George nochmals, einen regelrechten Kult um ihn zu betreiben, bis dann der große Sturz vom Podest folgte. So sprach der französische Poststrukturalist Roland Barthes Ende der sechziger Jahre gar vom "Tod des Autors". Und wo stehen wir heute? Zwei Bücher suchen mit teils komplexen Erzählarchitekturen nach Antworten auf die Frage, wohin es denn die schreibenden Schöpfer in der Spätmoderne verschlagen hat.

Mit Stefan Kutzenbergers Debüt Friedinger gelangt man zu einer recht tröstlichen Einsicht: Entgegen aller Bestattungserklärungen gibt es den Autor noch bei ihm, obgleich er vermeintlich etwas an Handlungsmacht eingebüßt hat. Dass wir es bei dem aus Linz stammenden Neuling im Literaturbetrieb nicht mit einem Narzissten zu tun haben, wird uns schon früh bewusst. Denn Kutzenberger, der sich als Figur kurzerhand selbst in seine Story begibt, erzählt anfangs von seiner gescheiterten Existenz, der Unvereinbarkeit von sexueller Freiheit und Familie und von gleich drei unvollendeten Romanprojekten. Um nun doch endlich aus der Schreibblockade herauszufinden, begibt er sich auf die Insel Kreta. Statt jedoch dort sein Opus magnum niederzuschreiben, lässt er sich von dem titelgebenden Reisenden ablenken. Dieser führt ihn und subtil auch uns Leser in einen hitzigen Politthriller à la Hollywood um Waffengeschäfte, Mord und einen versteckten Kunstskandal ein – und schon hat Kutzenberger den besten Stoff für seinen literarischen Erfolg.

Herrlich irre

Sichtlich orientiert Kutzenberger sich an den verschachtelten und mehrere Fiktionsebenen einbeziehenden Konstruktionen der Romantiker E.T.A. Hoffmann oder Eduard Mörike. Zudem kokettiert er in seiner Geschichte stets mit Hinweisen auf die Machart von Friedinger selbst. Beispielsweise hielt der Erzähler einmal einen literaturwissenschaftlichen Vortrag zu der "Autobiografie als Rahmenhandlung der Fiktion".

Wie viel in diesem Werk tatsächlich verbürgt ist und was nicht – das hält der Text in der Schwebe. Und dem Autor, ganz im Besitz all seiner Vitalkräfte, ist glücklicherweise auch nichts zugestoßen. Als besonders souverän erweist er sich allerdings nicht. Das amüsante Spiel des Romanciers, das indirekt doch eine recht starke Autorenposition offenbart, besteht gerade darin, dass sein Alter Ego eben nicht so ganz die Fäden in der Hand behält, die Realitätsebenen sich überlappen und ein Erzählen im Erzählen zum Programm avanciert – ein kesser, herrlich irrer Text!

Im Fall von Clemens J. Setz’ essayistisch angelegten jüngsten Buch fällt die Diagnose, was den literarischen Schöpfer anbetrifft, tragischer aus. Wie der Titel Bot. Gespräch ohne Autor schon andeutet, hat der Schriftsteller abgedankt. In einem fiktiven Interview steht eine Software Rede und Antwort, die inhaltlich auf Texte des 1982 geborenen Literaten zurückgreift. Setz‘ "ausgelagerte Seele" ergeht sich auf fast 200 Seiten in einem ausufernden Geschwätz: über einen Kran namens "Ursus" in Triest, über Gotik, über sein Lebensthema: die Tiere, Sommersprossen als Fotoplatten etc. Indem er dann noch Gabriel García Márquez in die Steiermark versetzt, ist auch für genügend Gaudi gesorgt.

Scheinbarer Kontrollverlust

Aber mal ehrlich: Nie passen die Antworten zu den Fragen; verkrampft bemüht sich Setz uns mittels Abschweifungen und unzähliger Gedankensprüngen zu einem dauerhaften Um-die-Ecke-Denken zu bewegen. Obgleich er den vermeintlichen Verlust des Autors durch die Maschine thematisiert, wird dessen Einfluss ungewollt überdeutlich, nämlich in einer anstrengenden Überkonstruiertheit des Werks. Überdies wird der technische Aspekt völlig vernachlässigt, denn sprachlich unterscheidet sich das, was der Bot so alles palaverhaft ausspuckt, kaum von dem, was Setz stilistisch ansonsten produziert. Kurzum, als Experiment mag dieses Buch spannend anmuten, als Lektüre kommt es einer Qual gleich.

Was bleibt also vom Autor in der zeitgenössischen Literatur? Weder ist er tot noch ist er ein Heiliger. Vielmehr profiliert er sich als ein Spieler, der Freude an der Ironie hat. Er täuscht sowohl bei Kutzenberger als auch Setz – man könnte ferner unzählige andere wie etwa Thomas Meinecke, Thomas Melle oder Tex Rubinowitz nennen – seine Annulierung allenfalls vor. Selbst dort, wo ihm der scheinbare Kontrollverlust droht, macht er sich bemerkbar und zeigt sich als im Erzählen voll und ganz verstrickt. Dadurch gewinnt er vielleicht nicht zu sehr an Genialität, umso mehr wirkt dafür eine Aura des Geheimnisvollen. Das Rätsel um Tod oder Leben, Wirklichkeit und Erfindung des Autors vermag in Zeiten, in denen man ihm angeblich zu Grabe getragen hat, potenziell erst recht eine ungebrochene Faszinationskraft zu erzeugen.

Stefan Kutzenberger: Friedinger. Deuticke. 256 Seiten, 22,00 Euro

Clemens J. Setz: Bot. Gespräch ohne Autor. Suhrkamp. 180 Seiten, 20,00 Euro