Anders Behring Breivik wollte sich auf kein Gespräch einlassen. In einem der Briefe, die er mit der norwegischen Journalistin Åsne Seierstad wechselte, kündigte er zwar seine Bereitschaft dazu an und schrieb, sie könne sich durch ein Interview mit ihm "Ihre Hände in Unschuld" waschen, "falls jemand behauptet, Sie seien eine nützliche Idiotin für mich gewesen oder so."

Doch Breivik änderte seine Meinung, und Åsne Seierstad schrieb ohne ein Interview ihr Buch über ihn und seine Opfer und den schwarzen Freitag im Juli des Jahres 2011, an dem Breivik 77 überwiegend sehr junge Menschen in Oslo und auf der kleinen Insel Utøya ermordete.

Einer von uns heißt das Buch, es wurde 2013 in Norwegen veröffentlicht und drei Jahre später auch in vielen anderen Ländern. Åsne Seierstad erhält nun am heutigen Mittwoch explizit dafür bei der Eröffnung der Leipziger Buchmesse den diesjährigen Buchpreis zur Europäischen Verständigung. Die Jury bezeichnete Einer von uns als "dokumentarischen Roman", der "allgemein Anwendbares über die bedrohliche Zeit, in der wir leben" enthalte. Und sie lobte Seierstad dafür, "uns mit dem ganzen katastrophalen Ausmaß des Geschehens zu konfrontieren, in dem sie uns die Tragödie des Einzelnen vor Augen führt."

Der Prolog des Buches ist reißerisch

Tatsächlich beginnt Seierstad ihr Buch mit einer Szene vom Geschehen auf Utøya: mit den Jungen und Mädchen, die sich vor Breivik verstecken. Und mit Breivik, der auf der Suche nach immer wieder neuen Opfern auf der Insel herumstreift. Hin und her geht es perspektivisch: "Sie duckte sich und kroch weiter. Alle suchten nach Verstecken. Es war zu spät zum Davonlaufen.", beschreibt Seierstad das Verhalten eines Mädchens. "Nach dem ersten Schuss war alles leichter.", weiß sie über Breivik.

"Der erste Schuss hatte Überwindung gekostet. Es war fast unmöglich gewesen, aber nun schritt er entspannt voran, die Pistole in der Hand". Und dann, noch eine Spur allwissender, vermutlich mit den Erkenntnissen aus gerichtsmedizinischen Akten: "Sekunden später wurde der Junge, der den Arm um sie gelegt hatte, getroffen. Der Schuss durchschlug seinen Hinterkopf, die Kugel splitterte beim Eindringen auf, traf das Kleinhirn und zerfetzte den Hirnstamm."

Man kommt nicht umhin, diesen Prolog "reißerisch" zu nennen. Seierstad schreibt actiongetrieben und macht keinen Hehl daraus, dass es ihr nicht nur um das Leid der Opfer und die Einfühlung in diese und den Täter geht, sondern auch um Spannung. Ihre Ouvertüre ist eine Anzahlung für das, was sie später auf knapp hundert Seiten im Buch schildert, von Breiviks Bombenanschlag in Oslos Regierungsviertel bis hin zu seiner Mordraserei auf Utøya, an deren Ende er sich den Polizisten mit den Worten stellt: "Nicht ihr seid meine Feinde. Ich betrachte euch als meine Brüder. Auf euch habe ich es nicht abgesehen."

Breivik zeigte früh Verhaltensauffälligkeiten

Vorher jedoch erzählt Seierstad Breiviks Werdegang und unterbricht diesen Bericht immer wieder mit Szenen aus dem Leben einiger Opfer, unter anderem von Bano, einer jungen kurdischen Einwanderin, die mit ihren Eltern und zwei Geschwistern in den späten neunziger Jahren nach Norwegen einwandert.

Seierstad beginnt mit Breiviks Geburt als Sohn eines Diplomaten und einer Frau, deren "Leben voller Verluste war. Und Einsamkeit". Der Vater verlässt die Familie früh, er ist inzwischen das vierte Mal verheiratet. Der kleine Anders wächst bei seiner Mutter und der älteren Schwester auf und zeigt früh Verhaltensaufälligkeiten. Das Jugendamt und jugendpsychiatrische Dienste werden eingeschaltet. "Anders fehlt es an Spontaneität, Bewegungsdrang, Fantasie und Empathie", heißt es zum Beispiel. Doch mit zunehmendem Alter unterscheidet sich Breiviks Leben nicht so sehr von dem anderer Heranwachsender.

Er treibt sich im Sprayer- und Hip- Hop-Milieu herum, bricht nach der Schule Ausbildungen ab, gerät in die Kreise der fremdenfeindlichen Fortschrittspartei, verdient Geld mit der Herstellung gefälschter Diplome, durchaus viel Geld, "er wurde reich!", beginnt im Netz Beiträge zum Islam zu schreiben – und zieht 2006 nach dem Ende seiner Diplomfälschungsfirma wieder bei seiner Mutter ein, wo er sich in den Weiten des Internets verliert, besonders in Spielen wie World Of Warcraft.

Es ist schwer, in dieser seltsam mäandernden Biografie eines sozialen Außenseiters die entscheidenden Bruchstellen zu entdecken, auch nicht, als Breivik beginnt, auf einem alten Bauernhof seine Bomben zu basteln. Seierstad vermittelt zwar eine große Nähe zu ihrem Helden, hält sich aber vielleicht genau deswegen dankenswerterweise mit Urteilen zurück.