"Soziologische Feinmalerei", so nannte er das zentrale Thema seiner Essays. Michael Rutschkys Texte entstanden draußen auf der Straße, drinnen bei Gesprächen – mitten im Leben. Der Alltag hieß denn auch das vierteljährlich erscheinende Magazin, dessen Redakteur er 1985 wurde. Es trug den Untertitel Die Sensationen des Gewöhnlichen – lange bevor der Alltag von Zeitungen als Inspirationsquelle wiederentdeckt wurde. Rutschky widme sich lieber der anschaulichen (oft auch komischen) Beschreibung, wie Gedanken und Meinungen entstünden, anstatt zur großen Welterklärung anzuheben, hat Kurt Scheel, mit dem er bei der Zeitschrift Merkur zusammengearbeitet hat, einmal über ihn gesagt: Rutschky sei "das Gegenteil eines Leitartiklers".

Am Sonnabend ist der Autor und Fotograf mit 74 Jahren in Berlin gestorben, wie die Deutsche Presse-Agentur berichtet. Geboren am 25. Mai 1943 in Berlin und aufgewachsen im hessischen Spangenberg galt er lange als Teil der West-Berliner Bohème. Er analysierte sie und seine Altersgenossen im akademischen Milieu in dem 1980 veröffentlichten Buch Erfahrungshunger. Ein Essay über die siebziger Jahre. Es fand große Beachtung, der Tagesspiegel lobt es als "wichtigstes Buch über die Zeit nach 1968". 

Michael Rutschky hat in Frankfurt am Main Soziologie, Literaturwissenschaft und Philosophie – unter anderem bei Adorno und Habermas – studiert. Bis zu seiner Promotion wirkte er als Sozialforscher an der Freien Universität Berlin, danach als Redakteur bei Merkur, Transatlantik und dem 1997 eingestellten Alltag, bei dem er später Mitherausgeber wurde. Auch für Radio und Fernsehen arbeitete er.

In Berlin erkundete er die Veränderungen seines Alltags tagtäglich, bis zu deren Tod 2010 zusammen mit seiner Frau, der Pädagogin und Publizistin Katharina Rutschky (Schwarze Pädagogik). Rutschkys Cockerspaniel war immer dabei, die Kamera ebenso. Daraus wurde zum Beispiel 2001 der Text-Foto-Band Berlin. Die Stadt als Roman, die Aufzeichnungen eines Flaneurs.

Zuletzt sind von ihm 2017 die Tagebuchaufzeichnungen In die neue Zeit erschienen. Darin berichtet er über seine Sicht auf die deutsche Umbruchphase 1988 bis 1992. Der Berliner Literaturwissenschaftler Erhard Schütz schwärmt von Rutschkys "ausschweifendem Hinwenden" und schreibt: Wie lange ist das nun auch schon wieder her.